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Literatur

Geschlossene Augen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Zwei neue Studien über das Verhältnis der Deutschen zur Judenverfolgung 1933-1945.

Frank McCourt unterrichtete schon seit einigen Jahren an der New Yorker Stuyvesant High-School, der besten High-School der Stadt, als ein Schüler namens Jonathan in seinem Creative Writing Course zu ihm sagte: "Mr. McCourt, Sie sind ein Glückspilz. Sie hatten diese unglückliche Kindheit, also haben Sie was, worüber Sie schreiben können." Da ist etwas Wahres dran. Denn später, mit 66 Jahren, nachdem er als Lehrer in Pension gegangen war, schrieb Frank McCourt tatsächlich ein Buch über seine armutsgeprägte irische Kindheit, das 1996 unter dem Titel "Die Asche meiner Mutter" zu einem gigantischen, millionenfach gelesenen Überraschungserfolg wurde.

Der gleiche triumphale Erfolg war auch seinem zweiten Buch "Ein rundherum tolles Land" beschieden. Es beginnt dort, wo "Die Asche meiner Mutter" aufgehört hatte: Bei McCourts Ankunft in Amerika als 19-Jähriger. Es erzählt von seinem begrenzten, durch Schüchternheit und einen starken irischen Akzent erschwerten Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und darüber, wie er vom Hafenarbeiter zum Lehrer wurde.

"Als es erschienen war, ließ mich das Gefühl nicht los, dass das Unterrichten darin zu kurz gekommen war", schreibt McCourt jetzt in der Einleitung zu seinem neuen Buch, das in der englischen Originalfassung klar und prägnant "Teacher Man" heißt. Auf Deutsch trägt es den überflüssig verschwurbelten Titel "Tag und Nacht und auch im Sommer". Darin korrigiert McCourt ein Versäumnis und erzählt auf über 300 Seiten beinah ausschließlich von seinen drei Jahrzehnten als High-School-Lehrer in New York.

Komisch und traurig

Es ist wieder eines von diesen gleichzeitig wunderbar komischen und herrlich traurigen McCourt-Büchern geworden. Interessieren wird es jeden: Denn jeder von uns war einmal Schüler und ist auf diesem Gebiet Experte. Déjà-vus sind garantiert. Die, die gern Schüler waren, könnten von Nostalgie ergriffen werden, die, die es hassten, werden auch noch im Nachhinein die Fäuste ballen und mit einem ungnädigen Schicksal hadern, das ihnen vielleicht kein einziges Mal einen so tollen Lehrer und Geschichtenerzähler wie McCourt über den Weg geschickt hat.

McCourt fiel beinahe bei der Lehramtsprüfung durch, weil er vorschlug, seinen Schülern als Hausübung das Schreiben eines Abschiedbriefes aufzugeben, um sie zum Nachdenken "über das Leben als solches" zu bringen.

Ständig erzählt

McCourt stellt sich als einen Lehrer dar, der ständig aus seinem eigenen Leben erzählte, obwohl er wusste, dass Schüler vor allem deshalb danach fragen, damit der eigentliche Unterrichtsstoff nicht zur Sprache kommt. Als einen Lehrer, der zum Zwecke der Wortschatzvergrößerung Kochrezept-Lesungen mit Musikbegleitung zur Aufführung brachte, als einen, für dessen Kurs sich plötzlich Hunderte anmeldeten - "so beliebt war ich".

Dabei stand er selbst vor einem Rätsel: "War es mein meisterhafter Unterricht, mein Charisma, mein irischer Charme? Die alte Geschichte mit der skurrilen Sprache? Oder hatte es sich herumgesprochen, dass dieser McCourt immer vom Hundertsten ins Tausendste kam und dann gute Noten wie Erdnüsse verteilte?" Vermutlich beides.

McCourt berichtet auch von seinem Blick auf seine Schüler, von seiner Ratlosigkeit, seiner ungewöhnlichen Bereitschaft, sich zu exponieren, und der Weigerung, seine Schüler als Gegner und sich selbst als Verbitterten wahrzunehmen. Sein Ziel: Sich beim Unterrichten wohl zu fühlen, obwohl man ständig - angesichts von täglich fünf Klassen von Teenagern, "hundertfünfundsiebzig tickenden Zeitbomben" - darum bemüht ist, seine Haut zu retten.

"Das Klassenzimmer", lehrt McCourt, "ist ein Ort höchster Dramatik." Wer sich dem ausliefert, lernt eine ganze Menge über sich selbst und findet im Idealfall von der Furcht zur Freiheit: "Die Maske ist meistens runter, ich kann atmen", summiert McCourt, dessen Weg vom cholerisch-schüchternen Hafenarbeiter zum heiteren Lehrer weit war.

Wie lehrt man Kinder? "Man muss sie auf Trab halten, damit sie nicht zu denken anfangen." Nicht bei McCourt: Er sagt zu seinen Schülern: "Bewertet euch selbst." Die einen können mit so etwas umgehen, die anderen nicht. Als Lehrer vergessen hat ihn vermutlich niemand.

Tag und Nacht und auch im Sommer

Erinnerungen von Frank McCourt

Aus dem Engl. von Rudolf Hermstein

Luchterhand Literaturverlag, München 2006

332 Seiten, geb., e 20,30

Zwei neue Studien über das Verhältnis der Deutschen zur Judenverfolgung 1933-1945.

