Digital In Arbeit
Feuilleton

Steil, steiler, Streif

1945 1960 1980 2000 2020

Das Hahnenkamm-Rennen ist legende, Karrierepusher und spiegelbild unserer beschleunigten Gesellschaft. Ein Essay zum 75-Jahr-Jubiläum.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Hahnenkamm-Rennen ist legende, Karrierepusher und spiegelbild unserer beschleunigten Gesellschaft. Ein Essay zum 75-Jahr-Jubiläum.

Dieses Wochenende schwillt er wieder, der Kitzbüheler Hahnenkamm. Noch mehr, noch besser, noch schneller wird wieder alles sein: mehr Spannung, mehr Zuschauer, mehr Kameras, mehr Partys, Weißwürste, Champagner, Promis, Adabeis - der Superlativ ist die DNA des Hahnenkamm-Rennens, die Jagd nach Rekorden sein Motor, der das Spektakel auch zum 75-Jahr-Jubiläum nicht alt daherkommen lässt. Im Gegenteil: Hahnenkamm ist das perfekte Spiegelbild der Gegenwart, eigentlich seit dem ersten Start 1931. Hahnenkamm war immer schon am Puls der Zeit, hat die Trends aufgegriffen und perfektioniert, österreichisches Selbstverständnis als Melange zwischen Schussfahren und Hüttengaudi geprägt. Insofern lässt sich das berühmteste Skirennen der Welt auch als Fieberkurve der Gesellschaft lesen. In Kitzbühel wird am Rennwochenende so heiß gegessen wie gekocht, oder wie es Kitz-Stammgast Arnold Schwarzenegger mit dem Metier verglichen hat, bei dem er sich auskennt: "Die Streif ist wie ein guter Actionfilm - bis zum Schluss Spannung pur."

Und vom Start weg Angst und Schrecken: "Do obi? Sads deppat? Niemals!", sagte Franz Klammer bei seinem ersten Streif-Start 1973. Dann ist er doch runter und hat viermal gewonnen. "So muss man sich fühlen, wenn man ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt", vermutete Marc Girardelli, Streif-Sieger 1989. "Ich hatte durchaus Todesangst-Gefühle", beschrieb der Tiroler Olympiasieger Stephan Eberharter sein Streif-Debüt 1991,2004 gelang ihm laut Experten die bis heute perfekteste Fahrt. "Ich hatte die Hosen voll", präzisierte Streckenrekordhalter (1:51,58 Minuten) Fritz Strobl sein Streif-Debüt. Niki Lauda blieb in seinem Denkmuster: "Monaco ist das verrückteste Formel-1-Rennen und Kitzbühel das verrückteste Abfahrtsrennen."

Lebensmüde oder todesmutig?

Hubert von Goisern zog den Hut: "Ich bin ja ein ganz passabler Skifahrer. Das hier ist aber eine andere Liga, das ist nicht einmal mit normal guten Skifahrern zu vergleichen. Hier musst du das Hirn ausschalten, das schaffe ich nicht." Gewohnt direkt nahm sich Tennislegende Boris Becker kein Blatt vor den Mund: "Meines Erachtens sind die alle ein bisschen lebensmüde."

Auch wenn jemand lieber todesmutig dazu sagt, es kommt aufs Gleiche hinaus: Beckenbruch, Darmriss, Kreuzbrandriss, Schädel- Hirntrauma, Schulterluxation, Oberschenkelbruch, Serienrippenbrüche, Lungenquetschung - das sind trotz einer Sicherheitszaun-Dichte wie bei der Formel 1 typische Diagnosen von Streif-Verlierern. Jeder riskiert sein Leben, der sich mit größter Kraft aus einem Starthaus hinaus katapultiert, um die ersten 160 Meter der Strecke von 0 auf 130 km/h zu beschleunigen und nach knapp acht Sekunden 60 bis 80 Meter in einen Abgrund mit 85 Prozent Gefälle springt, für den Anton Sailer senior den Namen "Mausefalle"(O-Ton: "wia a Maustrappei") geprägt hat. Lenkraketen auf Skiern gleich rasen die Fahrer eine knapp dreieinhalb Kilometer lange vereiste Schneeautobahn hinunter, um nach einem spektakulären Finale mit Hausberg-Kante, Traverse, Ziel-Sprung und -Schuss in ein brodelndes Meer aus Menschen und Fahnen vor der Kulisse eines mittelalterlichen Städtchens zu donnern - von wo eine Woge der Begeisterung die Besten und Schnellsten auf den Society-Hahnenkamm hinauf schmeißt. Denn zum Mythos Kitzbühel gehört neben der Pflicht des Rennens die Kür des perfekten Drumherum.

