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Bemerkungen zur Zeit

Der Politiker

Ir Ist so sehr mit Politik beschäftigt, daß er sozusagen ein zweites Mal geboren wurde: als der politische Mensch. Als solcher fordert er mit Nachdruck die politische Kinderstube, die politische Jugendaufklärung, den politischen Arbeitsplatz und den politischen Lebenswandel.

Denn Politik ist die Aufgabe des Menschen. Politisch sein — der Schrei unseres Jahrhunderts. Und nur die Politik allein vermag noch das Abendland zu retten.

Das Abendland aber dachte anders. Es machte dem Politiker den Prozeß.

„Ich verlange", rief dieser, „daß man mich auch als Mensch wertet!" —„Wie?" antwortete der Richter. „Sie, als Politiker, verlangen plötzlich, auch als Mensch gewertet zu werden? .. . Wenn Sie Ihre politischen Gegner als Menschen gewertet hätten — hätten Sie auch als Politiker eine Chance gehabt !"

Der Politiker verschwand von der politischen Bühne.

Ein Idealist hoffte, daß mit ihm seine Berufsgruppe aussterben würde.

Irrtum! Zwei andere Politiker sprangen in die Bresche und nehmen jetzt seinen Platz ein!

Der Wetterhahn

Er dreht sich immer nach dem Wind. In alle Himmelsrichtungen. Je öfter der Wind wechselt, um so wohler fühlt er sich.

Jeder Richtung schwört er ewige Treue — bis der Wind wieder aus einer anderen Richtung bläst. Er ist sozusagen der permanente Judas seiner selbst.

Was einträte — wenn einmal Windstille einträte?t

Sie trat ein.

Er stand ganz still und ließ entsetzt sein blitzendes Gefieder hängen. Nun muß die Welt untergehen, dachte er.

Da hörte er ein fernes Brausen, Die Luft erzitterte und ein gewaltiger Sturm brach los. Freilich von ganz anderer Art wie die bisherigen Stürme

Dieser war von Menschen entfacht ‘worden.

Revolution !

Regierungswechsel !

Alle Staatspöstchen wackelten im Lande.

Der Wetterhahn drehte sich wie irrsinnig im Kreise.

Es war seine Tragik, sich nach jedem

Wind drehen zu müssen . . .

Eine überparteiliche Kommission erschien und stellte eine eingehende Untersuchung über dieses einzigartige Phänomen an.

Ueber das Ergebnis schwiegen allerdings die Herren. Sie sahen einander nur betroffen an. als fühlten sie sich mitschuldig.

Zum Kuckuck! Der Wetterhahn war nur ein ganz gewöhnlicher Postchen- j ä g e r !!

Der Coca-Cola-Anhänger

Neulich traf Hans Meier einen Besatzungssoldaten, der ihn zu einem Drink einlud.

„Was trinken Sie?" erkundigte sich der Soldat.

„Coca Cola", antwortete Hans Meier und legte seine Stiefel auf die weiße Tischdecke. „Hier! Wollen Sie einen Kaugummi?"

„Jetzt nicht", sagte der Gastgeber, und zum Kellner gewandt: „Eine Flasche Coca Cola für den Herrn hier und ein Krügel Helles für mich!”

„Sie trinken Bier?" wunderte sich Hans Meier.

„Haben Sie etwas gegen Bier?"

„Nein, ich dachte nur, dort, woher Sie kommen, trinkt man Coca Cola?"

„Coca Cola ist ungesund. Bier ist auch ungesund, schmeckt aber besser."

„Mir schmeckt Coca Cola!" rief Hans Meier.

„Komisch", schüttelte der Besatzungssoldat den Kopf. „Sie als Einheimischer sind für Coca Cola und ich als Ausländer für Bier. Was für ein Durcheinander in der Welt!"

„Erlauben Sie", verwahrte sich Hans Meier. „Ich bin nicht schuld daran. Ich habe den Krieg nicht begonnen, sondern meine Landsleute."

„Okay! Wer sind Ihre Landsleute?"

Hans Meier klebte seinen Kaugummi an das Tischlein und dachte scharf nach. Das Wort lag ihm auf der Zunge.

„Zu dumm! Jetzt habe ich den Namen vergessen ..antwortete er ärgerlich.

„Well, well, ich kenne das", nickte der Besitzungssoldat. „Ich traf schon einige Ihresgleichen "

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