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Corona

Quint-Essenz

Corona mit Sokrates

1945 1960 1980 2000 2020

Die Corona-Standpunkte der Mitmenschen sind nicht immer kompatibel mit den eigenen. Hinhören sollte man trotzdem. Zumindest würde Sokrates das empfehlen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Corona-Standpunkte der Mitmenschen sind nicht immer kompatibel mit den eigenen. Hinhören sollte man trotzdem. Zumindest würde Sokrates das empfehlen.

Seit Corona darf man sein Kind nicht mehr im Kindergarten abholen, sondern muss vor dem Gebäude warten, bis es herausgebracht wird. Vor dem Kindergarten tummeln sich daher täglich dutzende Eltern. Die epidemiologische Gefahr, die von dieser Ansammlung ausgeht, ist überschaubar. Wir tragen Maske, halten Abstand, und die Begegnung findet an der frischen Luft statt.

Ein Wagnis ist sie trotzdem: Ein Vater erklärte jüngst, er halte es für verantwortungslos, dass Fitnessstudios gesperrt sind. Stichwort Übergewicht. Sein Gegenüber schlug vor, stattdessen die Mariahilfer Straße abzuriegeln. Ein anderer Vater meinte, die Tatsache, dass heuer kein Krippenspiel stattfindet, schädige die Psyche seiner Kinder. Ein Elternpaar warnte indes vor der Impfung, die nur aus zwielichtigen Motiven heraus entwickelt worden wäre. Eine ältere Dame, ich schätze eine Oma, forderte, der Jugend das U-Bahn-Fahren zu verbieten. „Alles Superspreader.“ Ich rang mit mir. Ich hatte das Bedürfnis, diese Wortwechsel im Keim zu ersticken. Doch ich schwieg.

In letzter Zeit höre ich regelmäßig ein Philosophie-Podcast. Unlängst ging es um Sokrates’ Dialogbegriff. Ein Dialog à la Sokrates ist kein Wettstreit um die besseren Argumente, erfuhr ich. Auch Bewertung ist unerwünscht. Nicht einmal verstehen muss man den anderen. Gefordert sei nur die Akzeptanz, dass sich der andere auf etwas bezieht, was nicht zwangsläufig der eigenen Wirklichkeit entspricht.

Dass die Wartenden vor dem Kindergarten in den Dialog gehen, hätte Sokrates gefallen. Obwohl die Standpunkte zum Haareraufen sind. Aber ich bin erleichtert, dass er mich nicht zwänge, eine Debatte auszulösen. Ich soll hinhören. Und das tue ich täglich.

Lesen Sie auch die Quint-Essenz "Christmas *~" oder "Ruf mich NICHT an".