Helmut Kraussers neuer Roman erzählt den berühmten Komponisten als erotisches Genie.

Bekanntlich hat Literatur nur zwei Themen - Liebe und Tod. Sigmund Freud hat die Liebe auf die Libido zurückgeführt und den Sexual- und Todestrieb unterschieden, Eros und Thanatos.

Helmut Krausser, der seit rund zwei Jahrzehnten die Roman-Szene aufmischt, hat die beiden Triebe in den Mittelpunkt seiner Texte gestellt, nicht zufällig hat er sogar zwei umfangreiche Romane danach benannt ("Thanatos" erschien 1996, "Eros" 2006). Wenn sein neues Buch nun "kleine Gärten" in den Titel hebt, dann kann man sich schon denken, dass damit nicht Grundstücke oder Parkanlagen gemeint sind. Krausser hätte auch "Die kleinen Gärten der Lust" titeln können, doch hat er dies wohl vermieden, weil es dem Anspruch des Romans nicht gerecht geworden wäre.

Kristina Maidt-Zinkes Wort vom "Klaus Kinski des Literaturbetriebs", 2006 anlässlich des Erscheinens von "Eros" in der Süddeutschen Zeitung geprägt, klingt ebenso hämisch wie griffig, enthält aber mehr Zutreffendes, als womöglich gemeint. Wie Kinski kultiviert Krausser das Geniehafte, wie dieser tut er es auf unverwechselbare, beeindruckende Weise, in seinen Figuren und in seiner Selbstinszenierung als Autor.

Faszination der Musik

In seinem neuen Roman geht es um ein historisches Genie, den Komponisten Giacomo Puccini (1858-1924). Krausser hat, wie die Anmerkungen erkennen lassen, umfassend recherchiert und sogar Dieter Schickling, den Biographen des Komponisten, als stillen Teilhaber der fiktionalisierten Lebensgeschichte gewonnen. Dass es um einen Musiker geht, ist ebenfalls kein Zufall, wenn man sich Kraussers früheres Werk in Erinnerung ruft. Bereits "Melodien oder Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter" von 1993 handelte von (teilweise fiktiver) Musikgeschichte, "Der große Bagarozy" von 1997 ist eine Hommage an die Opernsängerin Maria Callas und in "UC" (Ultrachronos) von 2003 ist der Protagonist ein berühmter, wenn auch erfundener Dirigent.

Nun also Puccini, der weltberühmte Komponist von "La Bohème", "Tosca", "Madame Butterfly" und "Turandot". Aber Krausser wäre nicht Krausser, wenn ihn neben der musikalischen Begabung nicht insbesondere das erotische Genie, der Erotomane Puccini interessieren würde. Insofern kann man es logisch nennen, dass die einzelnen "Bücher", in die der Roman unterteilt ist, die Namen von Frauen tragen, Geliebte bis auf eine, die letzte, die tragischerweise nur verdächtigt wurde, mit dem Komponisten ein Verhältnis gehabt zu haben, und die als einzige daran zerbrach.

Wer nun eine süffige Herz-, Schmerz- und Casanova-Geschichte erwartet, der liegt falsch. Krausser ist weit davon entfernt, die zahlreichen Liebschaften des Maestro zu skandalisieren, eher im Gegenteil. Der sachliche Stil schafft die Grundlage für eine viel größere Wirkung, denn er eröffnet Deutungsräume für die Leser.

Der Erzähler hält sich zurück und kommentiert nur, wenn die Motivation der Figuren hinreichend erklärt werden soll. Er nimmt auch nicht Partei, von der spürbaren Hochachtung vor dem Werk einmal abgesehen. Er entschuldigt weder das egozentrische Verhalten des Komponisten noch das der Frauen in seinem Leben, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen und selten uneigennützig mit ihm eingelassen haben. Den meisten geht es nicht um den Menschen, sondern um die Aura der Berühmtheit, die durch ihr Verhältnis mit Puccini auch auf sie selbst abstrahlt. Das Bild, das Krausser von dem Komponisten entwirft, ist das eines frühen Popstars - sehr reich, sehr begabt und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, nur selten glücklich.

Grenzen des Glücks

Aber wer in diesem Roman ist schon glücklich? Krausser macht die Grenzen des Glücks gleich am Anfang sehr deutlich, denn er erzählt retrospektiv. Zunächst wird Maria Anna, eine ehemalige Geliebte des Komponisten, im Altenheim gezeigt (ihr ist unter dem Kosenamen "Cori" das erste Buch gewidmet), dann begegne man Puccini auf dem Sterbebett. Seine Amouren, erzählt wird vor allem die Zeit von 1902 bis 1910, erscheinen derart präpariert in einem ganz anderen Licht. Dabei ist über die Familie noch gar nichts gesagt, über die zunehmend besitzergreifende, sich in ihre Eifersucht verrennende Gattin Elvira und den im Schatten des Vaters vegetierenden Antonio.

Bei allem Glanz und aller Tragik vermag Krausser, vergleichbar mit Gauß und Humboldt in Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt", seinen Figuren aber auch komische Seiten abzugewinnen. Das hätte gegen Ende vielleicht noch verstärkt werden können, so schleichen sich doch einige Längen ein, wenn Antonios Versagen durch zahlreiche Briefe und Zeugnisse dokumentiert wird und Dorias Leidensweg leerläuft, bis es - fast möchte man sagen: endlich - zum Selbstmord kommt.

Lust der Provokation

Das Unbehagen an Helmut Kraussers Arbeiten, das viele Kritikerinnen und Kritiker in der Vergangenheit artikuliert haben, gründet paradoxerweise in der Virtuosität, mit der er erzählt. Krausser, den man nie unterschätzen sollte, hat auch in diesem Roman ein paar Fußangeln versteckt, und es ist vorhersehbar, dass sich manche darin verfangen werden. So liegt es nahe, den Autor mit dem Komponisten in eins zu setzen und den Roman als Klage über eine große und erfolgreiche Begabung zu lesen, der die höchste künstlerische Anerkennung versagt bleibt. Solche Stellen sind mit einem Augenzwinkern geschrieben, laden ein zu einem Spiel, aus dem manche Ernst machen und sich so als Spielverderber zeigen werden - soweit man dies anhand der bisherigen Rezeption vorhersagen kann.

Es ist nicht nur spannend, dieses Buch zu lesen, es wird genauso spannend sein zu sehen, welche Reaktionen es bei seiner Leserschaft hervorruft. Lustvolle Provokation ist bei diesem Autor immer ein Teil der Erzählstrategie. Das ist nicht ohne Risiko, aber es ist auch alles andere als langweilig.

Die kleinen Gärten des Maestro Puccini

Roman von Helmut Krausser

DuMont-Verlag, Köln 2008

381 Seiten, geb., € 20,50

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