Brutalität und Korruption

Die Fahndungserfolge gegen die Drogenkartelle mögen spektakulär wirken, doch die Erfolge halten sich in Grenzen.

Es war eine filmreife Szene: Knapp vier Uhr früh auf einer Landstraße im nordwestlichen Bundesstaat Nuevo Laredo. Ein Hubschrauber landet vor einem Fahrzeug, mexikanische Marineinfanteristen springen heraus und zerren drei Männer aus dem Auto. Während der Blitzaktion fällt kein Schuss, obwohl acht Waffen und 500 Schuss Munition im Geländewagen liegen. Bei den drei Männern handelt es sich um Miguel Ángel Treviño Morales, einen Leibwächter und den Finanzchef des Drogenkartells Los Zetas.

Treviño Morales stand auf der Liste der 37 meistgesuchten Verbrecher in Mexiko. Auf seine Ergreifung waren in Mexiko zwei Millionen US-Dollar ausgesetzt, in den USA gar fünf Millionen. Der 42-jährige Drogenboss hatte im vergangenen Oktober den Zetas-Chef Heriberto Lazcano beerbt, der bei einer Schießerei im Bundesstaat Coahuila ums Leben gekommen war.

Die Zeitung, die nach Treviños Ergreifung titelte "Zetas enthauptet“, spielte auf die bevorzugte Tötungsart des Kartells an. Im Juli 2012 deponierte es 49 Leichen ohne Köpfe und Hände auf einer Landstraße im Bundesstaat Nuevo León. Treviño selbst pflegte seine Gegner mit Benzin zu duschen und bei lebendigem Leib anzuzünden. Los Zetas gilt als das brutalste der acht mexikanischen Drogenkartelle. Die US-Drogenbehörde DEA spricht in einem Bericht von "der technisch fortgeschrittensten und gewalttätigsten“ Organisation, die mit Drogen handelt.

Die "Zetas“ wurden Ende der 1990er Jahre als bewaffneter Arm des berüchtigten Golfkartells gegründet. Mitbegründer war Heriberto Lazcano alias "der Henker“, ein ehemaliger Elitesoldat der mexikanischen Armee. Mit etwa 50 weiteren Soldaten wechselte er die Seiten. Viele von ihnen konnten sich einer Ausbildung an der School of the Americas in Fort Benning im US-Bundesstaat Georgia rühmen. Abhör- und Überwachungstechniken standen dort ebenso auf dem Lehrplan wie Nahkampf und der Gebrauch der unterschiedlichsten Waffen. 2010 trennte sich Lazcano vom Golfkartell, um mit einer eigenen Organisation das große Geld zu machen. Neben dem Drogenhandel finanzieren sich die Zetas durch Schutzgelderpressung von Kasinos, Restaurants, Hotels und Nachtbars. Außerdem nehmen sie auch Migranten aus, die sich in die USA durchschlagen wollen. Wer nicht zahlt oder sich als Drogenkurier zur Verfügung stellt, wird gnadenlos umgebracht. So wie 72 Wanderarbeiter, die vor drei Jahren im Bundesstaat Tamaulipas massakriert wurden. Im August 2011 starben 52 Menschen, als die Zetas das Casino Royale in Monterrey in Brand steckten. Der Betreiber hatte das Schutzgeld nicht zahlen wollen. Mittlerweile haben sie ihre Geschäfte auch auf den US-Bundesstaat Texas und die Staaten Guatemala und Honduras ausgedehnt.

Nach der Festnahme mehrerer wichtiger Kartellmitglieder brach im vergangenen August innerhalb der Zetas ein blutiger Machtkampf aus. Miguel Ángel Treviño und Heriberto Lazcano ziehen einander des Verrats und massakrierten Mitglieder des jeweils anderen Flügels auf makabre Art und Weise. Der Konflikt wurde erst durch den Tod Lazcanos beendet, der, so sind dessen Anhänger überzeugt, nur einem Verrat geschuldet sein könne. Woher die Armee den entscheidenden Tip für die Ergreifung Treviños hatte, kann nur spekuliert werden.

Unterwanderung der Wirtschaft

Die großen Drogenkartelle haben ihr Einflussgebiet geographisch aufgeteilt. Wo sie einander in die Quere kommen, wird es blutig. Präsident Felipe Calderón (2006-2012) hatte ihnen den Krieg erklärt und die Armee eingesetzt. Es floss viel Blut. Trotz massiven Armee- und Polizeieinsatzes gelang es aber nicht, die von den Drogenhändlern unterwanderten Stadtteile und Dörfer zurückzugewinnen. Die Kombination von Gewalt und Korruption funktioniert. Und längst betreiben die Kartelle auch legale Unternehmen, die in die Transport- und Verarbeitungskette eingebunden sind. Mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen lukrieren sie gar nicht aus dem Drogenhandel, sondern durch andere kriminelle Geschäfte. So bezweifelt der Sicherheitsexperte Edgardo Buscalia, dass die Festnahme einzelner Drogenbosse etwas bewirkt: "Wenn man sich lediglich dem medienwirksamen Ziel widmet, Capos zu verhaften oder zu töten, bleiben die politischen und finanziellen Strukturen des Geschäfts völlig intakt.“

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