Zeit der vielen Einsamkeiten - © Wunderhorn
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„Ich wohne wohl unter dem fremdesten Dach“

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Er hatte allen Grund, mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu hadern und machte das auch auf radikal unversöhnliche Weise deutlich. Siegfried Einstein emigrierte als Jugendlicher in die Schweiz, nachdem er unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis geächtet und gedemütigt worden ist. Sein Vater wird während der Novemberpogrome 1938 in Laupheim, Oberschwaben, verhaftet und nach Dachau verbracht, das Warenhaus der Familie wird arisiert. 1940 gelingt es den Eltern, in die Schweiz nachzufolgen. Erst 1953 kehrt Siegfried Einstein auf Drängen einiger Mannheimer Autoren um Arno Reinfrank nach Deutschland zurück. In der hessischen Kleinstadt Lampertheim kommt es unter seinem Fenster zu antisemitischen Pöbeleien, worauf Einstein nach Mannheim zieht.

Gerechtigkeit?

Mit Erschrecken muss er feststellen, wie in der jungen Bundesrepublik alte Nazis erneut einflussreiche Posten innehaben – von Reue keine Spur. Also schreibt er Essays, in denen er deutlich Stellung bezieht, um die zu neuen Ehren gekommenen Täter von damals bloßzustellen. „Wenn der Schnee wegschmilzt in westdeutschen Landen, werden alte Faschisten nach kurzer Haft aus Gefängnissen entlassen – z. B. der ehemalige Franz Freiherr von Ruffin, der am 12. April 1945 den jungen Stabsfeldwebel Hubert Klügel ohne Kriegsgerichtsverhandlung auf einem Sturzacker hatte niederknallen lassen“, so Einstein 1965. Wegen Totschlags wurde der Großgrundbesitzer zu 18 Monaten Haft verurteilt, um nach fünf Monaten von Justizminis­ter Bernhard Leverenz, von 1942 bis Kriegsende Marinerichter, persönlich begnadigt zu werden. Dessen Einschätzung: „Die Tat wurde in den Wirren der letzten Kriegsmonate begangen. Von Ruffin ist ein Mensch, der sonst ohne Tadel durchs Leben gegangen ist.“ So viel zum Thema Gerechtigkeit. Siegfried Einstein verfolgte die Prozesse gegen führende Nazis und veröffentlichte 1961 die Dokumentation „Eichmann – Chefbuchhalter des Todes“.

Ein Band mit einer kleinen Auswahl aus einem umfangreichen Werk lenkt die Aufmerksamkeit auf einen heute Unbekannten. Darin finden sich hart zupackende Essays, die den laxen Umgang mit der jüngsten Vergangenheit anprangern ebenso wie Gedichte, die in ihrer Melancholie an Erich Kästner erinnern. Bisweilen spricht auch Resignation aus ihnen. In Erzählungen zielt Einstein auf das Existenzielle, auf die Verwirrungen der Seele und wie sich diese auswirken auf das Leben unter Menschen.

Am 30. November wäre Siegfried Einstein 100 Jahre alt geworden.

Er hatte allen Grund, mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu hadern und machte das auch auf radikal unversöhnliche Weise deutlich. Siegfried Einstein emigrierte als Jugendlicher in die Schweiz, nachdem er unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis geächtet und gedemütigt worden ist. Sein Vater wird während der Novemberpogrome 1938 in Laupheim, Oberschwaben, verhaftet und nach Dachau verbracht, das Warenhaus der Familie wird arisiert. 1940 gelingt es den Eltern, in die Schweiz nachzufolgen. Erst 1953 kehrt Siegfried Einstein auf Drängen einiger Mannheimer Autoren um Arno Reinfrank nach Deutschland zurück. In der hessischen Kleinstadt Lampertheim kommt es unter seinem Fenster zu antisemitischen Pöbeleien, worauf Einstein nach Mannheim zieht.

Gerechtigkeit?

Mit Erschrecken muss er feststellen, wie in der jungen Bundesrepublik alte Nazis erneut einflussreiche Posten innehaben – von Reue keine Spur. Also schreibt er Essays, in denen er deutlich Stellung bezieht, um die zu neuen Ehren gekommenen Täter von damals bloßzustellen. „Wenn der Schnee wegschmilzt in westdeutschen Landen, werden alte Faschisten nach kurzer Haft aus Gefängnissen entlassen – z. B. der ehemalige Franz Freiherr von Ruffin, der am 12. April 1945 den jungen Stabsfeldwebel Hubert Klügel ohne Kriegsgerichtsverhandlung auf einem Sturzacker hatte niederknallen lassen“, so Einstein 1965. Wegen Totschlags wurde der Großgrundbesitzer zu 18 Monaten Haft verurteilt, um nach fünf Monaten von Justizminis­ter Bernhard Leverenz, von 1942 bis Kriegsende Marinerichter, persönlich begnadigt zu werden. Dessen Einschätzung: „Die Tat wurde in den Wirren der letzten Kriegsmonate begangen. Von Ruffin ist ein Mensch, der sonst ohne Tadel durchs Leben gegangen ist.“ So viel zum Thema Gerechtigkeit. Siegfried Einstein verfolgte die Prozesse gegen führende Nazis und veröffentlichte 1961 die Dokumentation „Eichmann – Chefbuchhalter des Todes“.

Ein Band mit einer kleinen Auswahl aus einem umfangreichen Werk lenkt die Aufmerksamkeit auf einen heute Unbekannten. Darin finden sich hart zupackende Essays, die den laxen Umgang mit der jüngsten Vergangenheit anprangern ebenso wie Gedichte, die in ihrer Melancholie an Erich Kästner erinnern. Bisweilen spricht auch Resignation aus ihnen. In Erzählungen zielt Einstein auf das Existenzielle, auf die Verwirrungen der Seele und wie sich diese auswirken auf das Leben unter Menschen.

Am 30. November wäre Siegfried Einstein 100 Jahre alt geworden.

Zeit der vielen Einsamkeiten - © Wunderhorn
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Literatur

Zeit der vielen Einsamkeiten

Werke von Siegfried Einstein
Hg. von Esther Graf und Nelly Z. Graf
Wunderhorn 2019
175 S., kart., € 22,70