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"DU DARFST MICH NIE VERLASSEN"

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DIE EINZIGARTIGEN ROMANE VON JANE GARDAM LADEN DAZU EIN, DIE BLICKWINKEL ZU ÄNDERN.

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DIE EINZIGARTIGEN ROMANE VON JANE GARDAM LADEN DAZU EIN, DIE BLICKWINKEL ZU ÄNDERN.

Wer konnte damit rechnen? Ja, gewiss, beim Hanser Verlag in Berlin mag man Hoffnungen gehegt haben, dass die Bücher der in ihrer britischen Heimat mit Preisen dekorierten und hoch geschätzten, hierzulande jedoch nahezu unbekannten Jane Gardam auf freundliche Resonanz stoßen würden. Doch dass die bald Neunzigjährige mit einem Mal die Beststellerlisten stürmte, gehört zu den zum Glück immer wieder auftretenden, kaum erklärlichen Buchmarktphänomenen.

Mit dem - im englischen Original 2004 erschienenen - Roman "Ein untadeliger Mann" erinnerte Jane Gardam im letzten Herbst daran, was ein der Tradition verhaftetes, jedoch nie altmodisch wirkendes Erzählen heute noch zu leisten vermag. Und was es bedeutet, einer Autorin dabei zuzusehen, wie sie Handlungsstränge kunstvoll miteinander verknüpft, zwischen ganz unterschiedlichen Örtlichkeiten wie London und Hongkong hin und her springt und Geschehnisse aus Jahrzehnten so verschmelzen lässt, dass ein Labyrinth der Zeit entsteht, durch dessen einmal helle, dann wieder dunkle Gänge die Leser der Autorin vertrauensvoll folgen.

"Ein untadeliger Mann" erzählt die Geschichte der Eheleute Edward, Old Filth genannt, und Betty Feathers - vorwiegend aus der Perspektive des Mannes, der als Kronanwalt in Hongkong reüssiert und sich, nachdem die Chinesen 1997 dort das Regiment übernommen haben, als angesehener Privatier auf einen Landsitz nach Dorset zurückzieht und kleineren wissenschaftlichen Publikationen widmet.

Der überraschende Tod seiner Frau, die beim Tulpensetzen einen Infarkt erleidet, nötigt den im Kolonialgebiet Britisch-Indien geborenen Edward dazu, sein vermeintlich makelloses Leben zu überdenken und in die dunklen Sphären seiner Kindheit einzutauchen, in der ihn seine walisische Pflegemutter traumatisierte.

Halbes Jahrzehnt Eheleben

"Eine treue Frau"(2009 in England erschienen) ist nicht als Fortsetzung des "Untadeligen Mannes" angelegt, sondern lädt dazu ein, den Blickwinkel zu ändern, aus der Sicht Bettys auf ein halbes Jahrzehnt (Ehe-)Leben zu blicken und sich die sogenannte Wahrheit Stück für Stück selbst zusammenzusetzen. Mit aller ihr zur Verfügung stehenden Erzählkunst gelingt es Gardam auf diese Weise, das Eindimensionale von Geschichte aufzuheben und die (Selbst-)Täuschungen, der sich ihre Protagonisten bewusst oder unbewusst hingeben, zu begreifen.

Man muss "Ein untadeliger Mann" nicht gelesen haben, um das einsetzende Spiel der Verschränkungen zu goutieren. Motive und Themen des Erstlings werden aufgegriffen, nuanciert oder so dargestellt, dass Edwards Sicht auf die Dinge plötzlich höchst lückenhaft erscheint.

Als sich beide, ohne viel vom anderen zu wissen, in Hongkong verloben, geht es Edward vor allem darum, seinen Lebensuntergrund zu festigen. Als stotternder, von Unsicherheit gequälter Mann, der als erfolgversprechender Jurist ohne das "Sicherheitsnetz" seiner gern geleisteten Überstunden nicht auskommt, ist er von maßloser Verlassensangst getrieben. Seine Forderung ist eindeutig: "Du darfst mich nie verlassen. Das ist die Bedingung. Ich bin mein ganzes Leben lang verlassen worden. Seit ich ein Baby war, wurde ich Leuten weggenommen."

Betty gibt ihm das Versprechen, an seiner Seite zu bleiben, komme, was wolle - ein Schwur, der die "treue Frau" bald belastet. Denn schon in der Verlobungsnacht gab sie sich ohne Zögern dem Erzrivalen ihres Mannes hin, dem gleichfalls in Hongkong agierenden Juristen Terence Veneering.

Über all die Jahrzehnte hinweg ist sich Betty der wahren Liebe ihres Lebens bewusst, obwohl sie Veneering kaum zu Gesicht bekommt. Einfühlsam kümmert sie sich um dessen Sohn Harry und steht ihm bei einer schweren Operation bei - Dinge, von denen der arbeitswütige Edward nichts mitbekommt.

Einsamkeit holt Betty regelmäßig ein, und eine "doppelverglaste Stille" umschließt ihre Psyche wie ein Wattebausch. Dennoch bringt sie es nicht über sich, den scheinbar unantastbaren Edward zu verlassen - bis sie, kurz vor ihrem Tod, ihre Meinung zu ändern scheint.

Eindringliches Erzählen

So eindringlich Jane Gardam von Sehnsüchten und Enttäuschungen zu erzählen weiß, so nah uns die Welt Hongkongs und die Prozessstreitigkeiten um Staudammprojekte kommen und so angestrengt die zwischen Asien und England pendelnde Betty nach dauernder Zugehörigkeit sucht - nie gibt die brillante Schriftstellerin Gardam das Heft aus der Hand, nie verliert sie sich in Sentimentalitäten, und stets weiß sie zum richtigen Zeitpunkt das Tempo zu drosseln oder zu beschleunigen, mit Leitmotiven (das grüne Kleid, mit dem Betty Edward schon vor der Ehe betrog, die Perlenketten ihrer Liebhaber) zu strukturieren und dabei charmant auf ihre literarischen Vorfahren Charles Dickens, Jane Austen oder Emily Brontë anzuspielen.

Bettys Version ihrer Ehe ist nicht Jane Gardams letztes Wort. 2013 ließ sie mit "Last Friends" einen dritten Teil folgen, der Terry Veneering ins Rampenlicht stellt, den Widersacher in Justiz- und Liebesangelegenheiten. Was er zu berichten hat, wird sich mit Sicherheit von dem unterscheiden, was Edward und Betty in "ihren" Büchern ausbreiteten.

Dass er nach Bettys Tod Edwards Nachbar wird, sich die beiden wohl oder übel beim Schachspiel und Rotwein nahekommen und Terry bei einer Kreuzfahrtreise zu Tode kommt, das weiß man aus "Ein untadeliger Mann" und "Eine treue Frau", doch wie er es aushielt, ein Leben fern seiner Geliebten zu fristen, darüber wird uns "Last Friends" belehren - bald auch in der deutschen Übersetzung Isabel Bogdans, die als Abschluss der Romantrilogie bereits im kommenden Herbst erscheinen wird.

"Erinnerung und Sehnsucht", so räsoniert Edward Feathers in "Eine treue Frau", die "muss ich mir bewahren, sonst ist es vorbei." Was das im Detail bedeutet, was uns daran beglückt und quält, davon handeln Jane Gardams einzigartige, wunderbare Romane.

Ein untadeliger Mann

Roman von Jane Gardam.

Übersetzt von Isabel Bogdan Hanser

Berlin 2015 352., geb., € 23,60

Eine treue Frau

Roman von Jane Gardam.

Übersetzt von Isabel Bogdan

Hanser Berlin 2016 270 S., geb., € 22,60

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