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Feuilleton

Wagners Konkurrenten

1945 1960 1980 2000 2020

Sensationell: Bei der diesjährigen "styriarte" gibt Nikolaus Harnoncourt sein Wagner-Debüt.

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Sensationell: Bei der diesjährigen "styriarte" gibt Nikolaus Harnoncourt sein Wagner-Debüt.

Lieber neun Operetten von Jacques Offenbach als eine Oper von Richard Wagner", lautet das Credo von Nikolaus Harnoncourt. Daß der große Bach- und Mozart-Interpret, der akribische Originalklang-Verfechter, jemals freiwillig Wagner dirigieren würde, wäre bis vor kurzem nicht einmal als Scherz durchgegangen. Doch bei der diesjährigen "styriarte" ("Erklär mir, Liebe ...") wird das Unvorstellbare wahr: Harnoncourt gibt im Grazer Stefaniensaal sein Wagner-Debüt. In welchem Umfeld dabei Ausschnitte aus "Tannhäuser" und "Tristan und Isolde" ertönen, zeugt vom völlig unkonventionellen, quasi dialektischen Zugang Harnoncourts zu Wagner, denn am selben Abend dirigiert er auch Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann. Erst über die Beschäftigung mit diesen beiden Romantikern kam Harnoncourt auf Wagner.

Dazu muß man wissen, daß Schumann und Mendelssohn für Wagner und seine Anhänger das sind, was Journalisten für Peter Handke sind: Produzenten von Unwahrheit und Verlogenheit, schlicht: das Letzte. Lange galt die Musik Schumanns und Mendelssohns als eher seicht, wenn nicht gar als Kitsch. Die Quelle dieses Vorurteils war niemand anderer als Wagner. Doch zwischen Wagner auf der einen und Mendelssohn und Schumann auf der anderen Seite gibt es mannigfaltige Querverbindungen, "musikalische Verwandtschaften auf Schritt und Tritt" (Harnoncourt). Ist Wagner gar ein verkappter Vertreter der von ihm so gehaßten Romantik? Der monolithische Status, den man Wagner in der Musikgeschichte einräumt, wird bei der "styriarte" jedenfalls einmal zur Diskussion gestellt werden.

Wagner, Schumann und Mendelssohn waren ungefähr gleich alt : Mendelssohn wurde 1809 geboren, Schumann im darauffolgenden Jahr, Wagner war Jahrgang 1813. Und sie kannten sich recht gut: In den Jahren vor 1848 wirkten sie alle drei hauptsächlich in Sachsen, in Dresden oder in Leipzig. Doch Wagner überlebte die beiden anderen um rund 40 Jahre.

Zu Lebzeiten Wagners war sein Verhältnis zu Mendelssohn eher devot. Immerhin war Mendelssohn ein anerkannter Komponist und Dirigent, während der junge Wagner mit "Rienzi" 1842 Schiffbruch erlitten hatte. Bei der Berliner Erstaufführung des "Fliegenden Holländer" 1844 eilte Mendelssohn nach Schluß der Vorstellung auf die Bühne und beglückwünschte seinen jüngeren Kollegen, ein Jahr später revanchierte sich Wagner mit einer wahren Eloge über das Mendelssohn-Oratorium "Paulus".

Es war Wagners "Tannhäuser" (1845), der zum Bruch mit Mendelssohn führte. Denn diese Oper ist nichts anderes als ein Angriff auf jenen Musikstil, den Mendelssohn repräsentierte. Bei dem Sängerkrieg auf der Wartburg nämlich ist die Partie des großen Gegners des Titelhelden, Wolfram von Eschenbach, eindeutig romantisch angelegt. Als Mendelssohn 1846 die "Tannhäuser"-Ouvertüre in Leipzig dirigierte, wurde sie vom Publikum frostig aufgenommen. Wagner unterstellte Mendelssohn daraufhin unlautere Motive und auch handwerkliches Unvermögen. Zu schnell habe Mendelssohn dirigiert, meckerte Wagner, kein Wunder, würde er doch durch das schnelle Tempo gewisse eigene Unvollkommenheiten kaschieren.

"Werthester Freund" In seinem giftigen Pamphlet "Über das Judentum in der Musik" (1850) verunglimpfte Wagner auch Mendelssohn: Zu einer "tiefen, Herz und Seele ergreifenden Wirkung", sei der jüdische Komponist nicht fähig. Zu diesem Zeitpunkt war Mendelssohn schon drei Jahre tot. Für Wagner war damit ein Konkurrent abgetreten, den zu fürchten er allen Grund hatte und dessen Erfolge er als "quälende Seelenlast" empfunden hatte.

Im Gegensatz zu Mendelssohn war Robert Schumann nie der große Durchbruch beschieden. Schon 1832 hatte der19jährige Wagner mit seiner c-Dur-Symphonie Schumann mit seiner g-Moll-Symphonie übertrumpft, doch insgeheim empfand Wagner auch Schumann als Hindernis. Ähnlich unterwürfig, wie er sich Mendelssohn genähert hatte, trat Wagner auch an Schumann heran und bat ihn wiederholt um Rezensionen von "Rienzi" und den "Fliegenden Holländer": "Werthester Freund, halten wir doch zusammen!", flehte Wagner, doch Schumann mochte weder die Opern noch ihren Verfasser. Als Musiker kam ihm Wagner "oft geradezu dilettantisch" und geschwätzig vor - eine Meinung die er bald revidierte.

Für seine "Genoveva" studierte Schumann eingehend Wagner-Partituren. Diese Oper ist ein Gegenentwurf zu Wagner, ein in eine völlig andere Richtung gehender, exemplarischer Entwurf eines deutschen Musikdramas.

Die Uraufführung 1850 wurde jedoch ein Mißerfolg. Vier Jahre später landete Schumann in einer psychiatrischen Anstalt, 1856 starb er. Durch den frühen Tod von Schumann und Mendelssohn war nun der Weg frei für Wagner, die unangefochtene Herrschaft über das Musiktheater nördlich der Alpen anzutreten. "Mendelssohn und Schumann mußten weg, um Wagner Platz zu machen", sagt Harnoncourt, als ob das eine historische Notwendigkeit gewesen wäre. Rückblickend stimmt das sicher, aber wer weiß, wenn Wagners Kontrahenten länger gelebt hätten und wenn ihnen mehr Erfolg beschieden gewesen wäre, dann sähe das deutsche Musiktheater anders aus ...

"Styriarte 99" Konzerte unter der Leitung von N. Harnoncourt bei der "styriarte 99": "Isoldes Liebestod": Felix Mendelssohn Bartholdy: Die schöne Melusine, op. 32 Richard Wagner: Tannhäuser-Ouvertüre und Venusbergmusik sowie Tristan - Vorspiel und Isoldes Liebestod Robert Schumann: Requiem für Mignon, op. 98b 23. und 25. Juni, 20 Uhr Stefaniensaal, 8010 Graz