Mutter und Anwalt gegen die US-Staatsmacht - Bernhard Docke (Alexander Scheer) und Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) unterwegs als Power-Couple in Washington. - © Filmladen

Mutter Löwin und Anwalt Fuchs gegen Guantánamo

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Der Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ zeichnet die wahre Tragödie des Schiffbaulehrlings, der als „Bremer Taliban“ gebrandmarkt, in Guantánamo landete.

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Der Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ zeichnet die wahre Tragödie des Schiffbaulehrlings, der als „Bremer Taliban“ gebrandmarkt, in Guantánamo landete.

Nachdem Murat Kurnaz am 1786. Tag seiner Odyssee am US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz freigelassen wurde und mit seiner Familie heim nach Bremen fuhr, steigt er während einer Fahrpause aus dem Auto, schaut in den dunklen Himmel über ihm und sagt: „Ich wusste nicht mehr, wie schön die Nacht ist.“ So endet der Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, der auf der wahren Tragödie jenes Bremer Schiffbaulehrlings beruht, der als „Bremer Taliban“ gebrandmarkt wurde, nach den 9/11-Anschlägen in die Mühlräder der Weltgeschichte geriet und im dauerbeleuchteten Guantánamo- Käfig landete. Seine Mutter Rabiye Kurnaz und sein Anwalt Bernhard Docke durchleben, durchleiden, durchkämpfen die Zeit seiner Gefangenschaft als Reise in ein schwarzes Loch. Wie sie gegen alle Justiz- und Politikwahrscheinlichkeit diesem juristischen Niemandsland entkommen und den Sohn und Klienten befreien, davon handelt dieser Film.

Gemeinsam durchs Feuer gehen

Regisseur Andreas Dresen sagt „schicksalhaftes Pech“ zu den Fängen, die Murat in das Gefangenenlager in Kuba ziehen (siehe Interview). Sein Film erzählt von der schicksalhaften Fügung, die genau diese Mutter und exakt diesen Anwalt zusammenbringt, damit sie sich gegenseitig ergänzen und gemeinsam für Murat durchs Feuer gehen.

Die deutsch-türkische Comedienne Meltem Kaptan spielt die Rolle der Mutterlöwin Rabiye Kurnaz nicht, sie brüllt sie mit jeder Faser ihrer traurigen, lustigen, still-verzweifelten, laut-hoffenden, impulsiv-kämpfenden Schauspielkunst heraus. Und der deutsche Schauspieler Alexander Scheer füllt das von der Maske perfekt gestylte Äußere von Rechtsanwalt Docke mit der Schlauheit eines mit allen juristischen Wassern gewaschenen Fuchses und der Verve eines Menschenrechtsanwalts, der sich „den Rechtsstaat zentimeterweise erkämpfen“ muss.

Als dieses so unterschiedliche und gerade deswegen so ein- und durchschlagende Duo eingeladen ist, vor den Hinterbliebenen der 9/11-Opfer zu sprechen, setzt der Film die mit dem „Krieg gegen Terror“ ausgerufene Rachelogik außer Kraft: „Ganz oft in meinen Träumen sehe ich Murat, wie er im Käfig sitzt, so allein, das macht mich ganz krank“, sagt Rabiye Kurnaz. Die letzte Karte von ihm kam vor zwei Jahren: „Warten, immer warten, ich kann nicht mehr. Warten macht Hoffnung tot – darum bin ich hier.“ Und darum gibt es diesen Film, darum braucht es diesen Film, der den Berufsethos von Anwalt Docke durchbuchstabiert: „Mir geht es um Gerechtigkeit.“

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