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Feuilleton

Wohlbehütet in Politik und Gesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Ist die Kopfbedeckung ein Ausdruck von Wohlstand und Stellung, ein Symbol von religiöser und kultureller Identität oder einfach modisches Accessoire? Die Ausstellung "Chapeau!" im Wien Museum am Karlsplatz erzählt Modegeschichte als Sozialgeschichte.

1945 1960 1980 2000 2020

Ist die Kopfbedeckung ein Ausdruck von Wohlstand und Stellung, ein Symbol von religiöser und kultureller Identität oder einfach modisches Accessoire? Die Ausstellung "Chapeau!" im Wien Museum am Karlsplatz erzählt Modegeschichte als Sozialgeschichte.

Das muslimische Kopftuch: für die einen harmloser Ausdruck von Religiosität und kultureller Identität, für die anderen Symbol des politischen Islam und der Unterdrückung der Frau. Dass eine scheinbar simple Kopfbedeckung die Gemüter erregt, ist freilich ein alter Hut. Kopfbedeckungen waren immer schon weit mehr als nur Schutz vor Wind und Wetter. Sie waren stets auch Zeichen und Ausdruck von ständischem Bewusstsein, sozialer und ethnischer Zugehörigkeit, politischer Haltung und religiöser Ausrichtung. Wer sich für dieses Thema interessiert, der sollte demnächst den Karlsplatz in Wien aufsuchen. Das Wien Museum nämlich zeichnet in seiner aktuellen Ausstellung "Chapeau!" die - so der Untertitel der Schau - Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes nach.

Die Ausstellung setzt im Revolutionsjahr 1848 ein, als sich in Wien Bürger, Studenten und Arbeiter gegen den Kaiser und seine Regierung erhoben. Die Aufständischen waren schon von Weitem an ihren typischen Kalabresern zu erkennen: Filzhüte mit breiten Krempen, die ursprünglich von den italienischen Freiheitskämpfern des Risorgimento getragen wurden. Die Gegner der Revolution hingegen trugen den steifen Zylinder, der selbst eine spannende Geschichte durchlaufen hat: Zur Zeit der Französischen Revolution war er als Kopfbedeckung des "Dritten Standes" zunächst Symbol des fortschrittlichen Bürgertums, bis er dann 1848 zum Insigne der Reaktion wurde. 1918 repräsentierte er kurzzeitig die neue Republik, die vom Bürgertum und nicht mehr vom Kaiser getragen wurde. Bald jedoch wurde der Zylinder zum Symbol des Kapitalismus. Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden Kapitalisten in Karikaturen mit Zylinder und Zigarre dargestellt. Dagobert Duck, Prototyp des Kapitalisten, trägt selbstverständlich einen Zylinder. Heute wird dieser Hut nur noch zu besonderen gesellschaftlichen Anlässen wie etwa Hochzeiten oder zum Wiener Opernball getragen. Als gesunkenes Kulturgut ist er in der Unterhaltungsbranche ein unverzichtbares Accessoire von Zauberkünstlern und Zirkusdirektoren.

Hutträger und Hutfahrer

Kopfbedeckungen standen für die unterschiedlichsten politischen Positionen. Wenn Frauen Männerhüte trugen, wie etwa Marlene Dietrich in den 1930er-Jahren oder die Schriftstellerin Elfriede Gerstl, die damit im Wien der 1950er-Jahren Aufsehen erregte, so war dies natürlich ein Statement für Gleichberechtigung. Wenn sich heute schlagende Burschenschaftler mit ihren typischen Mützen in der Öffentlichkeit zeigen, dann wollen sie natürlich sich selbst und ihre fragwürdige Ideologie sichtbar machen; mittlerweile schlägt ihnen dafür von linker Seite ebenso viel Hass entgegen wie dem muslimischen Kopftuch von rechter.

In den 1960er-Jahren verschwanden Kopfbedeckungen zunehmend aus dem Straßenbild. Ausgehend von den Elvis-Tollen der 1950er-Jahre wurden Frisur und Schnitt des Kopfhaares zum neuen Symbol, das von der Zugehörigkeit zu den damals relevanten sozialen Gruppen kündete: Jugend oder Spießertum, Emanzipation oder Establishment. Hutträger wurden zunehmend zu Witzfiguren. Autofahrer, die einen Hut trugen, waren - nicht ganz zu Unrecht - bei den anderen Verkehrsteilnehmern gefürchtet. Der populäre Psychiater und Erklärer der österreichischen Seele Erwin Ringel analysierte, dass sich der "Hutfahrer" in seinem Auto nicht zu Hause fühle, und daher zu einem unberechenbaren Fahrstil neige.

Mittlerweile erleben Kopfbedeckungen eine Renaissance und zwar nicht nur durch die Ausbreitung islamischer Kopfbedeckungen, sondern zum Beispiel auch in Gestalt von Fahrradhelmen, mit denen die bourgeois bohémiens ihre moralische und wirtschaftliche Überlegenheit zur Schau stellen.

Wie immer gibt es einen exzellenten Katalog zur Ausstellung, deren Highlight ein berührender Text von Robert Menasse ist: die Geschichte seiner Großtante Lia, die von Hitler vertrieben und von ihrer Familie verstoßen im israelischen Exil lebte. Als dieser noch ein Kind war, schickte sie dem kleinen Robert eine Kippa als Geschenk: eine jüdische Kopfbedeckung, von Hand liebevoll mit Enzian und Edelweiß bestickt.

Chapeau!

bis 30. Okt., Wien Museum Di bis So, Feiertag 10-18 Uhr www.wienmuseum.at

Das muslimische Kopftuch: für die einen harmloser Ausdruck von Religiosität und kultureller Identität, für die anderen Symbol des politischen Islam und der Unterdrückung der Frau. Dass eine scheinbar simple Kopfbedeckung die Gemüter erregt, ist freilich ein alter Hut. Kopfbedeckungen waren immer schon weit mehr als nur Schutz vor Wind und Wetter. Sie waren stets auch Zeichen und Ausdruck von ständischem Bewusstsein, sozialer und ethnischer Zugehörigkeit, politischer Haltung und religiöser Ausrichtung. Wer sich für dieses Thema interessiert, der sollte demnächst den Karlsplatz in Wien aufsuchen. Das Wien Museum nämlich zeichnet in seiner aktuellen Ausstellung "Chapeau!" die - so der Untertitel der Schau - Sozialgeschichte des bedeckten Kopfes nach.

Die Ausstellung setzt im Revolutionsjahr 1848 ein, als sich in Wien Bürger, Studenten und Arbeiter gegen den Kaiser und seine Regierung erhoben. Die Aufständischen waren schon von Weitem an ihren typischen Kalabresern zu erkennen: Filzhüte mit breiten Krempen, die ursprünglich von den italienischen Freiheitskämpfern des Risorgimento getragen wurden. Die Gegner der Revolution hingegen trugen den steifen Zylinder, der selbst eine spannende Geschichte durchlaufen hat: Zur Zeit der Französischen Revolution war er als Kopfbedeckung des "Dritten Standes" zunächst Symbol des fortschrittlichen Bürgertums, bis er dann 1848 zum Insigne der Reaktion wurde. 1918 repräsentierte er kurzzeitig die neue Republik, die vom Bürgertum und nicht mehr vom Kaiser getragen wurde. Bald jedoch wurde der Zylinder zum Symbol des Kapitalismus. Bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden Kapitalisten in Karikaturen mit Zylinder und Zigarre dargestellt. Dagobert Duck, Prototyp des Kapitalisten, trägt selbstverständlich einen Zylinder. Heute wird dieser Hut nur noch zu besonderen gesellschaftlichen Anlässen wie etwa Hochzeiten oder zum Wiener Opernball getragen. Als gesunkenes Kulturgut ist er in der Unterhaltungsbranche ein unverzichtbares Accessoire von Zauberkünstlern und Zirkusdirektoren.

Hutträger und Hutfahrer

Kopfbedeckungen standen für die unterschiedlichsten politischen Positionen. Wenn Frauen Männerhüte trugen, wie etwa Marlene Dietrich in den 1930er-Jahren oder die Schriftstellerin Elfriede Gerstl, die damit im Wien der 1950er-Jahren Aufsehen erregte, so war dies natürlich ein Statement für Gleichberechtigung. Wenn sich heute schlagende Burschenschaftler mit ihren typischen Mützen in der Öffentlichkeit zeigen, dann wollen sie natürlich sich selbst und ihre fragwürdige Ideologie sichtbar machen; mittlerweile schlägt ihnen dafür von linker Seite ebenso viel Hass entgegen wie dem muslimischen Kopftuch von rechter.

In den 1960er-Jahren verschwanden Kopfbedeckungen zunehmend aus dem Straßenbild. Ausgehend von den Elvis-Tollen der 1950er-Jahre wurden Frisur und Schnitt des Kopfhaares zum neuen Symbol, das von der Zugehörigkeit zu den damals relevanten sozialen Gruppen kündete: Jugend oder Spießertum, Emanzipation oder Establishment. Hutträger wurden zunehmend zu Witzfiguren. Autofahrer, die einen Hut trugen, waren - nicht ganz zu Unrecht - bei den anderen Verkehrsteilnehmern gefürchtet. Der populäre Psychiater und Erklärer der österreichischen Seele Erwin Ringel analysierte, dass sich der "Hutfahrer" in seinem Auto nicht zu Hause fühle, und daher zu einem unberechenbaren Fahrstil neige.

Mittlerweile erleben Kopfbedeckungen eine Renaissance und zwar nicht nur durch die Ausbreitung islamischer Kopfbedeckungen, sondern zum Beispiel auch in Gestalt von Fahrradhelmen, mit denen die bourgeois bohémiens ihre moralische und wirtschaftliche Überlegenheit zur Schau stellen.

Wie immer gibt es einen exzellenten Katalog zur Ausstellung, deren Highlight ein berührender Text von Robert Menasse ist: die Geschichte seiner Großtante Lia, die von Hitler vertrieben und von ihrer Familie verstoßen im israelischen Exil lebte. Als dieser noch ein Kind war, schickte sie dem kleinen Robert eine Kippa als Geschenk: eine jüdische Kopfbedeckung, von Hand liebevoll mit Enzian und Edelweiß bestickt.

Chapeau!

bis 30. Okt., Wien Museum Di bis So, Feiertag 10-18 Uhr www.wienmuseum.at