Intensives Körperkino - Ema: Intensives Körperkino<br />
  - © Rainer Messerklinger

Pablo Larraín: "Ema" - ein Bilderrausch

1945 1960 1980 2000 2020

Pablo Larraín bietet in seinem absurden Filmdrama „Ema“ intensives Körperkino und wirbelt Geschlechterrollen und Familienkonzepte kühn durcheinander.

1945 1960 1980 2000 2020

Pablo Larraín bietet in seinem absurden Filmdrama „Ema“ intensives Körperkino und wirbelt Geschlechterrollen und Familienkonzepte kühn durcheinander.

Zuerst hört man das Knistern von Feuer, dann setzt Musik ein und schließlich folgt das erste Bild: eine brennende Ampel auf einer nächtlichen Straße. Im Vordergrund steht die Tänzerin Ema (Mariana Di Girolamo), die mit ihrem Feuerwerfer offensichtlich für den Brand verantwortlich ist.

So ungewöhnlich, aufregend und einprägsam der Auftakt des achten Spielfilms des 1976 geborenen Chilenen Pablo Larraín ist, so aufregend und mitreißend sind die ganzen folgenden 102 Minuten. Immer schon gehörte Larraín zu den experimentierfreudigsten Regisseuren des aktuellen Weltkinos.

Formal eigenwillige Wege beschritt er bei der Nachzeichnung der Volksabstimmung gegen Pinochet in „No!“ (2012) ebenso wie bei der Auseinandersetzung mit Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche in „El Club“ (2015), dem Biopic „Neruda“ (2016) oder dem Porträt der Witwe von John F. Kennedy in „Jackie“ (2016).

Mitten hinein ins Geschehen wirft Larraín nun den Zuschauer in dem in der chilenischen Küstenstadt Valparaiso spielenden „Ema“. Erst langsam werden in der stark fragmentierten und auch nicht zwingend chronologischen Erzählweise Zusammenhänge sichtbar, die der Zuschauer im Kopf zu einer schlüssigen Geschichte zusammenfügen muss. Klar wird so langsam, dass Ema und Gaston (Gael Garcia Bernal) den achtjährigen kolumbianischen Jungen Polo, den sie adoptierten, offensichtlich nach zehn Monaten wieder zurückgegeben haben, da er sich als pyromanisch veranlagt entpuppte. Als Ema das Kind aber doch wieder zurückholen will, und nicht nur das Jugendamt, sondern auch Gaston wenig Verständnis dafür zeigen, droht die Beziehung zwischen der Tänzerin und dem Choreographen zu zerbrechen. Gleichzeitig lieben sie sich aber immer noch und scheinen nicht voneinander los zu kommen.

Pulsierende Tanzszenen

Über den Beruf dieses Paars fügt Larraín immer wieder Tanzszenen ein, die vom treibenden Rhythmus des Reggaeton bestimmt werden. Enormen Sog entwickeln diese Szenen, in denen die Kamera von Sergio Armstrong stets in Bewegung ist, langsam kreist, sich nähert oder sich entfernt, und der Feuerball, vor dem getanzt wird, seine Farbe langsam von Blau zu leuchtendem Rot wechselt.

Dramaturgisch scheinen diese Szenen aber bewusst keine Funktion zu haben. Nicht auf eine Aufführung laufen die Proben hinaus, sondern einzig um die Feier des menschlichen Körpers und seiner Bewegung sowie die Intensität des Augenblicks geht es hier. Die privaten Probleme Emas und Gastons wirken sich aber auch auf die berufliche Ebene aus und führen zu Spannungen innerhalb der Tanzgruppe.

Zuerst hört man das Knistern von Feuer, dann setzt Musik ein und schließlich folgt das erste Bild: eine brennende Ampel auf einer nächtlichen Straße. Im Vordergrund steht die Tänzerin Ema (Mariana Di Girolamo), die mit ihrem Feuerwerfer offensichtlich für den Brand verantwortlich ist.

So ungewöhnlich, aufregend und einprägsam der Auftakt des achten Spielfilms des 1976 geborenen Chilenen Pablo Larraín ist, so aufregend und mitreißend sind die ganzen folgenden 102 Minuten. Immer schon gehörte Larraín zu den experimentierfreudigsten Regisseuren des aktuellen Weltkinos.

