Gräben - © Warner
Film

Gräben der Westfront

1945 1960 1980 2000 2020

Zurück in den Ersten Weltkrieg: Mit seinem augmentierten Dokumentarfilm „They Shall Not Grow Old“ schafft Regisseur Peter Jackson ein Bindeglied zu einer untergegangenen Realität.

1945 1960 1980 2000 2020

Zurück in den Ersten Weltkrieg: Mit seinem augmentierten Dokumentarfilm „They Shall Not Grow Old“ schafft Regisseur Peter Jackson ein Bindeglied zu einer untergegangenen Realität.

Mit der Zeit ändert sich das Gedenken. Das gilt nicht nur bestenfalls für die Überwindung einstiger Feindschaften, wenn kürzlich eine deutsche Kanzlerin wie selbstverständlich in die Feierlichkeiten zur Landung in der Normandie eingebunden war. Fundamentale Wirkung hat der Übergang der Zeitgeschichte hin zu einer, die nur noch aus Dokumenten und Büchern überliefert ist. Der D-Day ist 75, der Überfall auf Polen diesen September 80 Jahre her. Nicht nur mit den Zeugen des Holocausts, auch mit dem Tod der letzten Veteranen bricht das unmittelbare Bindeglied zu Ereignissen ab. Beim Ersten Weltkrieg ist dieser Prozess, der nur in eine Richtung laufen kann, bereits abgeschlossen. Eigentlich stemmt sich „Herr der Ringe“Regisseur Peter Jackson mit seiner jüngsten Arbeit also gegen ein Naturgesetz: „They Shall Not Grow Old“, der nicht umsonst am 11.11.2018, dem 100. Jahrestag des Waffenstillstands, uraufgeführt wurde, ist eine Auftragsarbeit für das britische „Imperial War Museum“ und die Kunstinitiative 14-18 NOW. Sie versetzt ein Jahrhundert zurück, in die Gräben der Westfront, in die Haut eines „Tommys“, wie der Spitzname der britischen Soldaten lautete. Das Besondere ist das Wie. Jackson versucht es weder als Spielfilm noch als Spieldokumentarfilm, sondern als augmentierte Dokumentation.

Der Film hilft dem Originalmaterial nach, um – im Bewusstsein seiner ernsten Aufgabe – in diesen Krieg eintauchen zu lassen.

Im „Off“ schöpft er aus den Archiven der BBC. Er vereint die mündliche Überlieferung von 120 einstigen Soldaten zu einem Strom der Erinnerung zwischen Kriegsausbruch und Heimkehr. Daten, Orte und Namen hält er bewusst heraus. Ihm geht es ums Empfinden, dem er über Details nahe kommen will: um die Zahnbürste, die jeder Rekrut bei der hastigen Einkleidung bekam, die ihren Zweck beim Putzen der Uniformknöpfe erfüllte. Den Maschinengewehr-Lauf, der, heiß geschossen, zum Teekochen herhielt. Den tödlich verletzten Soldaten, den der Kamerad erlöste. Es ist eine andere Realität, in die Jackson vordringt, welcher die Veteranen einen Sinn verleihen mussten – und sei er auch befremdlich für die im Frieden Geborenen.

Gespenstische Qualität

Greifbar machen diese „Erzählung von unten“ die Bilder. Zuerst ist das Material aus dem „War Museum“ noch im ursprünglichen Format; es mischen sich Plakate und Karikaturen darunter. Dann aber geht es an die Front – und die restaurierten Filme füllen die Leinwand aus, in Farbe und 3D. Unterhaltungen werden hörbar; Offiziere, die den Verkehr an Mensch und Munition regeln. Es scheppern Dachziegel zu Boden, als direkt daneben ein Geschütz feuert. Anonyme Gesichter erhalten Ausdruck, werden Teil dieser Geschichte. Der Film geht technisch so weit, wie er kann, ebenso dramaturgisch. Er zoomt, schwenkt und morpht in den alten Aufnahmen, um zu emotionalisieren, zu individualisieren. Das kann auch zu einer gespenstischen Qualität führen, wenn die Rekonstruktion an die Grenze des Vertretbaren geht. Schon beim Remake von „King Kong“ ging es Jackson darum, künstlerische Vorstellungen umzusetzen, die 70 Jahre davor technisch nicht durchführbar waren. In diesem Film ist das Ansinnen wesentlich besser aufgehoben. Es hilft dem Originalmaterial nach, um – im Bewusstsein seiner ernsten Aufgabe – in diesen Krieg eintauchen zu lassen. Um wenigstens jetzt nachvollziehbar zu machen, worüber die Tommys mit den Daheimgebliebenen nicht reden konnten. Denn: Es sei ohne Gesprächswert gewesen, erinnert sich eines der vielen Bindeglieder zur Geschichte.

They Shall Not Grow Old
NZ/GB 2018.
Regie: Peter Jackson.
Warner. 99 Min.

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