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Literatur

WAS IST'S UND WARUM HIER?

1945 1960 1980 2000 2020

IN IHREM NEUEN BUCH "DINGS" ERWEIST SICH LISA SPALT WIEDER EINMAL ALS POETISCHE ALLTAGS-FORSCHERIN.

1945 1960 1980 2000 2020

IN IHREM NEUEN BUCH "DINGS" ERWEIST SICH LISA SPALT WIEDER EINMAL ALS POETISCHE ALLTAGS-FORSCHERIN.

Ging es Lisa Spalt 2010 in ihrem Band "Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand" um die betrügerischen Höhenflüge an den Finanz-, Produkt- und Imagebörsen, senkt die poetische Alltagsforscherin mit "Dings" die Blickrichtung, durchstreift die Stadtlandschaften und rekonstruiert unsere Befindlichkeit aus dem Zivilisationsmüll, der ihr im öffentlichen Raum vor die Füße kommt.

Die eingedickte Lebenszeit, die in Form fragmentierter Abfallreste herumliegt, wird von der Autorin "zu ihrer persönlichen Angelegenheit deformiert", also poetisch weiterverarbeitet und zu überraschenden Geschichten neu aufgekocht. Automatisch Hergestelltes, gebraucht Überkommenes, von fremder Nutzung Poliertes - Spalt "dekomponiert" diese Fundstücke, in dem sie die Dingse ihrem Kontext entreißt, also aufhebt, unter ihr spezifisches Denkmikroskop legt und damit einem neuen Kontext einfügt. Der ist nicht homogen, sondern changierend, schließlich ist diese Dekodierungsarbeit ein magisches und höchst subjektives Unterfangen, zugleich ein Spiel mit allen Möglichkeiten, und das nutzt die Autorin zur Wiederbelebung alter Konjunktivformen - "Was verdrängt würde, wenn du es begriffest".

Herausforderung Ding

Sichtbar werden dabei nicht nur verborgene Spuren unseres Alltags, sondern auch unsere unausrottbare Neigung, nach Zusammenhängen und Hinweisen auf was immer Darunterliegendes zu fahnden, das sich nie zu erkennen geben will. Wofür aber könnte es insgesamt "eine Metapher sein, etwas so Objektiviertes verstehen zu wollen?"

Spalt nimmt die Schnipsel der bunten Warenwelt als Symbole und überblendet sie nach Maßgabe und Laune mit frei schweifenden Bild- und Gedankenketten. Die Blick- und Denkrichtung wechselt dabei mit größter Selbstverständlichkeit, von Goethes Mignon zum Cutting, von Thoreau zu beliebigen "Bocksprüngen" auf "unserer Raum-Zeit-Matte".

Jedes Dings ist eine eigene Herausforderung, was lässt sich nicht alles hineinsehen und herauslesen aus einem dekontextualisierten Plastiktorso oder Blechirgendwas von schwer deutbarer Struktur. Wozu mag es gehört haben? Wozu diente das Ganze? Wem? Warum verloren? Warum hier? Wie ist die aktuelle Form entstanden? Und wonach sieht das Dings im jetzigen Zustand genau aus? Was hat der Zahn der Zeit hier freigekratzt um welche neue Form entstehen zu lassen? Dabei können sich unter der Hand in der "Parallelwelt" der Gedanken aus quasi Nichts konkrete Bilder "materialisieren", und schon ist sie da, die Dame mit Zigarettenspitz und Federboa oder was immer. Lisa Spalts Gedanken sind wildwüchsig, die Fundstücke ordentlich durchnummeriert von 1 bis 330, manche Nummern sind nur Platzhalter. Kann sein, hier fehlt noch ein Stück, kann sein, es ging der Autorin wieder verloren, kann sein, es ist da, aber noch nicht "entschlüsselt". Das ließe sich zumindest aus den beigegebenen Bildtafeln vermuten, wo den gezeichneten Porträts verschiedener Dingse nur teilweise ausgeführte "Beschreibungen" zugeordnet werden.

Sekundäre Müllwelten

Und so schreitet Lisa Spalt "immer weiter im Orakel der Straße +++. Mit diesem Aberglauben an den zu findenden Sinn, den man wie das Gehör nicht ausschalten kann."

Endgültig schräg wie in einer der makaber-ordentlichen Zeichnungen M. C. Eschers wird es mit der Auslotung sekundärer Müll-Welten, wenn etwa eine orangefarbene Miniaturimitation eines Abfallkübels Abfall geworden ist und als Dings in Lisa Spalts Müllminiaturenmuseum eingegliedert wird. Dieses gibt es tatsächlich -in der Bibliothek im Wiener Literaturhaus sind bis Ende November einige Beispiele von Lisa Spalts Arbeit an und mit ihren flüchtigen Rinnsteinfunden zu sehen.

