Stress passiert nicht

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Brigitte Quint über einen Supermarktbesuch und eine Frau, die weiß, wie man mit Stress umgeht.

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Brigitte Quint über einen Supermarktbesuch und eine Frau, die weiß, wie man mit Stress umgeht.

Supermarktkassa. 17.30 Uhr. Weiß der Teufel, warum ich keinen Einkaufswagen genommen habe. Ich halte einen Beutel mit sechs Nektarinen, eine Packung Mozzarella, eine Flasche Milch und drei Bananen im Arm. Mein Kind drückt sein Zitronenjoghurt an sich.

Nebenbei durchwühlt es die Produkte, die an der Kassa aufgestellt sind. Panini-Sticker. Paw-Patrol-Wundertüten. Ninjago-Hefte. Überraschungseier. Es hüpft vor Aufregung. Der Joghurtbecher wackelt gefährlich hin und her. Gleich wird er hinunterfallen.

Wir sind dran. Als ich die Nektarinen aufs Band legen will, reißt der Beutel. Vier fallen auf den Boden. Eine kullert auf die Turnschuhe eines Mannes. Zwei rollen in Richtung Leergutautomat. Eine ist hinter dem Wundertütenständer gelandet.

Ich nehme meinem Kind das Joghurt aus der Hand, beginne, die Früchte einzusammeln. Mein Kind wird fuchsteufelswild. Es denkt, ich will das Joghurt zurücklegen. Acht Augenpaare richten sich auf uns. Ein Mann schaut genervt auf seine Uhr. Eine Frau im Kostüm mustert uns. Ein Teenager mit einem Riesenohrloch verdreht die Augen. Ich werde hektisch. Das bewirkt, dass mein Kind noch unleidiger wird. Mittlerweile will es eine Wundertüte kaufen.

Die Kassiererin nimmt ihre Maske ab. Dann trinkt sie einen Schluck Wasser, setzt die Maske wieder auf. Geruhsam schraubt sie die Flasche zu. Dann kippt sie eine Rolle mit Centmünzen in ihr Kleingeldfach. Sie hebt den Blick, lächelt mich an. Auch noch, als ich in meiner Geldbörse nach meiner Bankomatkarte krame. Ich zahle. Und ich bin plötzlich ganz ruhig. Auch mein Kind.

Stress passiert nicht. Stress ist die Art, auf Dinge zu reagieren.

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