Das Mehr von Kitzbühel

Michael Smejkal, Sport-Redakteur der Salzburger Nachrichten und seit 30 Jahren beim Hahnenkamm-Rennen dabei, beschreibt das Mehr von Kitzbühel: "75 Jahre Streif, das ist die Geschichte eines Rennens, dessen Veranstalter früher als andere erkannt haben, dass ein großes Skirennen aus mehr als einem Starthaus, einer Piste und einer Ziellinie besteht: Stars und Glamour, Aufbauzeit und der erste Aufschwung im Wintertourismus, Sport und Nationalstolz, für all das steht Kitzbühel."

In einer Tiroler Fremdenverkehrsbroschüre trägt ein Artikel zum Rennjubiläum den Titel: "Eine Legende feiert Geburtstag". Die Kitzbühel-Legende geht so: Junge Helden begeben sich von überallher auf den Berg Hahnenkamm, um dort ein Ungeheuer namens Streif zu bezwingen. Der Sieger bekommt die begehrte Gams-Trophäe, viel Geld und noch mehr Ruhm. Sein Name wird auf eine Gondel der Hahnenkamm-Bahn geschrieben, und was man anderswo milde lächelnd als abgeschmackten Marketinggag abtun würde - in Kitzbühel ist es die Krönung einer Skifahrerkarriere und für viele wichtiger als ein Olympiasieg. Der Mythos Streif ist so stark, dass er sogar einen Schweizer Skifahrer in Österreich sympathisch machte. Beispiel Didier Cuche, fünfmaliger Hahnenkamm-Rekordsieger, der im SN-Interview mit Michael Smejkal sagte: "Die Wahrnehmung meiner Person im Alpenraum hat sich durch Kitzbühel sehr geändert. Ohne diesen Sieg könnte ich nicht dieses privilegierte Leben führen." Und Cuche sagt noch Erhellendes: "In Kitzbühel habe ich immer gespürt, dass ich keine andere Wahl habe als zu pushen."

Höllenritt einer Gesellschaft

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa, beschreibt die moderne Gesellschaft als "Beschleunigungsgesellschaft" (FURCHE 43/2014)."Modernity is speed", lautet das Motto, das Kitzbühel perfektioniert hat: In den 1960er-Jahren betrug der durchschnittliche Speed auf der Streif 88 km/h, seit 2000 sind es 105 plus. Nicht umsonst lautet der Titel des aktuellen Streif-Kinofilms "One Hell of a Ride" - Höllenritt. Für Rosa wird das gesellschaftliche Tempo-Machen von einer kulturellen Verheißung angetrieben: In der säkularen modernen Gesellschaft ist Beschleunigung ein Ersatz für die religiöse Verheißung eines ewigen Lebens. Das Leben vor dem Tod bekommt die zentrale Bedeutung:

Gutes Leben ist ein ausgefülltes Leben, reich an Erfahrungen, Abenteuern und bestens ausgeschöpften Möglichkeiten. Schneller leben, bedeutet mehr erleben, heißt, "dass die Beschleunigung des Lebenstempos unsere (also die moderne) Antwort auf das Problem der Endlichkeit und des Todes ist". Diese Vorstellung löst ihr Versprechen nicht ein, sagt Rosa, führt vielmehr zu Entfremdung des Menschen von der Welt und sich selbst (nachzulesen in seinem Buch "Beschleunigung und Entfremdung", Suhrkamp 2013). Kitzbühel kann seine kurzfristigen Versprechen einlösen: Ein Held besiegt die Streif, der Schnellste gewinnt, die alpine Version vom Tellerwäscher zum Millionär wird wahr. Und was

Kitzbühel besonders gut kann, was hier vielleicht sogar erfunden wurde und seither als touristisches Erfolgsgeheimnis in Tirol, Österreich und im Alpenraum zu kopieren versucht wird: Kitz verkleidet Tempo mit Idylle, hüllt Brutalität und Perfektion in Pulverschnee und Alfons Walde-Motive. Perfid, perfekt. Wem es aber trotzdem im Winter zu laut und zu schnell ist, der und die kann im Sommer die Streif rauf wandern. Dann ist man auch mitten drin im schwersten Abfahrtsrennen der Welt und hat trotzdem das Schönste, das der moderne Mensch noch haben kann: Zeit.