Dings

Von Lisa Spalt

Czernin 2012

104 S., geb., € 17,90

Ging es Lisa Spalt 2010 in ihrem Band "Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand" um die betrügerischen Höhenflüge an den Finanz-, Produkt- und Imagebörsen, senkt die poetische Alltagsforscherin mit "Dings" die Blickrichtung, durchstreift die Stadtlandschaften und rekonstruiert unsere Befindlichkeit aus dem Zivilisationsmüll, der ihr im öffentlichen Raum vor die Füße kommt.

Die eingedickte Lebenszeit, die in Form fragmentierter Abfallreste herumliegt, wird von der Autorin "zu ihrer persönlichen Angelegenheit deformiert", also poetisch weiterverarbeitet und zu überraschenden Geschichten neu aufgekocht. Automatisch Hergestelltes, gebraucht Überkommenes, von fremder Nutzung Poliertes - Spalt "dekomponiert" diese Fundstücke, in dem sie die Dingse ihrem Kontext entreißt, also aufhebt, unter ihr spezifisches Denkmikroskop legt und damit einem neuen Kontext einfügt. Der ist nicht homogen, sondern changierend, schließlich ist diese Dekodierungsarbeit ein magisches und höchst subjektives Unterfangen, zugleich ein Spiel mit allen Möglichkeiten, und das nutzt die Autorin zur Wiederbelebung alter Konjunktivformen - "Was verdrängt würde, wenn du es begriffest".

Herausforderung Ding

Sichtbar werden dabei nicht nur verborgene Spuren unseres Alltags, sondern auch unsere unausrottbare Neigung, nach Zusammenhängen und Hinweisen auf was immer Darunterliegendes zu fahnden, das sich nie zu erkennen geben will. Wofür aber könnte es insgesamt "eine Metapher sein, etwas so Objektiviertes verstehen zu wollen?"

Spalt nimmt die Schnipsel der bunten Warenwelt als Symbole und überblendet sie nach Maßgabe und Laune mit frei schweifenden Bild- und Gedankenketten. Die Blick- und Denkrichtung wechselt dabei mit größter Selbstverständlichkeit, von Goethes Mignon zum Cutting, von Thoreau zu beliebigen "Bocksprüngen" auf "unserer Raum-Zeit-Matte".

Jedes Dings ist eine eigene Herausforderung, was lässt sich nicht alles hineinsehen und herauslesen aus einem dekontextualisierten Plastiktorso oder Blechirgendwas von schwer deutbarer Struktur. Wozu mag es gehört haben? Wozu diente das Ganze? Wem? Warum verloren? Warum hier? Wie ist die aktuelle Form entstanden? Und wonach sieht das Dings im jetzigen Zustand genau aus? Was hat der Zahn der Zeit hier freigekratzt um welche neue Form entstehen zu lassen? Dabei können sich unter der Hand in der "Parallelwelt" der Gedanken aus quasi Nichts konkrete Bilder "materialisieren", und schon ist sie da, die Dame mit Zigarettenspitz und Federboa oder was immer. Lisa Spalts Gedanken sind wildwüchsig, die Fundstücke ordentlich durchnummeriert von 1 bis 330, manche Nummern sind nur Platzhalter. Kann sein, hier fehlt noch ein Stück, kann sein, es ging der Autorin wieder verloren, kann sein, es ist da, aber noch nicht "entschlüsselt". Das ließe sich zumindest aus den beigegebenen Bildtafeln vermuten, wo den gezeichneten Porträts verschiedener Dingse nur teilweise ausgeführte "Beschreibungen" zugeordnet werden.

Sekundäre Müllwelten

Und so schreitet Lisa Spalt "immer weiter im Orakel der Straße +++. Mit diesem Aberglauben an den zu findenden Sinn, den man wie das Gehör nicht ausschalten kann."

Endgültig schräg wie in einer der makaber-ordentlichen Zeichnungen M. C. Eschers wird es mit der Auslotung sekundärer Müll-Welten, wenn etwa eine orangefarbene Miniaturimitation eines Abfallkübels Abfall geworden ist und als Dings in Lisa Spalts Müllminiaturenmuseum eingegliedert wird. Dieses gibt es tatsächlich -in der Bibliothek im Wiener Literaturhaus sind bis Ende November einige Beispiele von Lisa Spalts Arbeit an und mit ihren flüchtigen Rinnsteinfunden zu sehen.

Dings

Von Lisa Spalt

Czernin 2012

104 S., geb., € 17,90