"Der Mauretanier" - © Tahar Rahim (Bild) in der Rolle des Mohamedou Ould Slahi

"Der Mauretanier": Der Meistgefolterte in Guantánamo

1945 1960 1980 2000 2020

Kevin Macdonald legt mit seinem Politthriller „Der Mauretanier“ über den Guantanamo-Häftling Mohamedou Ould Slahi den Finger in die Wunde einer folternden Supermacht.

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Kevin Macdonald legt mit seinem Politthriller „Der Mauretanier“ über den Guantanamo-Häftling Mohamedou Ould Slahi den Finger in die Wunde einer folternden Supermacht.

Es gibt Filme, die erzählen keine neue Geschichte, aber sie erzählen das, was sie erzählen müssen – nicht zuletzt um der Gerechtigkeit willen. Das ist der humanitäre Hintergrund von Kevin Macdonalds Politthriller „Der Mauretanier“. Hintergrund ist das Schicksal von Mohamedou Ould Slahi, der 16 Jahre als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von 9/11 unschuldig in Guantánamo einsaß.

Slahi, der in der 1990er Jahren in Deutschland aufgrund eines Stipendiums Elektrotechnik studiert hatte, geriet bald nach dem 9. September aufgrund eines verdächtigen Telefonanrufs ins Visier der US-Geheimdienste, die ihn beschuldigten, die Attentäter von 9/11 in Deutschland angeworben zu haben. 2001 wurde Slahi aus Mauretanien entführt, in Jordanien interniert und dann in ein US-Foltergefängnis in Afghanistan verbracht. 2002 landete er in Guantánamo als einer von 776 mutmaßlichen Terroristen.

Am Ende des Films findet sich der nüchterne Satz: ganzen fünf davon war etwas nachzuweisen. Slahi gilt nach einer internen Statistik des Lagers als „meistgefolterter Mann in Guantánamo“, mittels Waterboarding, Scheinhinrichtungen, Schlafentzug, Isolationshaft, sexuellem Missbrauch und der Drohung, seine Mutter ebenfalls zu internieren, wurde er in den Verhören dazu gebracht, alles zu gestehen, was seine Peiniger hören wollten. 2005 schrieb Slahi seine Foltererlebnisse nieder, später wurden diese als „Guantánamo-Tagebuch“ zum Bestseller.

Es gibt Filme, die erzählen keine neue Geschichte, aber sie erzählen das, was sie erzählen müssen – nicht zuletzt um der Gerechtigkeit willen. Das ist der humanitäre Hintergrund von Kevin Macdonalds Politthriller „Der Mauretanier“. Hintergrund ist das Schicksal von Mohamedou Ould Slahi, der 16 Jahre als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von 9/11 unschuldig in Guantánamo einsaß.

Slahi, der in der 1990er Jahren in Deutschland aufgrund eines Stipendiums Elektrotechnik studiert hatte, geriet bald nach dem 9. September aufgrund eines verdächtigen Telefonanrufs ins Visier der US-Geheimdienste, die ihn beschuldigten, die Attentäter von 9/11 in Deutschland angeworben zu haben. 2001 wurde Slahi aus Mauretanien entführt, in Jordanien interniert und dann in ein US-Foltergefängnis in Afghanistan verbracht. 2002 landete er in Guantánamo als einer von 776 mutmaßlichen Terroristen.

Am Ende des Films findet sich der nüchterne Satz: ganzen fünf davon war etwas nachzuweisen. Slahi gilt nach einer internen Statistik des Lagers als „meistgefolterter Mann in Guantánamo“, mittels Waterboarding, Scheinhinrichtungen, Schlafentzug, Isolationshaft, sexuellem Missbrauch und der Drohung, seine Mutter ebenfalls zu internieren, wurde er in den Verhören dazu gebracht, alles zu gestehen, was seine Peiniger hören wollten. 2005 schrieb Slahi seine Foltererlebnisse nieder, später wurden diese als „Guantánamo-Tagebuch“ zum Bestseller.

"Der Mauretanier" ist ein mitnehmendes, aber notwendiges Zeugnis, wie eine Supermacht außer Rand und Band das Recht schamlos missbraucht.

Die Menschenrechtsanwältinnen Nancy Hollander und Teri Duncan vertraten Slahi, 2010 ordnete ein Bundesrichter seine Freilassung an – die Obama-Administration berief dagegen, sodass Slahi erst 2016 freigelassen wurde, obwohl seine Unschuld längst klar war.

Noch heute darf er, der mittlerweile mit einer in Deutschland lebenden US-Anwältin verheiratet ist, mit der er auch einen Sohn hat, nicht nach Deutschland kommen. Dichte Spannung, schnörkellos Kevin Macdonald erzählt diese Lebensgeschichte in dichter Spannung, aber recht schnörkellos. Mit Tahar Rahim hat er einen Hauptdarsteller zur Hand, der den gepeinigten, aber nach allem trotzdem nicht hasserfüllten Protagonisten als sanften und dennoch starken Charakter darstellt. Jodie Foster kann in der Rolle der toughen Anwältin Nancy Hollander brillieren (und bekam dafür auch einen Golden Globe), und Shailene Woodley steht ihr als Assistentin Teri Duncan wenig nach.

Eindrücklich auch Benedict Cumberbatch, der nun gleich zweimal in die heimischen Kinos kommt (siehe "Der Spion", furche.at): Der britische Filmstar gibt den katholischen Militärstaatsanwalt Stuart Couch, der vom Verteidigungsministerium als Ankläger ausersehen ist, weil ein guter Freund von ihm Passagier in einem der Anschlagsflugzeuge von 9/11 war. Couch soll möglichst schnell die Todesstrafe für Slahi herausholen – er muss aber bald erkennen, dass bei diesem Gefangenen der Rechtsstaat mit Füßen getreten wurde.

Im Gegensatz zu den Gerichtssaalthrillern à la Hollywood kommt es hier nicht zum Showdown zwischen Staatsanwalt und Verteidigung – wie es eben auch in der Realität war. Cumberbatch gibt hier den ebenso aufrechten wie geraden Juristen, der sich ans Recht hält und die Machenschaften der Folterknechte von Guantanamo nicht deckt. „Der Mauretanier“ ist ein mitnehmendes, aber notwendiges Zeugnis, wie eine Supermacht außer Rand und Band das Recht schamlos missbraucht – aber doch noch so viel Reinigungskraft in sich trägt, dass jedenfalls diese Barbarei letztlich gut ausgeht. Kevin Macdonald sei Dank, dass er dies im Kino nachvollziehbar macht.

Film

Der Mauretanier – (K)eine Frage der Gerechtigkeit (The Mauritanian) 

GB 2021.
Regie: Kevin Macdonald.
Mit Tahar Rahim, Jodie Foster, Benedict Cumberbatch, Shailene Woodley.
Tobis. 129 Min.

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