Dieses Wochenende schwillt er wieder, der Kitzbüheler Hahnenkamm. Noch mehr, noch besser, noch schneller wird wieder alles sein: mehr Spannung, mehr Zuschauer, mehr Kameras, mehr Partys, Weißwürste, Champagner, Promis, Adabeis - der Superlativ ist die DNA des Hahnenkamm-Rennens, die Jagd nach Rekorden sein Motor, der das Spektakel auch zum 75-Jahr-Jubiläum nicht alt daherkommen lässt. Im Gegenteil: Hahnenkamm ist das perfekte Spiegelbild der Gegenwart, eigentlich seit dem ersten Start 1931. Hahnenkamm war immer schon am Puls der Zeit, hat die Trends aufgegriffen und perfektioniert, österreichisches Selbstverständnis als Melange zwischen Schussfahren und Hüttengaudi geprägt. Insofern lässt sich das berühmteste Skirennen der Welt auch als Fieberkurve der Gesellschaft lesen. In Kitzbühel wird am Rennwochenende so heiß gegessen wie gekocht, oder wie es Kitz-Stammgast Arnold Schwarzenegger mit dem Metier verglichen hat, bei dem er sich auskennt: "Die Streif ist wie ein guter Actionfilm - bis zum Schluss Spannung pur."

Und vom Start weg Angst und Schrecken: "Do obi? Sads deppat? Niemals!", sagte Franz Klammer bei seinem ersten Streif-Start 1973. Dann ist er doch runter und hat viermal gewonnen. "So muss man sich fühlen, wenn man ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt", vermutete Marc Girardelli, Streif-Sieger 1989. "Ich hatte durchaus Todesangst-Gefühle", beschrieb der Tiroler Olympiasieger Stephan Eberharter sein Streif-Debüt 1991,2004 gelang ihm laut Experten die bis heute perfekteste Fahrt. "Ich hatte die Hosen voll", präzisierte Streckenrekordhalter (1:51,58 Minuten) Fritz Strobl sein Streif-Debüt. Niki Lauda blieb in seinem Denkmuster: "Monaco ist das verrückteste Formel-1-Rennen und Kitzbühel das verrückteste Abfahrtsrennen."

Lebensmüde oder todesmutig?

Hubert von Goisern zog den Hut: "Ich bin ja ein ganz passabler Skifahrer. Das hier ist aber eine andere Liga, das ist nicht einmal mit normal guten Skifahrern zu vergleichen. Hier musst du das Hirn ausschalten, das schaffe ich nicht." Gewohnt direkt nahm sich Tennislegende Boris Becker kein Blatt vor den Mund: "Meines Erachtens sind die alle ein bisschen lebensmüde."

Auch wenn jemand lieber todesmutig dazu sagt, es kommt aufs Gleiche hinaus: Beckenbruch, Darmriss, Kreuzbrandriss, Schädel- Hirntrauma, Schulterluxation, Oberschenkelbruch, Serienrippenbrüche, Lungenquetschung - das sind trotz einer Sicherheitszaun-Dichte wie bei der Formel 1 typische Diagnosen von Streif-Verlierern. Jeder riskiert sein Leben, der sich mit größter Kraft aus einem Starthaus hinaus katapultiert, um die ersten 160 Meter der Strecke von 0 auf 130 km/h zu beschleunigen und nach knapp acht Sekunden 60 bis 80 Meter in einen Abgrund mit 85 Prozent Gefälle springt, für den Anton Sailer senior den Namen "Mausefalle"(O-Ton: "wia a Maustrappei") geprägt hat. Lenkraketen auf Skiern gleich rasen die Fahrer eine knapp dreieinhalb Kilometer lange vereiste Schneeautobahn hinunter, um nach einem spektakulären Finale mit Hausberg-Kante, Traverse, Ziel-Sprung und -Schuss in ein brodelndes Meer aus Menschen und Fahnen vor der Kulisse eines mittelalterlichen Städtchens zu donnern - von wo eine Woge der Begeisterung die Besten und Schnellsten auf den Society-Hahnenkamm hinauf schmeißt. Denn zum Mythos Kitzbühel gehört neben der Pflicht des Rennens die Kür des perfekten Drumherum.

