Zuhause-Sein in Israel

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Markus Krah berichtet humoristisch über die Vor- und Nachteile der Umgangsformen in Israel.

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Markus Krah berichtet humoristisch über die Vor- und Nachteile der Umgangsformen in Israel.

Nach längerer Pause mal wieder ein Aufenthalt in Israel. Ein paar Impressionen, in denen sich die anstrengend-ansteckende Energie und Vitalität von Land und Leuten zeigen: Es beginnt bei der Landung in Tel Aviv, wo der Witz über die Durchsage im Flugzeug stimmt: „Allen, die bis zum Ausschalten der Leuchtsignale angeschnallt sitzen geblieben sind: Willkommen in Israel! Allen anderen: Willkommen zuhause!“ Das Drängeln und Vordrängeln geht auf dem Markt weiter, an der Kasse, vor dem Geldautomaten. Natürlich wird das Telefon auf Lautsprecher gestellt, im Restaurant wie im Bus. Fahrrad- und Motorradfahrer in der Fußgängerzone lassen mich um Leib und Leben meiner Töchter fürchten.

Die Kehrseite dieser Ruppigkeit sind eine Offenheit und persönliche Präsenz, die man sonst nur von Verwandten oder engen Freunden kennt. Meine Frau wird schon am ersten Tag drei Mal nach der Bezugsquelle ihres Strandkleids gefragt. Der Verkäufer im Telefonladen spielt mit meinen Kindern, während wir versuchen, die israelischen SIM-Karten zu aktivieren. Die wohltemperierte, halblaute Halbdistanz, die man als Mitteleuropäer aus dem öffentlichen Leben kennt, ist hier weit weg.

Viele Faktoren tragen zu diesem kulturellen Kaleidoskop bei. Meine unwissenschaftliche Lesart hat wenig mit geteilter Religion und mehr mit Familie und Zuhause-Sein zu tun. Noch ein Klischee, das stimmt: In einem so kleinen Land kennt man sich besser als in größeren, ist sich im Guten wie im Schlechten näher als anderswo, wie in einer riesigen Großfamilie. Und man fühlt und benimmt sich, wie die Durchsage im Flugzeug zeigt, eher wie zuhause. So gesehen, dachte ich mir im Gedrängel des Telefonladens, hat sich manche säkulare zionistische Hoffnung – fast auf den Tag genau 125 Jahre nach dem ersten Zionistenkongress – erfüllt.

Der Autor lehrt jüdische Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Potsdam.

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