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Literatur

Sowjetische Leben

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ludmilja Ulitzkajas Roman warnt vor einer zunehmenden Stalinisierung und Sowjetnostalgie.

"Die Vergangenheit wird immer mehr, die Zukunft immer weniger.“ Das ist einer jener melancholischen Sätze, die nicht nur im Epilog "Das Ende einer schönen Epoche“ von Ludmilja Ulitzkajas großem Roman "Das grüne Zelt“ zu lesen sind. Sanja, Musikwissenschaftler, sagt ihn zu Lisa, einer Pianistin und Freundin seit Jugendtagen, auf dem Weg zur Subway nach einem Abend bei "dem“ Dichter in New York. Sie streiten darüber, ob er ein russischer Dichter sei oder ob er der ganzen Welt gehöre. Immerhin, so meint sie, schreibe er auf Russisch. Beide leben nicht mehr in der Sowjetunion, sie schon lange, er erst seit dem Selbstmord seines Freundes Micha und nachdem auch er in der Sowjetunion keine Zukunft mehr sehen konnte. Es ist kalt in dieser Nacht am 28. Jänner 1996, in der Joseph Brodsky starb.

Keine schöne Epoche

Nein, es ist keine "schöne Epoche“, von der Ljudmila Ulitzkaja in ihrem fast 600 Seiten langen Jahrhundertroman erzählt und in dem sie ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama zeichnet von den 1940er-Jahren bis zum Ausklang des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Lebensgeschichten der drei Freunde Ilja, Micha und Sanka, die in einer Schulklasse zusammenfinden, in der sie Außenseiter sind. Unter Leitung und Führung ihres Literaturlehrers werden sie zu einem eingeschworenen Kreis. Auf der weiblichen Seite gibt es die drei Freundinnen Olga, Galja und Tamara, deren Lebensläufe sich mit denen der Freunde bisweilen überkreuzen oder verknüpfen. Die Protagonisten sind alle Dissidenten, Ilja ist Fotograf, Sanja Musikwissenschaftler, Micha Literaturlehrer. Sie scheitern alle an der Macht, auch wenn sie sich zeitweise Freiheiten schaffen. Geradlinige Lebensentwürfe sind nicht vorgesehen, der Spielraum ist eng bemessen, aber bisweilen ermöglicht auch die Emigration kein Überleben.

Wer ist Täter, wer ist Opfer - dies, so scheint es, ist den Wechselfällen des Lebens geschuldet. Mal ist man Täter und Spitzel, mal ist man Opfer und sitzt in Lagerhaft oder verliert zumindest seine Arbeit. Wie aktuell Ulitzkajas Roman ist, machen nicht zuletzt die Nachrichten über die Verurteilung der drei Mitglieder von Pussy Riot zu zwei Jahren Lagerhaft deutlich.

Die Lebensgeschichten der Anti-Helden und ihre jeweiligen Familien- und Liebesgeschichten verknüpfen sich zu einem Porträt der widerständigen "Generation der Sechziger“, zu der auch Ulitzkaja gehört. Es gelingt ihr, in mosaikartigen Momentaufnahmen auf wenigen Seiten ganze Romane zu erzählen. Sie verschachtelt die einzelnen Geschichten raffiniert ineinander und schafft es so, nicht einfach chronologisch die Schicksale nachzuerzählen, sondern die gleichen Situationen immer wieder aus verschiedenen Perspektiven zu beschreiben. Bisweilen kommt man sich bei der Lektüre so vor, als würde man einen Satz Matroschkas auseinandernehmen und dann wieder zusammensetzen.

Ironisch und liebevoll

Gleichermaßen ironisch wie liebevoll und präzise enthüllt Ludmilja Ulitzkaja in "Das grüne Zelt“ die Schwächen und Bruchstellen der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft und will mit dem Blick in die Vergangenheit vor einer zunehmenden Stalinisierung und Sowjetnostalgie im heutigen Russland warnen. Nicht zuletzt ist "Das grüne Zelt“ mit seinen zahlreichen Anspielungen eine berührende Liebeserklärung an die Kraft und Macht der (russischen) Kunst und Literatur.

