Eine Frau baut Brücken

1945 1960 1980 2000 2020

Franz Zoglauer zur Volksgruppenproblematik in Kärnten.

1945 1960 1980 2000 2020

Franz Zoglauer zur Volksgruppenproblematik in Kärnten.

„Zeit heilt alle Wunden?“ Diese Infragestellung ist Titel eines interdisziplinären Kulturprojektes mit Musikern, Malern und Schriftstellern in der idyllisch an Drau und Karawanken gelegenen Kärntner Ortschaft Rosegg. Kirche, Tierpark und Labyrinth sind viel besuchte Sehenswürdigkeiten. Zwei Denkmäler erinnern an die meist unterschiedlich interpretierte Geschichte. Ein größeres, 1937 errichtetes Krieger­ und Abwehrkämpferdenkmal, dessen Inschrift der spätere Landeshauptmann Jörg Haider 1984 (!) mit den Worten „Dieses Land wird nur dann frei sein, wenn es ein deutsches Land sein wird!“ würdigte, und ein erst vor neun Jahren errichtetes kleineres für die von den Nazis ermordeten Slowenen. Schauplatz der Veranstaltung ist die Galerie von Marija Šikoronja, die sich erinnert, dass in der Nachkriegszeit ihre slowenische Buchhandlung in Klagenfurt beschmiert und bespuckt wurde.

„Es war damals für eine Frau, die noch dazu Slowenisch sprach, fast unmöglich, einen Job zu bekommen.“ Die rührige Kunstmanagerin erwarb und renovierte vor 35 Jahren das damals baufällige Haus mit dem verträumten Garten, ließ es in eine Galerie umbauen, die sie mit Fresken des Malers Valentin Oman eröffnete. Staatliche Hilfe erhielt sie nie. In Anbetracht des Gedenkens an die Volksabstimmung vor 100 Jahren sieht Frau Šikoronja Fortschritte im Zusammenleben von deutsch-­ und slowenischsprachigen Kärntnern. „Wir sollten allerdings vor nationalen Ausschreitungen immer auf der Hut sein. In Corona-­Zeiten müssen wir uns zahlreichen Einschränkungen fügen. Die Leute bei uns trauten sich anfangs vor lauter Angst nicht mehr aus ihren Häusern.“ Ein krasser Gegensatz zum benachbarten Velden. Dort herrscht Partylaune. Von Abstand ist dort nichts spürbar; allerdings auch nichts von Kultur.

Der Autor ist freier Journalist.

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