Frank McCourt unterrichtete schon seit einigen Jahren an der New Yorker Stuyvesant High-School, der besten High-School der Stadt, als ein Schüler namens Jonathan in seinem Creative Writing Course zu ihm sagte: "Mr. McCourt, Sie sind ein Glückspilz. Sie hatten diese unglückliche Kindheit, also haben Sie was, worüber Sie schreiben können." Da ist etwas Wahres dran. Denn später, mit 66 Jahren, nachdem er als Lehrer in Pension gegangen war, schrieb Frank McCourt tatsächlich ein Buch über seine armutsgeprägte irische Kindheit, das 1996 unter dem Titel "Die Asche meiner Mutter" zu einem gigantischen, millionenfach gelesenen Überraschungserfolg wurde.

Der gleiche triumphale Erfolg war auch seinem zweiten Buch "Ein rundherum tolles Land" beschieden. Es beginnt dort, wo "Die Asche meiner Mutter" aufgehört hatte: Bei McCourts Ankunft in Amerika als 19-Jähriger. Es erzählt von seinem begrenzten, durch Schüchternheit und einen starken irischen Akzent erschwerten Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und darüber, wie er vom Hafenarbeiter zum Lehrer wurde.

"Als es erschienen war, ließ mich das Gefühl nicht los, dass das Unterrichten darin zu kurz gekommen war", schreibt McCourt jetzt in der Einleitung zu seinem neuen Buch, das in der englischen Originalfassung klar und prägnant "Teacher Man" heißt. Auf Deutsch trägt es den überflüssig verschwurbelten Titel "Tag und Nacht und auch im Sommer". Darin korrigiert McCourt ein Versäumnis und erzählt auf über 300 Seiten beinah ausschließlich von seinen drei Jahrzehnten als High-School-Lehrer in New York.

Komisch und traurig

Es ist wieder eines von diesen gleichzeitig wunderbar komischen und herrlich traurigen McCourt-Büchern geworden. Interessieren wird es jeden: Denn jeder von uns war einmal Schüler und ist auf diesem Gebiet Experte. Déjà-vus sind garantiert. Die, die gern Schüler waren, könnten von Nostalgie ergriffen werden, die, die es hassten, werden auch noch im Nachhinein die Fäuste ballen und mit einem ungnädigen Schicksal hadern, das ihnen vielleicht kein einziges Mal einen so tollen Lehrer und Geschichtenerzähler wie McCourt über den Weg geschickt hat.

McCourt fiel beinahe bei der Lehramtsprüfung durch, weil er vorschlug, seinen Schülern als Hausübung das Schreiben eines Abschiedbriefes aufzugeben, um sie zum Nachdenken "über das Leben als solches" zu bringen.

Ständig erzählt

McCourt stellt sich als einen Lehrer dar, der ständig aus seinem eigenen Leben erzählte, obwohl er wusste, dass Schüler vor allem deshalb danach fragen, damit der eigentliche Unterrichtsstoff nicht zur Sprache kommt. Als einen Lehrer, der zum Zwecke der Wortschatzvergrößerung Kochrezept-Lesungen mit Musikbegleitung zur Aufführung brachte, als einen, für dessen Kurs sich plötzlich Hunderte anmeldeten - "so beliebt war ich".

Dabei stand er selbst vor einem Rätsel: "War es mein meisterhafter Unterricht, mein Charisma, mein irischer Charme? Die alte Geschichte mit der skurrilen Sprache? Oder hatte es sich herumgesprochen, dass dieser McCourt immer vom Hundertsten ins Tausendste kam und dann gute Noten wie Erdnüsse verteilte?" Vermutlich beides.

McCourt berichtet auch von seinem Blick auf seine Schüler, von seiner Ratlosigkeit, seiner ungewöhnlichen Bereitschaft, sich zu exponieren, und der Weigerung, seine Schüler als Gegner und sich selbst als Verbitterten wahrzunehmen. Sein Ziel: Sich beim Unterrichten wohl zu fühlen, obwohl man ständig - angesichts von täglich fünf Klassen von Teenagern, "hundertfünfundsiebzig tickenden Zeitbomben" - darum bemüht ist, seine Haut zu retten.

"Das Klassenzimmer", lehrt McCourt, "ist ein Ort höchster Dramatik." Wer sich dem ausliefert, lernt eine ganze Menge über sich selbst und findet im Idealfall von der Furcht zur Freiheit: "Die Maske ist meistens runter, ich kann atmen", summiert McCourt, dessen Weg vom cholerisch-schüchternen Hafenarbeiter zum heiteren Lehrer weit war.

Wie lehrt man Kinder? "Man muss sie auf Trab halten, damit sie nicht zu denken anfangen." Nicht bei McCourt: Er sagt zu seinen Schülern: "Bewertet euch selbst." Die einen können mit so etwas umgehen, die anderen nicht. Als Lehrer vergessen hat ihn vermutlich niemand.

Tag und Nacht und auch im Sommer

Erinnerungen von Frank McCourt

Aus dem Engl. von Rudolf Hermstein

Luchterhand Literaturverlag, München 2006

332 Seiten, geb., e 20,30