Digital In Arbeit

Punks, Lateinlehrer, Managerinnen

Figuren in der grossstadt – ein reigen von einsamen auf der suche nach Liebe.

„Schnell, skurril und böse“, wie der Klappentext sagt, ist Helmut Kraussers Roman nicht. Hinter der von Autor, Verlag und Feuilleton gepflegten Fassade des nun schon nicht mehr ganz so jungen Wilden steckt ein einfühlsamer Autor, der seine Figuren ernstnimmt und ihnen Raum gibt.

Krausser knüpft diesmal an seine frühen Romane an, die Sandler und andere Ausgestoßene der Gesellschaft behandeln, nimmt aber Figuren aus der Mittelschicht dazu und führt vor, dass alle das eint, was ohnehin das große Thema der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist – Einsamkeit und die Suche nach Liebe. Damit zeigt Krausser einmal mehr sein besonderes Sensorium für Grundströmungen der heutigen westlichen Gesellschaft, die durch Wertedebatten und Warenästhetik nur notdürftig überdeckt werden.

Das Spektrum reicht von einer Gruppe Punks über Edelprostituierte, Barbedienungen und verkrachte Lateinlehrer bis zu erfolgreichen Managerinnen. Sie alle suchen auf ihre Weise nach Liebe. Wer bindungsunfähig ist, sucht zunächst sein respektive ihr Heil in unverbindlichem Sex. Die Anlage ähnelt Arthur Schnitzlers „Reigen“ – einzelne Figurenschicksale werden gezeigt und nur lose miteinander verbunden, etwa wenn sich die Punktertruppe, der Marktleiter, die Ballett-Lehrerin, der junge Türke und der durch den fanatischen Glauben seiner Eltern verwirrte Johannes zufällig in einer Kneipe treffen, die keineswegs zufällig „Nachtmar“ heißt. Figuren gehen zusammen und wieder auseinander, für einige gibt es ein vorläufiges Happy-End, andere scheitern und wieder andere machen da weiter, wo sie angefangen haben.

Postmodernes Erzählen

Krausser variiert Erzählmuster der Postmoderne. Er hält am allwissenden Erzähler fest, der sich aber nur dann einmischt, wenn es dazu dient, die Figuren besser zu verstehen. Dass es Krausser sogar schafft, eine Kindesentführung mit versuchtem Missbrauch auf dezente wie anrührende Weise zu schildern, ist vielleicht das beste Beispiel seines Könnens. Andere Episoden sind nicht auf dieser Höhe, etwa wenn die Begegnung eines Callboys mit einer Einbrecherin mit dem Satz endet, dies könne „ein Moment von Aura und Bedeutung sein“.

Hintergründig hingegen wird es, wenn Carla denkt: „Die Welt war spannend und ein Spiel. Man mußte es nur zu spielen verstehen. Nach eigenen Regeln.“ Damit hat sie, daran lässt der Roman keinen Zweifel, nur die halbe Wahrheit erkannt. Mehr vom Leben scheinen die Underdogs zu verstehen, etwa das junge deutsch-türkische Pärchen, das unter einer Dusche endlich zusammenfindet – übrigens wieder eine gekonnt erzählte und trotz der romantischen Szene nicht triviale Stelle.

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Roman von Helmut Krausser

DuMont 2009. 223 S., geb., e 20,60

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau