Shirin Abu Akleh: Tod einer Journalistin

Diese schwere kugelsichere Weste mit den Großbuchstaben „PRESS“, sie nimmt einem fast die Luft zum Atmen. Der Schutzhelm, unter dem sich die nahöstliche Hitze staut. Unzählige Male hat Shirin Abu Akleh die blaue Weste angelegt und den Helm über ihr halblanges braunes Haar gesetzt. Ohne den Helm haben diese Haare in der Sonne rötlich geschimmert. Das war gut zu sehen, weil die 51-Jährige sie nicht, wie viele Palästinenserinnen, bedeckte. Sie gehörte der arabisch-christlichen Minderheit an. In ihren Augen lag Melancholie, aber auch viel Selbstbewusstsein und Stolz. Ihr Lächeln war auf eine spezielle Art offen und schüchtern zugleich.

Als Journalistin war Shirin Abu Akleh seit 25 Jahren mit ihren Reportagen aus den palästinensischen Gebieten im TV-Sender Al Jazeera Dauergast in Millionen arabischer Haushalte. Am 11. Mai wollte sie über ein Feuergefecht berichten, das sich die israelische Armee mit militanten Palästinensern in der Stadt Dschenin im Westjordanland lieferte. Presse-Weste und Helm konnten sie nicht vor dem tödlichen Schuss in den Kopf schützen. Es tut fast unerträglich weh, diese mutige, schöne Kollegin leblos zusammengekauert, mit dem Gesicht nach unten im Straßendreck liegen zu sehen. Genauso unerträglich die Vorstellung, dass wohl niemals zweifelsfrei aufgeklärt wird, wer die tödliche Kugel abgefeuert hat. Ihr Fernsehsender und ihr Producer beschuldigen die israelischen Sicherheitskräfte, die Journalistin vorsätzlich getötet zu haben. Israel weist das zurück und fordert eine gemeinsame Untersuchung, die die Palästinenserführung ablehnt. Die entwürdigende erneute Eskalation sogar bei ihrer Beisetzung zeigt: Die nicht endende Gewaltspirale wird jetzt erst recht weitergehen.

Shirin, wir werden Dich in Erinnerung behalten, mit hoch erhobenem Gesicht!

Die Autorin ist stv. Leiterin der Redaktion „Ausland und politischer Hintergrund“ beim Bayerischen Rundfunk.

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