Federspiel

Stoffbildende Poesie toter Tiere

1945 1960 1980 2000 2020
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In den Raunächten sprechen die Tiere. In der Nacht des Blutmondes sprechen die toten Tiere. Noch zieren Lamas die Plakatwand des Marktstandes. Das Bier sättigt. Gin hält wach. Man treibt sich durch die Gassen, um munter zu bleiben. Langsam knattern die Rollläden hintereinander wie eine Salve zur Sperrstunde. Der Schal wird enger gezogen, die Schafwolle in der Mütze juckt auf der Stirn. Die Schuhe, die Tasche, die Handschuhe sind aus echtem Lamm. Café und noch ein Café. Gin. Das Salz in der Luft kommt vom Meer. Ertrunkene melden sich nicht zu Wort. Sie sind Futter und Fische geworden.

Der frittierte Schwarm spricht: Schmecke ich? Da kommt der Hunger auf Schwein zurück. Das Schnitzel liegt auf dem Papierteller. Bist du glücklich gewesen, frage ich gleich. Bin ich ein Huhn? Schnauzt es mich an. Ich plädiere für die Ermordung durch Scharfschützen, wenn ich gerade glücklich weide oder mich im Dreck wälze. Setzt es fort. Der Schlachthof soll zu mir und den Rindviechern kommen und nicht wir zu ihm. Verschluck dich nicht.

In den Raunächten sprechen die Tiere. In der Nacht des Blutmondes sprechen die toten Tiere. Noch zieren Lamas die Plakatwand des Marktstandes. Das Bier sättigt. Gin hält wach. Man treibt sich durch die Gassen, um munter zu bleiben. Langsam knattern die Rollläden hintereinander wie eine Salve zur Sperrstunde. Der Schal wird enger gezogen, die Schafwolle in der Mütze juckt auf der Stirn. Die Schuhe, die Tasche, die Handschuhe sind aus echtem Lamm. Café und noch ein Café. Gin. Das Salz in der Luft kommt vom Meer. Ertrunkene melden sich nicht zu Wort. Sie sind Futter und Fische geworden.

Der frittierte Schwarm spricht: Schmecke ich? Da kommt der Hunger auf Schwein zurück. Das Schnitzel liegt auf dem Papierteller. Bist du glücklich gewesen, frage ich gleich. Bin ich ein Huhn? Schnauzt es mich an. Ich plädiere für die Ermordung durch Scharfschützen, wenn ich gerade glücklich weide oder mich im Dreck wälze. Setzt es fort. Der Schlachthof soll zu mir und den Rindviechern kommen und nicht wir zu ihm. Verschluck dich nicht.

Okay, sage ich und schwöre ihm meine Solidarität gegen die Folter der Tiere. Das Schwein lässt sich darauf in Stücke schneiden, teilt sich unter meinem Messer, wie Gott einst das Meer für die Israeliten teilte, um sie ins gelobte Land flüchten zu lassen. Das geschieht den Flüchtenden heute nicht. Ich denke schon, der Spuk sei vorbei, doch da meldet sich der Salat, der ja geköpft worden ist. Ganz egal, wie du mich zubereitest, aber ich will auf Erde, nicht auf Plastik wachsen.

Dann spricht das Wasser zu mir, und es sagt, ich bin gratis, aber nicht die Flasche. Manchmal ruht von Passanten der Blick auf mir, weil ich das Essen auf dem Papierteller lese. Da befällt mich plötzlich der Zweifel über die Wahrhaftigkeit des Gesagten. Denn können ein totes Schwein, ein geköpfter Salat, ein frittierter Fisch sprechen? Aber ja doch. Sie sind Fakt.

Die Autorin ist Schriftstellerin