Das grüne Zelt

Roman von Ljudmila Ulitzkaja Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Hanser 2012 589 S., geb., e 25,60

Ludmilja Ulitzkajas Roman warnt vor einer zunehmenden Stalinisierung und Sowjetnostalgie.

"Die Vergangenheit wird immer mehr, die Zukunft immer weniger.“ Das ist einer jener melancholischen Sätze, die nicht nur im Epilog "Das Ende einer schönen Epoche“ von Ludmilja Ulitzkajas großem Roman "Das grüne Zelt“ zu lesen sind. Sanja, Musikwissenschaftler, sagt ihn zu Lisa, einer Pianistin und Freundin seit Jugendtagen, auf dem Weg zur Subway nach einem Abend bei "dem“ Dichter in New York. Sie streiten darüber, ob er ein russischer Dichter sei oder ob er der ganzen Welt gehöre. Immerhin, so meint sie, schreibe er auf Russisch. Beide leben nicht mehr in der Sowjetunion, sie schon lange, er erst seit dem Selbstmord seines Freundes Micha und nachdem auch er in der Sowjetunion keine Zukunft mehr sehen konnte. Es ist kalt in dieser Nacht am 28. Jänner 1996, in der Joseph Brodsky starb.

Keine schöne Epoche

Nein, es ist keine "schöne Epoche“, von der Ljudmila Ulitzkaja in ihrem fast 600 Seiten langen Jahrhundertroman erzählt und in dem sie ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama zeichnet von den 1940er-Jahren bis zum Ausklang des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Lebensgeschichten der drei Freunde Ilja, Micha und Sanka, die in einer Schulklasse zusammenfinden, in der sie Außenseiter sind. Unter Leitung und Führung ihres Literaturlehrers werden sie zu einem eingeschworenen Kreis. Auf der weiblichen Seite gibt es die drei Freundinnen Olga, Galja und Tamara, deren Lebensläufe sich mit denen der Freunde bisweilen überkreuzen oder verknüpfen. Die Protagonisten sind alle Dissidenten, Ilja ist Fotograf, Sanja Musikwissenschaftler, Micha Literaturlehrer. Sie scheitern alle an der Macht, auch wenn sie sich zeitweise Freiheiten schaffen. Geradlinige Lebensentwürfe sind nicht vorgesehen, der Spielraum ist eng bemessen, aber bisweilen ermöglicht auch die Emigration kein Überleben.

Wer ist Täter, wer ist Opfer - dies, so scheint es, ist den Wechselfällen des Lebens geschuldet. Mal ist man Täter und Spitzel, mal ist man Opfer und sitzt in Lagerhaft oder verliert zumindest seine Arbeit. Wie aktuell Ulitzkajas Roman ist, machen nicht zuletzt die Nachrichten über die Verurteilung der drei Mitglieder von Pussy Riot zu zwei Jahren Lagerhaft deutlich.

Die Lebensgeschichten der Anti-Helden und ihre jeweiligen Familien- und Liebesgeschichten verknüpfen sich zu einem Porträt der widerständigen "Generation der Sechziger“, zu der auch Ulitzkaja gehört. Es gelingt ihr, in mosaikartigen Momentaufnahmen auf wenigen Seiten ganze Romane zu erzählen. Sie verschachtelt die einzelnen Geschichten raffiniert ineinander und schafft es so, nicht einfach chronologisch die Schicksale nachzuerzählen, sondern die gleichen Situationen immer wieder aus verschiedenen Perspektiven zu beschreiben. Bisweilen kommt man sich bei der Lektüre so vor, als würde man einen Satz Matroschkas auseinandernehmen und dann wieder zusammensetzen.

Ironisch und liebevoll

Gleichermaßen ironisch wie liebevoll und präzise enthüllt Ludmilja Ulitzkaja in "Das grüne Zelt“ die Schwächen und Bruchstellen der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft und will mit dem Blick in die Vergangenheit vor einer zunehmenden Stalinisierung und Sowjetnostalgie im heutigen Russland warnen. Nicht zuletzt ist "Das grüne Zelt“ mit seinen zahlreichen Anspielungen eine berührende Liebeserklärung an die Kraft und Macht der (russischen) Kunst und Literatur.

Das grüne Zelt

Roman von Ljudmila Ulitzkaja Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Hanser 2012 589 S., geb., e 25,60