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Expeditionen in die fremde Nähe

1945 1960 1980 2000 2020
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Martin Leidenfrost erzählt von der "Welt hinter Wien".

Wer glaubt, dass es keine Utopien mehr gibt, der sollte mal nach CENTROPE fahren. So heißt "ein neuer grenzüberschreitender Lebens- und Wirtschaftsraum für mehr als sechseinhalb Millionen Menschen", der sich zwischen Wien und Bratislava, Brno und Györ erstreckt. 2003 von Landesregierungen aus Österreich, Tschechien, Ungarn und der Slowakei ins Leben gerufen, kann CENTROPE bereits auf eine stolze Zahl von Konferenzen, Basiskooperationen und Memoranden zurückblicken. Seit 2007 ist man "ready for take-off".

Auch der niederösterreichische Autor Martin Leidenfrost war bereit zum Abheben. Im Jahr der EU-Erweiterung setzte er an zum Sprung nach Osten - und landete nur wenige hundert Meter hinter der March in einem Vorort von Bratislava namens Devínska Nová Ves, auf deutsch Thebener Neudorf. Leidenfrost nahm also die visionäre Prosa der CENTROPE-Manager beim Wort und tat das, was sonst kein Österreicher tun würde: Er zog freiwillig in die Slowakei.

Leidenfrosts Expeditionsgebiet reichte von Žilina im Norden der Slowakei, wo der koreanische Autohersteller KIA eine Fabrik gebaut hat, bis zu einer schwulen Pferdefarm am ungarischen Ufer des Neusiedler Sees, vom südmährischen Znojmo bis zu den ungleichen Schwesterstädten Esztergrom und Štúrovo. Auf dem Berg Bradlo besuchte der Wahlslowake das monumentale Grabmal von Milan Štefánik, dem 1919 tödlich verunglückten Mitgründer der Tschechoslowakei, er ließ sich auf eine verwunschene Insel des Stausees Nové Mlýny II bei Mikulov rudern, stolperte in Gänserndorf in eine Verkäuferschulung, die unter dem Titel "Kulturelle Unterschiede zu Tschechien" annonciert war, und er besichtigte Városrét in Györ, wo derzeit ein Wohnpark mit 5000 Einheiten errichtet wird.

So entstand das Panorama einer fremden Welt, der Welt hinter Wien eben, die in den Business-Plänen der Investoren zwar längst eingemeindet ist, deren Bewohner sich aber so fremd sind wie vor zwanzig Jahren. Leidenfrost gelingt es, sich die Fremdheit soweit zu eigen zu machen, dass unter seinem ironischen Blick die Orte diesseits der Grenze - Kittsee, Stopfenreuth, Eisenstadt - ebenso befremdlich wirken wie der "Klub der Abstinenten" in Rohožnik. Dabei ist der Autor alles andere als distanziert, im Gegenteil, man kann seine erzählerische Haltung wohl die eines Liebenden nennen, nicht nur weil er einen leichten Hang zur Pikanterie besitzt. Die Haltung eines melancholischen Liebhabers, denn seine Pointen liegen oft darin, dass sie ins Leere laufen: Dass er an der Schwelle zur Roma-Siedlung umkehrt. Dass er die Prostituierte, die er interviewen wollte, nicht antrifft. Dass eben nichts Besonderes passiert - wie in der wirklichen Welt.

Die Welt hinter Wien

Fünfzig Expeditionen von Martin Leidenfrost

Picus Verlag, Wien 2008

234 Seiten, geb., € 16,90

Martin Leidenfrost erzählt von der "Welt hinter Wien".

Wer glaubt, dass es keine Utopien mehr gibt, der sollte mal nach CENTROPE fahren. So heißt "ein neuer grenzüberschreitender Lebens- und Wirtschaftsraum für mehr als sechseinhalb Millionen Menschen", der sich zwischen Wien und Bratislava, Brno und Györ erstreckt. 2003 von Landesregierungen aus Österreich, Tschechien, Ungarn und der Slowakei ins Leben gerufen, kann CENTROPE bereits auf eine stolze Zahl von Konferenzen, Basiskooperationen und Memoranden zurückblicken. Seit 2007 ist man "ready for take-off".

Auch der niederösterreichische Autor Martin Leidenfrost war bereit zum Abheben. Im Jahr der EU-Erweiterung setzte er an zum Sprung nach Osten - und landete nur wenige hundert Meter hinter der March in einem Vorort von Bratislava namens Devínska Nová Ves, auf deutsch Thebener Neudorf. Leidenfrost nahm also die visionäre Prosa der CENTROPE-Manager beim Wort und tat das, was sonst kein Österreicher tun würde: Er zog freiwillig in die Slowakei.

Leidenfrosts Expeditionsgebiet reichte von Žilina im Norden der Slowakei, wo der koreanische Autohersteller KIA eine Fabrik gebaut hat, bis zu einer schwulen Pferdefarm am ungarischen Ufer des Neusiedler Sees, vom südmährischen Znojmo bis zu den ungleichen Schwesterstädten Esztergrom und Štúrovo. Auf dem Berg Bradlo besuchte der Wahlslowake das monumentale Grabmal von Milan Štefánik, dem 1919 tödlich verunglückten Mitgründer der Tschechoslowakei, er ließ sich auf eine verwunschene Insel des Stausees Nové Mlýny II bei Mikulov rudern, stolperte in Gänserndorf in eine Verkäuferschulung, die unter dem Titel "Kulturelle Unterschiede zu Tschechien" annonciert war, und er besichtigte Városrét in Györ, wo derzeit ein Wohnpark mit 5000 Einheiten errichtet wird.

So entstand das Panorama einer fremden Welt, der Welt hinter Wien eben, die in den Business-Plänen der Investoren zwar längst eingemeindet ist, deren Bewohner sich aber so fremd sind wie vor zwanzig Jahren. Leidenfrost gelingt es, sich die Fremdheit soweit zu eigen zu machen, dass unter seinem ironischen Blick die Orte diesseits der Grenze - Kittsee, Stopfenreuth, Eisenstadt - ebenso befremdlich wirken wie der "Klub der Abstinenten" in Rohožnik. Dabei ist der Autor alles andere als distanziert, im Gegenteil, man kann seine erzählerische Haltung wohl die eines Liebenden nennen, nicht nur weil er einen leichten Hang zur Pikanterie besitzt. Die Haltung eines melancholischen Liebhabers, denn seine Pointen liegen oft darin, dass sie ins Leere laufen: Dass er an der Schwelle zur Roma-Siedlung umkehrt. Dass er die Prostituierte, die er interviewen wollte, nicht antrifft. Dass eben nichts Besonderes passiert - wie in der wirklichen Welt.

Die Welt hinter Wien

Fünfzig Expeditionen von Martin Leidenfrost

Picus Verlag, Wien 2008

234 Seiten, geb., € 16,90