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Eine Antithese zu Ingmar Bergman – „Szenen meiner Ehe“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dokumentarfilm der Regisseurin Katrin Schlösser ist eine intime Beobachtung ihrer Beziehung mit Lukas Lessing.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Dokumentarfilm der Regisseurin Katrin Schlösser ist eine intime Beobachtung ihrer Beziehung mit Lukas Lessing.

Eine Frau und ein Mann, jeweils in einer festen Beziehung mit Kindern, treffen einander bei einer Wohnungsbesichtigung und verlieben sich sofort. Weil sie ihr „Glück nicht auf dem Unglück anderer“ bauen wollen, beenden sie ihre Blitzaffäre bald. Nach zehn Jahren sehen sie sich wieder, weil Katrin Schlösser, die Frau, entgegen ihrer Gewohnheit in eine andere Straße eingebogen war. Da steht Lukas Lessing, der Mann, und macht ihr noch am selben Abend einen Heiratsantrag, sie sagt Ja.

Für ihren Film „Szenen meiner Ehe“, eine intime Beobachtung ihrer Beziehung mit Lessing (die Antithese zu Ingmar Bergmans Film!), erzählt Schlösser dies – und alles andere – achronologisch und szenisch fragmentarisch. Der filmische Apparat zur Aufzeichnung ist nicht mehr als iPhone samt Ansteckmikrofon, doch Schlössers starke Regie und ihr offensiver Umgang mit Brüchigkeiten und Unsicherheiten (Co-Editorin Barbara Gies) übersetzen die Form in ihren Inhalt – und umgekehrt.

Das Paar ist unverwechselbar, gleichzeitig aber typisch, ihre Liebe zueinander ist höchstpersönlich und dabei universell. Aus den vielen Nuancen ihrer Reflexionen über ihr Zusammenleben, ihren Alltag, ihre Wirklichkeit/en kristallisiert sich ein Fokus auf ihre komplizierte Wohnsituation zwischen Berlin und einem Haus im Burgenland.

Schlösser sucht nach visuellen Fluchten aus dem immer klaustrophobischer werdenden Binnenraum mit Lessing, und dann gibt es plötzlich eine klare Außenwelt: Lessings Mutter wird pflegebedürftig. Die Entscheidung darüber, sie aufzunehmen, kulminiert in einem unglaublichen Gespräch zwischen Schlösser und Lessing, bei dem sie an einem Tisch sitzen, der wie ein Balken zwischen ihnen liegt. Sie haben heftig gestritten, kommen nicht zusammen, „alles ist Tristesse“. Da traut sie sich, ihn zu fragen: „Hast du jetzt noch ein Liebesgefühl mir gegenüber?“ Und er traut sich, ihr zu antworten: „Gerade nicht.“ Doch wahr ist: Lessing liebt sie, und sie liebt ihn, und diese Liebe überwindet jede Reflexion.

Die Autorin ist Filmkritikerin.

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