Der Sohn zurück aus Guantánamo

Nun endlich, nach vierdreiviertel Jahren Martyrium von Folter und Entrechtung in Guantánamo, die erlösende Nachricht: Herr Murat Kurnaz ist frei." Vergangenen Freitagvormittag schickte Bernhard Docke, der Rechtanwalt des "Bremer Talibans", diese Zeilen per E-Mail an die Furche. "Murat Kurnaz wurde heute von Guantánamo nach Deutschland ausgeflogen und in die Freiheit entlassen", fährt Docke in diesem Schreiben fort und: "Murat befindet sich jetzt wieder im Kreis seiner Familie - deren Freude, den verlorenen Sohn in die Arme schließen zu können, ist unbeschreiblich."

Vor drei Jahren hatte die Furche zum ersten Mal über den "Sohn in Guantánamo" berichtet: Wenige Tage nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 ist der damals 19-jährige Bremer Schiffsbaulehrling Murat Kurnaz von zuhause ausgerissen und nach Pakistan gereist. Von unterwegs hat er noch einmal seine Mutter Rabiye angerufen und ihr versprochen, so schnell wie möglich heimzukommen. Doch daraus wurde nichts: Drei Monate lang wussten die Kurnaz nicht, wo ihr Sohn ist, bis die Polizei beim Reihenhaus der Familie anläutete - mit einer guten und einer schlechten Nachricht: "Murat lebt, aber er ist Häftling in Guantánamo."

Murat Kurnaz wurde in der allgemeinen Nach-9/11-Hysterie in Pakistan festgenommen und vermutlich gegen Kopfgeld an die USA ausgeliefert, die den Koranschüler umgehend als "feindlichen Kombattantanten" einstufte und ins "karibische Gulag" (© amnesty international) überführte. Dazu erhielten die Eltern Kurnaz eine Postkarte von ihrem Sohn: "Liebe Eltern, ich hoffe, dass ich bald nach Hause kommen darf. Nur Gott weiß, wann das ist. Ihr müsst mir glauben, ich habe dort nichts angestellt. Ich vermisse euch, ich liebe euch und meine Brüder." - Gezeichnet: Murat, Häftling JJJFA, 160 Camp X-Ray.

Rabiye Kurnaz suchte daraufhin Rechtsbeistand bei dem für sein Amerika-Faible bekannten Bremer Anwalt Bernhard Docke - und der erlebte in der Folge "eine Zeitreise ins Mittelalter", wie er es einmal im Gespräch mit der Furche zuspitzte, "wo es noch keine Menschenrechte gab und wo man sich mit absoluten Herrschern herumschlagen musste". Amerikanische Gerichte entschieden mehrmals für die Freilassung von Murat Kurnaz - ohne Wirkung: Die Käfigtüren blieben geschlossen. Und während Docke für die Freilassung seines Mandanten in der Ferne kämpfte, wurde diesem vom Bremer Innensenat auch noch die Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland entzogen - Begründung: Für den türkischstämmigen Murat sei die Türkei zuständig; die lehnte jedoch jede Verantwortung für den in Bremen geborenen Kurnaz ab. Damit war der Schiffsbaulehrling endgültig im diplomatischen und juristischen Niemandsland angekommen.

"Ein solches Unrecht macht mich wütend", erklärte Docke der Furche seine Hartnäckigkeit, "das weckt meinen Sportsgeist, da muss ich dagegenhalten." Und nach fast fünf Jahren hat Docke sein Ziel erreicht - an der amerikanischen und an der deutschen Front: Murat Kurnaz ist frei, und er darf in Bremen bleiben. Dennoch - die vergangenen Jahre haben bei Anwalt Docke einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen: "Es tut mir für diesen Mann wahnsinnig leid, als Unschuldiger in das Mühlrad der Weltgeschichte geraten zu sein." WM

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