Ehrensache

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Über die Nähe zwischen Journalismus und der Politik.

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Über die Nähe zwischen Journalismus und der Politik.

Davon, was doch alles nicht wahr sein darf, es aber leider ist, haben wir nun beinahe täglich neue Proben erhalten. Zuletzt kam ans Licht, dass der Chefredakteur des bürgerlich-liberalen Zentralorgans, der ehrwürdigen Presse, auf vertraulichstem Du und Du mit dem (inzwischen umfassend geständigen) Master­mind der türkisen Freunderlwirtschaft und Korruption stand. Das trifft auch für die Chefredakteurin einer anderen bürgerlichen Tageszeitung zu, aber der Kollege hatte das Pech, dass bei den veröffentlichten Chats zwischen Herrn Schmid und ihm Tacheles geredet wurde.

„Danke für alles“, schreibt der Beamte auf dem Weg in die Chefetage der staatsnahen Wirtschaft. „Ehrensache“, antwortet der Journalist. Der Begriff der Ehre ist bekanntlich in mafiösen Strukturen von Bedeutung und nicht unbedingt orientiert an den Werten des Bürgerlichen Gesetzbuches, von den Zehn Geboten gar nicht zu reden. Was alles wiederum „alles“ umfasst, eröffnet Raum für Spekulationen. Dokumentiert ist ein Eingriff des Chefredakteurs in einen Online-Artikel über Schmid: Eine diesem unliebsame Formulierung wird entfernt, außerdem coacht der Freund ihn vor einem Interview mit einer Presse-Reporterin. Im Gegenzug verlangt er: „Jetzt musst du mir bitte beim ORF helfen.“ Es gibt Hinweise auf eine Intervention für die Partnerin. In welchem mitteleuropäischen Land hätte der Chefredakteur da nicht unverzüglich den Hut nehmen müssen? Ungarn einmal ausgenommen. Haben die, die ihm das ersparen wollen, etwa Angst vor weiteren Enthüllungen?

Der Mann entschuldigt sich wie schon im Vorjahr für „Tonalität“ (das Wort benutzt auch der ähnlich bloßgestellte Kollege vom ORF) und „unangemessene Nähe“, aber nicht für seine konkludenten Sprechhandlungen, den Mangel an Anstand, der auch ohne strafrechtliche Relevanz durch Entschuldigungen nicht aus der Welt zu schaffen ist.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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