Digital In Arbeit

Nicht Teufelsanbeter, aber ENGELVEREHRER

Im Irak schreien die Gräuel des so genannten "Islamischen Staates" (IS) an den Jesiden zum Himmel. Allzu oft schon wurde diese uralte Religionsgemeinschaft in ihren Rückzugsgebieten Kurdistans und der Sindschar-Berge blutig verfolgt: Von kurdischen Stammesfürsten, türkischen Paschas und zuletzt durch Saddam Hussein. Doch noch nie so grausam wie diesen Sommer im Machtbereich des selbsternannten "Kalifen" von Mossul. Vorwand dafür damals wie heute derselbe Vorwurf: Sie beten den Teufel an. Bereits ein Karl May trat in seinen Reiseerzählungen "Durch die Wüste" und "Durchs wilde Kurdistan" dieser Verleumdung entgegen. Es bleibt überhaupt sein Verdienst, dass er die Jesiden ganzen Lesergenerationen bekannt und sympathisch gemacht hat. Sonst wurde der "Volksschriftsteller" zu wenig ernst genommen. Noch 1905 stand im religionsrechtlichen Teil des "Corps de Droit Ottoman" zu lesen: "Ihr charakteristisches Merkmal ist der Kult des Bösen, dessen Symbol ein Idol, der Taus-i Melek (König der Vögel) in Gestalt eines Pfaus."

Geheime Schriften der Jesiden

1911 bzw. 1913 präsentierte der österreichische Orientalist Maximilian Bittner (1869-1918) in der Wiener Akademie der Wissenschaften zwei bis dahin geheime Schriften der Jesiden: "Kiteb-i Dschalwa"(Buch der Offenbarung) und "Mas-haf Rasch" (Schwarze Schrift). Ihre Analyse führte zur Einsicht, dass es sich bei den Jesiden keinesfalls um Teufels-,sondern um Engelverehrer handelt. Dem höchsten Engel Taus-i Melek sei es nach seinem Fall gelungen, mit Tränen der Reue die Flammen der Hölle auszutilgen und so das Böse auszulöschen. Für die Jesiden habe das Pfauen-Symbol über die Finsternis gesiegt. Daher dessen zentrale Verehrung.

Beide Bücher ließen aber Antworten offen. Obwohl sie nach jesidischem Glauben noch älter als die Schöpfung sind, wurden sie nie regelrechte Offenbarungsschriften, keine "Heiligen Bücher", wie sie der traditionelle Islam zur Voraussetzung für die Duldung einer Religionsgemeinschaft macht. Die Jesiden erfreuten sich daher auch unter den tolerantesten Kalifen und Sultanen nie jener Kultfreiheit, die Christen, Juden und anderen "Schriftbesitzern" gewährt wurde. Für den IS und andere Muslimpuritaner der Gegenwart spielt das keine Rolle mehr, da sie auch keine christlich-jüdische Existenzberechtigung anerkennen.

Das eigentliche Glaubensgut der Jesiden liegt in ihrer mündlichen Überlieferung. Diese blieb so gut wie unzugänglich, bis sich in den letzten Jahrzehnten und besonders in Deutschland eine starke Diaspora herausbildete. Diese begann, sich mit der eigenen Religion wissenschaftlich zu beschäftigen, Gebete, Hymnen, Riten, Mythen und Legenden aufzuzeichnen und zu veröffentlichen. Das gibt heute ein klareres Bild vom Glauben und Leben der Jesiden als je zuvor. Die 2011 in Gießen gegründete "Gesellschaft für Christlich-Ezidische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung" gibt neueste Impulse zur Klärung der Frage, wie sich die Jesiden mit dem Urrätsel der Existenz des Bösen im Angesicht Gottes auseinandersetzen.

Nach dem bekannt gewordenen jesidischen Glaubensbekenntnis bezeugen die Jesiden, dass "es keinen anderen Gott außer Khôdê gibt". Dieser kurdische Gottesname bedeutet: "der sich selbst Schaffende". Neben ihm kann es keinen Bösen geben -oder nicht mehr geben. Die Jesiden sprechen kein böses Wort wie "Teufel" aus. Nicht, weil sie sich vor ihm fürchten, sondern da allein die Nennung von Bösem die Allmacht Gottes bezweifelt. Diese Auffassung herrscht heute zumindest in der jesidischen Diaspora. Taus-i Melek ist der Erstgeschaffene Gottes, Fürst der anderen Engel, Regent und Bewahrer der Welt. Hier tritt eine an Plato erinnernde Vorstellungswelt zutage, die der geistigen Engelwelt die Aufgabe von formenden "Ideen" für die stoffliche Schöpfung zuschreibt.

Interessant ist noch, dass der Jesidenglaube zwar in seiner gut 2000-jährigen Geschichte auch Elemente der islamischen Sufi-Mystik aufgenommen hat. Sein mittelalterlicher Reformer Scheich Adi ibn Musafir (um 1073-1163) ist das Musterbeispiel dafür. Die Gesetzesgerechtigkeit des gängigen Islams wird jedoch abgelehnt. So heißt es in Artikel 5 des jesidischen Glaubensbekenntnisses: "Wir sind dem gütigen Herrn dankbar, dass er uns von den Ungläubigen und von der Scharia getrennt hat "

Eine friedfertige Gemeinschaft

Die Jesiden bilden eine bewährt friedfertige Gemeinschaft. Besonders gut sind ihre Beziehungen zu den umwohnenden aramäischen Christen. Es gibt frühe Fotografien von Treffen jesidischer Würdenträger mit chaldäisch-katholischen Bischöfen zur Regelung gemeinsamer Anliegen. Die Jesiden waren auch nicht wie viele muslimische Kurden an den Massakern orientalischer Christen in der Endzeit des Osmanischen Reiches und den frühen Jahren Atatürks beteiligt. Ihre Religion schreibt aber keine grundsätzliche Gewaltlosigkeit vor.

Als sie sich 1875 vom türkischen Militär befreien ließen, begründeten sie das nicht als Wehrdienstverweigerer religiöser Überzeugung, sondern führten religiöse Vorschriften an, die sie als Soldaten des Sultans nicht einhalten könnten. So das Morgengebet mit dem ersten Sonnenstrahl, bei dem kein Andersgläubiger zugegen sein darf, oder die automatische Scheidung des Mannes von seiner Frau bei längerer Abwesenheit.

In Notwehr griffen die Jesiden immer wieder zu den Waffen. Sie tun es jetzt wieder mit der Bildung von Freiwilligenverbänden zur Abwehr des Islamischen Staates. Und jeden Abend beten sie heute erst recht: "O mein Herr, bewahre uns um Jesu, Sohn der Maria, willen!"

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau