Die Wiedereröffnung des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen gibt der sorbischen Volksgruppe in Sachsen und Brandenburg neuen Auftrieb.

Auf nur fünf bis zehn Prozent wird der Anteil der Sorben an der Bautzener Bevölkerung geschätzt, doch alle Straßen und öffentlichen Gebäude sind zweisprachig beschildert. In den Informationsbroschüren wird der nationalen Minderheit viel Platz eingeräumt, obwohl die malerisch gelegene Stadt über jede Menge anderer Auffälligkeiten und Sehenswürdigkeiten verfügt. Man ist auf die Anwesenheit nicht nur zweier Konfessionen, sondern auch zweier Völker nachgerade stolz.

So wie sich Evangelische und Katholiken seit der Reformation den Dom räumlich und zeitlich teilen, betreiben Deutsche und Sorben seit 1963 ein gemeinsames Theater, die einzige zweisprachige Berufsbühne Deutschlands - für eine Volksgruppe von heute 60.000 Mitgliedern ein wahrer Schatz. Sämtliche Schauspieler des "DzÇiwadlo" treten auch in deutschen Produktionen auf; so spielte bei der deutschen Premiere zur Wiedereröffnung des völlig neu gestalteten Hauses ein Sorbe den Prospero in Shakespeares "Sturm".

Kultur als Lebenselixier

Für die sorbische Premiere hat man das Märchenstück "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" des tschechischen Klassikers Josef Kajetán Tyl ausgesucht. Sorbisch gehört so wie Tschechisch, Slowakisch und Polnisch zur westslawischen Sprachgruppe, und Regisseur Stanislav MosÇa, der Direktor des Brünner Stadttheaters, kann beim Festakt die Stückwahl getrost auf Tschechisch erklären: Tyl hat den in Prag studierenden Sorben den ersten Anstoß zum sorbischen Laientheater gegeben, und auch inhaltlich ist das 1847 uraufgeführte Stück für die Sorben, die von akuter Abwanderung bedroht sind, brandaktuell - ein Dudelsackspieler zieht zum Geldverdienen in die Welt hinaus, um schließlich nach manchen Fährnissen zurückzukehren.

"Man bleibt nicht weg, weil man seine Heimat hasst, sondern weil man keine Arbeit findet", räsonniert Janina Brankatschk, die Leiterin der sorbischen Truppe, "und wenn wir die Kultur nicht hätten, würden noch mehr fortziehen." Der Sohn, den Frau BrankacÇkowa als Mutter auf der Bühne in ihre Arme schließt, ist ihr leiblicher und hat selber 13 Jahre in anderen Teilen Deutschlands und in England verbracht. Wenn die Darsteller nach Schwandas Heimkehr das schwermütige sorbische Heimatlied anstimmen und sich das Publikum wie ein Mann erhebt um mitzusingen, ereignet sich die wahre "Weihe des Hauses".

Doch auch wenn der "Götterfunke" überspringt - die Probleme der Volksgruppe bleiben auch in festlicher Stunde nicht ausgeklammert. So plädiert KrÇesc´an Baumgärtel, der Vorsitzende des Stiftungsrates der von Bund, Land Brandenburg und Freistaat Sachsen getragenen "Stiftung für das sorbische Volk", eindringlich für ein Zusammengehen des Folklore-Nationalensembles, das als Sendbote des sorbischen Volkstums europaweit unterwegs ist, mit dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater.

Österliche Hoffnung

Wenn nächstes Jahr Förderungsmittel in den neuen Bundesländern auslaufen, setzt Baumgärtel auf das sächsische Kulturraumkonzept und rechnet sich gute Chancen aus, dass die multikulturelle Oberlausitz einer der "Leuchttürme" des Freistaats wird. Düsterer sieht es für die brandenburgische Niederlausitz aus: Erst dieser Tage hat ein Expertenkomitee des Europarats vor "verheerenden Auswirkungen" gewarnt, wenn der Ausweitung des dortigen Braunkohlenbergbaus, wie schon in DDR-Zeiten, weitere sorbische Dörfer zum Opfer fallen sollten.

Im Sorbischen Museum durchdringen die Ohren des Gastes aus Wien Gedichte Heinrich Heines, die ein deutscher Schauspieler im Festsaal für einen "Bautzener Poesieabend" unablässig deklamiert, eine bedrückende Parabel für die Allgegenwart des Deutschen im sorbischen Milieu. Doch unentwegt grüßen die Aufseherinnen im Museum und die Wirtin im sorbischen Restaurant "Wjelbik" mit einem freundlichen "BozÇemje" - in Gottes Namen. Und im reich entfalteten sorbischen Osterbrauchtum mit Eierverzieren und Eierschieben, mit Osterritt und Osterblasen, dem gerade eine Sonderschau im Museum gewidmet wird, schwingt die Hoffnung auf eine Auferstehung auch der schwer bedrängten Volksgruppe mit.

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