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„Quo vadis, Aida?“: Machtlose Zeugin

1945 1960 1980 2000 2020

Jasmila Žbanić zeichnet in „Quo vadis, Aida?“ aufwühlend die dramatische Entwicklung zum Massaker von Srebrenica nach.

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Jasmila Žbanić zeichnet in „Quo vadis, Aida?“ aufwühlend die dramatische Entwicklung zum Massaker von Srebrenica nach.

Schon in ihrem 2006 bei der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Spielfilmdebüt „Grbavica – Esmas Geheimnis“ setzte sich die Bosnierin Jasmila Žbanić mit den Gräueln des Bosnienkriegs auseinander. Langsam muss hier eine Jugendliche entdecken, dass ihr Vater kein großer Kriegsheld war, sondern dass ihre Mutter vielmehr auch ein Opfer der systematischen Vergewaltigung durch Serben war und sie selbst die Frucht eines solchen Gewaltakts ist.

Im Gegensatz zu diesem kleinen und zurückhaltenden Film fährt Žbanić in ihrem unter anderem für den Oscar nominierten „Quo vadis, Aida?“ große Geschütze auf. Unmittelbar hinein ins Geschehen versetzt sie das Publikum und beschränkt sich auf die Ereignisse am 11. und 12. Juli 1995.

Nicht-Agieren und Versagen der UNO

Keine Hintergrundinformationen werden geliefert, vielmehr zielt der Film auf Immersion. Hautnah soll man aus der Perspektive der Englischlehrerin Aida (Jasna Đuričić), die bei den niederländischen UN-Schutztruppen als Dolmetscherin arbeitet, die Ereignisse miterleben. Mit ihr als Protagonistin wechselt man ständig die Seiten und bekommt sowohl Einblick in das Agieren oder vielmehr Nicht-Agieren und Versagen der UNO als auch in die verzweifelte Situation der Bosniaken, die vor den Serben flüchten und um Aufnahme im UN-Lager bitten.

Aufwühlend zeichnet Žbanić in quasidokumentarischer Schilderung, bei der mit Ausnahme von einer Rückblende und vom Epilog auch auf Musik verzichtet wird, die Ereignisse nach. Mit der dynamischen Handkamera von Christine A. Maier und schnellen Schnitten macht sie die Hektik und Anspannung erfahrbar, nimmt den Zuschauer förmlich in Geiselhaft und macht ihn zum Zeugen dieses grausamen Massakers, bei dem vor den Augen der Weltöffentlichkeit über 8000 bosnische Muslime ermordet wurden.

Hoffnung auf Versöhnung?

Große emotionale Wucht entwickelt „Quo vadis, Aida?“ dabei vor allem durch die zunehmende Fokussierung auf den Kampf Aidas um ihren Ehemann und ihre beiden Söhne. Pars pro Toto steht diese individuelle Tragödie für die Tragödie von Tausenden, die in den Massen vor und im Lager ständig präsent sind. Man spürt zwar die ständige Bedrohung, und in jeder Szene strahlen General Mladić und seine Helfer Aggression und Gewalt aus, aber auf offene Gewaltszenen verzichtet Žbanić. Zurückhaltend bleibt sie schließlich auch beim Massaker, wenn sie sich dabei auf Gewehrsalven auf der Tonspur beschränkt.

Chancenlos ist in dieser kriegerischen Männerwelt Aida, die von der Serbin (!) Jasna Đuričić mit Leidenschaft und großem Körpereinsatz gespielt wird. Wie eine Löwin kämpft sie um ihre Familie – und bleibt doch nur ein Spielball zwischen den UN-Befehlshabern und den Serben. Doch trotz aller Gräuel lässt Žbanić ihr Drama mit einem Epilog enden, der Hoffnung auf Versöhnung verbreitet.

Der Autor ist freier Filmjournalist.

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