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"Die Alpen im Burnout"

1945 1960 1980 2000 2020

Reinhard Gschöpf, Geschäftsführer der Alpenschutzkommission Österreich über den Tourismus und seine Folgen für natürliche Ökosysteme -und wie der Wintersport das Gleichgewicht stört.

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Reinhard Gschöpf, Geschäftsführer der Alpenschutzkommission Österreich über den Tourismus und seine Folgen für natürliche Ökosysteme -und wie der Wintersport das Gleichgewicht stört.

Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA (Commission Internationale pour la Protection des Alpes) ist eine Dachorganisation mit über 100 Organisationen im gesamten Alpenraum. Sie setzt sich für den Schutz und die nachhaltige Entwicklung ein. Die Alpenkonvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag "über den umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen". Österreich-Geschäftsführer Reinhard Gschöpf im Interview.

DIE FURCHE: Der heurige schneereiche Winter ist für viele eine Bestätigung, dass es um die Zukunft des Skitourismus nicht so schlecht steht - stimmt das?

Reinhard Gschöpf: Wer der Argumentation der Seilbahnwirtschaft folgen will, dass es nur auf die Maximalschneehöhen ankommt, die weitgehend konstant bleiben, für den ist dieser Winter natürlich eine gute Nachricht. Aus unserer Sicht ist dieser Winter jedoch ein weiterer Beleg, dass die Extremereignisse in den Bergen durch den Klimawandel mehr und heftiger werden.

DIE FURCHE: In Österreich werden rund 60 Prozent der Pistenfläche, annähernd die Fläche Liechtensteins, technisch beschneit - wir machen den Winter selbst Österreichs Seilbahn-und Wintersportindustrie ist also gut aufgestellt?

Gschöpf: Stimmt, es wird das technisch Mögliche gemacht, um die Veränderungen hintanzuhalten. Tatsache ist aber, dass wir eine Stagnation in der Nachfrage haben. Der Infrastruktur-intensive Skitourismus ist ein Verdrängungswettbewerb, in dem die Großen gewinnen und die Kleinen das Nachsehen haben. Dass der Ausbau der Großen zu Lasten der Kleinen in derselben Region geht, wurde erst kürzlich sogar auf der gerichtlichen Ebene belegt.

DIE FURCHE: Wo?

Gschöpf: Beim geplanten Skigebietszusammenschluss von St. Anton mit Kappl, um -so das Argument der Betreiber -damit das relativ kleine Kappler Skigebiet zu retten. Das Bundesverwaltungsgericht hat dagegen entschieden. Der Nutzen immer größerer Zusammenschlüsse ist somit sachlich wie rechtlich nicht mehr belegbar. Da überleben ein paar Große, viele Kleine verlieren. Und mit weniger kleinen Skigebieten, das bestreitet ja niemand, wird die Nachfrage sinken, da die Möglichkeiten vor Ort, niederschwellig mit dem Skifahren anzufangen, immer weniger werden. Und wer nicht im Kinder-und Jugendalter mit dem Skifahren anfängt, kommt später nur mehr in Ausnahmefällen dazu.

DIE FURCHE: Bleibt die Variante, dass man neues Publikum aus anderen Weltgegenden anlockt?

Gschöpf: Da macht man die Rechnung ohne den Wirt. Die großen Infrastrukturinvestitionen finden trotz allem nicht mehr in den Alpen statt, sondern im Kaukasus, in China Diese Klientel braucht und kann man nicht mehr zu uns locken, weil die fährt dann dorthin.

DIE FURCHE: Wie stellt sich CIPRA die Zukunft des Wintertourismusʼ vor?

Gschöpf: Im Sinn der Alpenkonvention geht es um ein Miteinander von Schutz und Nutzung, damit keines der beiden vernachlässigt wird. Die Alpenkonvention singt weder das Lied der Wildnis in den Bergen noch der schrankenlosen Nutzung ohne Wenn und Aber. In diesem Sinn kann es nur um ein Maßhalten gehen und um ein Überlegen, wo die Grenzen sind. Leider müssen wir konstatieren: Die Beschäftigung mit den Grenzen gerät aus dem Blick.

DIE FURCHE: Zum Beispiel?

Gschöpf: Ein eindeutiger Beleg für diesen grenzenlosen Zugang ist das neue Tiroler Seilbahn-und Skigebietsprogramm. Wir sind sehr enttäuscht, wie da politisch vorgegangen wurde.

DIE FURCHE: Was werfen Sie der Tiroler Landesregierung vor?

Gschöpf: Man kann alles umdefinieren, man kann Neuerschließungen zu Zusammenschlüssen und Erweiterungen umbenennen oder man weist Neuerschließungen als Verkehrsentlastungen für bestehende Anlagen aus Im Endeffekt werden immer mehr und immer größere Flächen geopfert, wird immer höher hinauf gegangen, in immer sensiblere Gebiete vorgedrungen. Sogar die letzten Gletscher, die noch unberührt sind, sollen angetastet werden.

DIE FURCHE: Wo? Gschöpf: Der Zusammenschluss Pitztal-Ötztal steht schon vor der GenehmigungsTür. Dabei sehen wir im Pitztal, dass es nur mehr mit Schwarzbauten und Brutalität noch geht, dass man diese Skigebiete überhaupt befahrbar hält.

DIE FURCHE: Warum ist die Verkehrsentlastung ein "Schein-Argument"?

Gschöpf: Verkehrsentlastung bedeutet, man opfert den nächsten Berg, damit der Stau auf mehr Unterleger verteilt wird. Das ist keine Lösung, das verschlimmert unterm Strich das Verkehrsproblem und erhöht den Druck auf weitere Zusammenschlüsse. Da treibt man die Bauspirale unter einem "Green Washing"-Mäntelchen zusätzlich an. Das enttäuscht uns von der Tiroler Landesregierung sehr. Würde das Programm vollständig ausgeschöpft, hätten wir bis zu 45 zusätzliche, teilweise sehr große Erschließungsbereiche allein in Ti-

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