Ich sitze am Flughafen und warte auf den Abflug nach London. Morgen werde ich einen Fachvortrag in einem Workshop an der University of Sussex halten, hoffentlich Feedback für meine Arbeit bekommen, den anderen Vortragenden zuhören und kommentieren und mögliche Forschungskooperationen explorieren. Die Reise lohnt sich, wenn der Workshop prestigeträchtig ist, bedeutende Personen des eigenen Forschungsfeldes teilnehmen und Neuartiges zu erwarten ist. Eine ganz normale Arbeitswoche einer Forscherin also. Doch was aktuell normal ist, muss hinterfragt werden. Die Nutzung eines Fluges für einen ein-, zwei- oder dreitägigen Aufenthalt ist in meiner Branche üblich und gleichzeitig forschen wir zur Klimakrise und entwickeln Konzepte wie Handeln nachhaltiger gestaltet werden kann. Die kognitive Dissonanz, wider besseren Wissens ins Flugzeug zu steigen, wird immer schwerer erträglich. Mir fiel auf, dass ich stockte, als ich am Weg eine Dissertantin traf und ich ihr sagen musste, dass ich auf dem Weg nach London sei. Nein, nicht per Zug, denn ich habe am Tag vor und am Tag nach dem Workshop schon Verpflichtungen. Die lange Reise geht sich nicht aus. Die kurze schon. Ich schäme mich. Freilich hat sich unser Mobilitätsverhalten in den letzten Jahren geändert. Vermehrt werden Videokonferenzen für Forschungsseminare und Projekttreffen genutzt. Erfahrungen wie diese haben mich viel selektiver werden lassen. Ich reise deutlich weniger als früher und meist per Zug. CO2-Kompensationszahlung habe ich übrigens keine gemacht, denn das erscheint mir mehr Ablasszahlung denn Chance auf langfristige positive physische Wirkung. Damit bleibt mir die große Sorge um die Klimakrise, die mich motiviert, bessere Wege dafür zu finden wie Ideen reisen können, ohne dass die Körper der Forscher durch die Luft fliegen müssen.

Die Autorin ist Professorin für Umweltökonomie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien

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