Sozialstaat: Vertrauen und Kohäsion

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Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist unerlässlich: Die Menschen müssen sich auf Institutionen verlassen können.

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Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist unerlässlich: Die Menschen müssen sich auf Institutionen verlassen können.

Vertrauen ist ein Beziehungsthema und setzt immer ein Vis-à-vis voraus. Ursprünglicher Mut, diese Mischung aus Vorerfahrung, Hoffnung und Einschätzung von Wahrscheinlichkeit, wird durch positiv bestätigende Erfahrungen belohnt und zum Beginn von Beziehung. Zentrale Bausteine des Vertrauens sind jedoch die Beständigkeit der Erfahrung und der Berechenbarkeit; wenn diese durch Enttäuschung verloren gehen, kann Vertrauen nur langsam wiederhergestellt werden.

Je größer die Intensität der Beziehung, desto größer ist die Verantwortung, die aus der Vertrautheit erwächst (Antoine de Saint-Exupéry). Die Bausteine des Vertrauens gelten aber auch in institutionellen Kontexten: Gerade in einem komplexen Sozialstaat müssen sich die Menschen auf Institutionen verlassen können und ist das Vertrauen in sie für die gesellschaftliche Kohäsion unerlässlich.

Hier liegt vieles im Argen. Wenn am untersten Ende des Vertrauensindex Regierung und Medien liegen; wenn Banken, Versicherungen, Opposition und Parlament nur knapp davor, und Justiz und Nationalbank im Mittelfeld rangieren, brechen wesentliche gesellschaftliche Stützen weg. Und es beruhigt nur bedingt, wenn die Höchstwerte des Vertrauens Polizei und Bundesheer genießen: Aber immerhin vertraut man in Österreich noch den Ausführungsorganen des staatlichen Gewaltmonopols.

Individuelles Fehlverhalten, aber auch systematische Herabwürdigung im politischen Machtkampf sind zen­trale Ursachen dieser Situation. Zwar kann Vertrauen wieder wachsen, doch dauert dies typischerweise lange. Es ist daher überfällig, nicht nur individuelles Fehlverhalten abzustellen, sondern auch im öffentlichen Diskurs das Vertrauen zerstörende Miesmachen sofort zu stoppen, ehe die Kohäsion der Gesellschaft nachhaltig verloren geht.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.

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