Menschliche Dinge - © Polyfilm

„Menschliche Dinge“: Meistens sind wir Bestien

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Yvan Attal hat den Roman von Karine Tuil mit Charlotte Gainsbourg und Mathieu Kassovitz verfilmt.

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Yvan Attal hat den Roman von Karine Tuil mit Charlotte Gainsbourg und Mathieu Kassovitz verfilmt.

Es ist nicht selten, dass das Kino Vergewaltigungsfälle als Geschichtenfundus erwählt, um mit großer Dramatik auf Misshandlungen und Missbrauch, Verletzungen und Traumata hinzuweisen – dies sind immer auch fesselnde Geschichten, man erinnere sich etwa an den spannenden Film „Angeklagt“ (1988) mit Jodie Foster als Vergewaltigungsopfer, das sich ihre Rechte nur mühsam und gegen eine männerdominierte Justiz erkämpfen konnte. Schon dieser Film zeigte, dass es selten nur die eine Wahrheit gibt, die bei Gericht in eine Urteilsfindung einfließt. In „Menschliche Dinge“ nach dem Roman „Les choses humaines“ von Karine Tuil aus dem Jahr 2019 nimmt Regisseur Yvan Attal die schwierige Herausforderung an, dieses Subgenre spannend und einfühlsam zu gestalten, zugleich aber eine komplizierte Erzählstruktur überzustülpen, um auch Cineasten zu fordern.

Wir lernen den 22-jährigen Stanford-Studenten Alexandre Farel (Ben Attal, der Sohn des Regisseurs) kennen, der für ein Wochenende nach Paris fliegt, um an einem Klassentreffen teilzunehmen. Er hat auch vor, seine kürzlich getrennten Eltern Jean (Pierre Arditi) und Claire (Charlotte Gainsbourg, die Ehefrau des Regisseurs und Mutter von Ben Attal) zu besuchen, zwei bekannte Persönlichkeiten der französischen Öffentlichkeit. Jean ist TV-Kommentator mit einigem Einfluss, Claire arbeitet als Essayistin zu feministischen Themen. Claire, die mit Adam (Mathieu Kassovitz) zusammengezogen ist, lädt Alexandre zum Abendessen in ihre neue Wohnung ein, in der auch Adams 17-jährige Tochter Mila (Suzanne Jouannet) lebt. Als Alexandre sich auf den Weg zu seiner Party macht, wird vorgeschlagen, dass er Mila mitnehmen soll. Tags darauf wird Alexandre von der Polizei aufgegriffen, da Mila Anzeige wegen Vergewaltigung gegen ihn erstattet hat.

Alexandre gibt Intimitäten mit Mila zu, diese seien jedoch einvernehmlich passiert – das Elternhaus ist entsetzt: Während Claire ihren Sohn verteidigt, wettert Adam gegen ihn mit einer Morddrohung. Das Paar trennt sich umgehend. Jean telefoniert mit einem versierten Anwalt, um einen Vergleich auszuhandeln, der von Milas orthodoxer jüdischer Mutter (Audrey Dana) strikt abgelehnt wird.

Diese Episoden verdeutlichen, wie der Mensch reagiert, wenn er aufs Äußerste gefordert wird, nämlich: wenn er seinen Nachwuchs verteidigen muss. Der Mensch als Raubtier, das ist eine Metapher, die das Autorenduo Attal und Yaël Langmann allzu gerne bemühen, die zugleich aber auch sehr bemüht ist, alle Seiten der Geschichte zu zeigen, auch die der Justiz, die mit einem kühleren Kopf an die Sachlage herangeht.

Attal erzählt „Menschliche Dinge“ aus einer „Er“- und einer „Sie“-Perspektive, weshalb man in der Handlung mal vor- und mal zurückspringt und unterschiedliche Sichtweisen serviert bekommt, zu der Attal auch Stellung bezieht. Außerdem verwebt der Regisseur immer wieder kleine Rückblenden des betreffenden Abends in den Film, die nach und nach die ganze Wahrheit der Ereignisse ans Licht bringen sollen. Dank seines Ensembles ist „Menschliche Dinge“ durchaus solide und spannend – und kehrt auch die Schattenseiten des Menschseins schonungslos hervor: Nicht immer sind die Menschen Bestien, aber meistens schon.

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