Das Mehr von Kitzbühel

Michael Smejkal, Sport-Redakteur der Salzburger Nachrichten und seit 30 Jahren beim Hahnenkamm-Rennen dabei, beschreibt das Mehr von Kitzbühel: "75 Jahre Streif, das ist die Geschichte eines Rennens, dessen Veranstalter früher als andere erkannt haben, dass ein großes Skirennen aus mehr als einem Starthaus, einer Piste und einer Ziellinie besteht: Stars und Glamour, Aufbauzeit und der erste Aufschwung im Wintertourismus, Sport und Nationalstolz, für all das steht Kitzbühel."

In einer Tiroler Fremdenverkehrsbroschüre trägt ein Artikel zum Rennjubiläum den Titel: "Eine Legende feiert Geburtstag". Die Kitzbühel-Legende geht so: Junge Helden begeben sich von überallher auf den Berg Hahnenkamm, um dort ein Ungeheuer namens Streif zu bezwingen. Der Sieger bekommt die begehrte Gams-Trophäe, viel Geld und noch mehr Ruhm. Sein Name wird auf eine Gondel der Hahnenkamm-Bahn geschrieben, und was man anderswo milde lächelnd als abgeschmackten Marketinggag abtun würde - in Kitzbühel ist es die Krönung einer Skifahrerkarriere und für viele wichtiger als ein Olympiasieg. Der Mythos Streif ist so stark, dass er sogar einen Schweizer Skifahrer in Österreich sympathisch machte. Beispiel Didier Cuche, fünfmaliger Hahnenkamm-Rekordsieger, der im SN-Interview mit Michael Smejkal sagte: "Die Wahrnehmung meiner Person im Alpenraum hat sich durch Kitzbühel sehr geändert. Ohne diesen Sieg könnte ich nicht dieses privilegierte Leben führen." Und Cuche sagt noch Erhellendes: "In Kitzbühel habe ich immer gespürt, dass ich keine andere Wahl habe als zu pushen."

Höllenritt einer Gesellschaft

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa, beschreibt die moderne Gesellschaft als "Beschleunigungsgesellschaft" (FURCHE 43/2014)."Modernity is speed", lautet das Motto, das Kitzbühel perfektioniert hat: In den 1960er-Jahren betrug der durchschnittliche Speed auf der Streif 88 km/h, seit 2000 sind es 105 plus. Nicht umsonst lautet der Titel des aktuellen Streif-Kinofilms "One Hell of a Ride" - Höllenritt. Für Rosa wird das gesellschaftliche Tempo-Machen von einer kulturellen Verheißung angetrieben: In der säkularen modernen Gesellschaft ist Beschleunigung ein Ersatz für die religiöse Verheißung eines ewigen Lebens. Das Leben vor dem Tod bekommt die zentrale Bedeutung:

Gutes Leben ist ein ausgefülltes Leben, reich an Erfahrungen, Abenteuern und bestens ausgeschöpften Möglichkeiten. Schneller leben, bedeutet mehr erleben, heißt, "dass die Beschleunigung des Lebenstempos unsere (also die moderne) Antwort auf das Problem der Endlichkeit und des Todes ist". Diese Vorstellung löst ihr Versprechen nicht ein, sagt Rosa, führt vielmehr zu Entfremdung des Menschen von der Welt und sich selbst (nachzulesen in seinem Buch "Beschleunigung und Entfremdung", Suhrkamp 2013). Kitzbühel kann seine kurzfristigen Versprechen einlösen: Ein Held besiegt die Streif, der Schnellste gewinnt, die alpine Version vom Tellerwäscher zum Millionär wird wahr. Und was

Kitzbühel besonders gut kann, was hier vielleicht sogar erfunden wurde und seither als touristisches Erfolgsgeheimnis in Tirol, Österreich und im Alpenraum zu kopieren versucht wird: Kitz verkleidet Tempo mit Idylle, hüllt Brutalität und Perfektion in Pulverschnee und Alfons Walde-Motive. Perfid, perfekt. Wem es aber trotzdem im Winter zu laut und zu schnell ist, der und die kann im Sommer die Streif rauf wandern. Dann ist man auch mitten drin im schwersten Abfahrtsrennen der Welt und hat trotzdem das Schönste, das der moderne Mensch noch haben kann: Zeit.