Formal eigenwillige Wege beschritt er bei der Nachzeichnung der Volksabstimmung gegen Pinochet in „No!“ (2012) ebenso wie bei der Auseinandersetzung mit Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche in „El Club“ (2015), dem Biopic „Neruda“ (2016) oder dem Porträt der Witwe von John F. Kennedy in „Jackie“ (2016).

Mitten hinein ins Geschehen wirft Larraín nun den Zuschauer in dem in der chilenischen Küstenstadt Valparaiso spielenden „Ema“. Erst langsam werden in der stark fragmentierten und auch nicht zwingend chronologischen Erzählweise Zusammenhänge sichtbar, die der Zuschauer im Kopf zu einer schlüssigen Geschichte zusammenfügen muss. Klar wird so langsam, dass Ema und Gaston (Gael Garcia Bernal) den achtjährigen kolumbianischen Jungen Polo, den sie adoptierten, offensichtlich nach zehn Monaten wieder zurückgegeben haben, da er sich als pyromanisch veranlagt entpuppte. Als Ema das Kind aber doch wieder zurückholen will, und nicht nur das Jugendamt, sondern auch Gaston wenig Verständnis dafür zeigen, droht die Beziehung zwischen der Tänzerin und dem Choreographen zu zerbrechen. Gleichzeitig lieben sie sich aber immer noch und scheinen nicht voneinander los zu kommen.

Pulsierende Tanzszenen

Über den Beruf dieses Paars fügt Larraín immer wieder Tanzszenen ein, die vom treibenden Rhythmus des Reggaeton bestimmt werden. Enormen Sog entwickeln diese Szenen, in denen die Kamera von Sergio Armstrong stets in Bewegung ist, langsam kreist, sich nähert oder sich entfernt, und der Feuerball, vor dem getanzt wird, seine Farbe langsam von Blau zu leuchtendem Rot wechselt.

Dramaturgisch scheinen diese Szenen aber bewusst keine Funktion zu haben. Nicht auf eine Aufführung laufen die Proben hinaus, sondern einzig um die Feier des menschlichen Körpers und seiner Bewegung sowie die Intensität des Augenblicks geht es hier. Die privaten Probleme Emas und Gastons wirken sich aber auch auf die berufliche Ebene aus und führen zu Spannungen innerhalb der Tanzgruppe.

Wie Ema befreit sich auch Larraín von allen Konventionen, erzählt befreit von allen narrativen Regeln und feiert auch über die Form diese Unabhängigkeit.

Wenn Ema neue Allianzen und Beziehungen eingeht, um ihren Plan der Rückgewinnung des Kindes zu verwirklichen, nützt Larraín dies, um das Porträt einer absolut freien Frau zu zeichnen. Einerseits bricht sie bedenkenlos das Tabu der Kindesverstoßung, andererseits entwickelt sie doch wieder mütterliche Gefühle, geht mit den anderen Tänzerinnen auch eine erotische Gemeinschaft ein und spannt einen Feuerwehrmann und dessen Frau gezielt für ihre Zwecke ein.

So werden in diesem Film, der sich auch visuell mit der mit einem Feuerwerfer durch die Stadt ziehenden Ema einbrennt, auch Geschlechter- und Familienmodelle abseits aller Traditionen verhandelt und präsentiert. Wie Ema befreit sich dabei auch Larraín von allen Konventionen, erzählt befreit von allen narrativen Regeln und feiert so auch über die Form diese Ungebundenheit und Unabhängigkeit.

Dass dieses Frauenporträt so mitreißt und vibrierende Kraft entwickelt, liegt neben der Musik, den Bewegungen der Körper und der Kameraarbeit sowie der Arbeit mit Licht und Farbe auch an der 28-jährigen Mariana Di Girolama. Sie spielt diese Ema nicht, sondern versetzt sich mit vollem Körpereinsatz in diese Rolle und lebt diese leidenschaftliche Frau, die sich ganz von ihren Emotionen leiten lässt.

Ema - Ema Chile 2019. Regie: Pablo Larraín. Mit Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal, Santiago Cabrera, Mariana Loyola. Filmladen. 102 Min.  - © Rainer Messerklinger
© Rainer Messerklinger
Film

Ema

Chile 2019.
Regie: Pablo Larraín.
Mit Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal, Santiago Cabrera, Mariana Loyola.
Filmladen. 102 Min.

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