Windpark Costa Rica - Ende Mai 2016 wurde ein 149 Millionen Euro großes Projekt zur Errichtung und Instandhaltung von Windparks in Costa Rica beschlossen. Es ist bereits das dritte gemeinsame nachhaltige Projekt der beiden Institutionen.<br />
  - © Foto: Carlos Hernandez
Wirtschaft

„Markt kleiner Projekte wächst“

1945 1960 1980 2000 2020

Der Investmentchef des Mikrokredit-Finanzierers Oikocredit über die Zukunftsaussichten der Branche, den Skandal bei Oxfam, die aktuelle Bilanz der Genossenschaft und seine Karriere bei der Air Force.

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Der Investmentchef des Mikrokredit-Finanzierers Oikocredit über die Zukunftsaussichten der Branche, den Skandal bei Oxfam, die aktuelle Bilanz der Genossenschaft und seine Karriere bei der Air Force.

Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Oikocredit ist eine international tätige Genossenschaft, die Projekte durch Kredite an Mikrofinanzinstitutionen in Entwicklungsländern sowie die Mobilisierung von kirchlichem und privatem Kapital für solche Projekte betreibt. Interview mit dem Investitionschef Bart van Eyk.

Die Furche: Sie haben einen erstaunlichen Lebenslauf. Von den niederländischen Luftstreitkräften in den Vorstand von Oikocredit. Wie kam das?
Bart van Eyk: Als ich 18 war und die Schule verließ, lief im Kino „Top Gun“ und ich wollte ein Jet-Pilot werden. Also ging ich zur niederländischen Air Force und blieb dort sechs Jahre. Und dann habe ich mich gefragt, ob ich das auch den Rest meines Lebens tun will, und ich habe mich entschieden auszusteigen. Ich bin zurück zur Universität und habe nach meinem Wirtschaftsstudium bei einer niederländischen Bank angefangen, wo ich zehn Jahre blieb. Und dann habe ich wieder diesen Punkt erreicht.

Die Furche: Den Top-Gun-Punkt?
Van Eyk: Ja. Ich wollte etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen. Nun hatte dieNGO eines Bekannten in Peru auch einen Mikrofinanzzweig und ich begann, dort zu arbeiten. Ich bin dann nicht ein paar Wochen geblieben, wie ursprünglich geplant, sondern acht Monate. Und das war die Zeit, in der ich erkannte, dass das der Weg war, den ich einschlagen wollte.

Die Furche: Sie haben dann auch selbst ein erfolgreiches Start-up gegründet, allerdings nicht in Südamerika, sondern in Afrika.
Van Eyk: Das war eine Mikrofinanzfirma in Kenia. In dieser Zeit gab es viele Debatten darüber, wie man Mikrofinanz effizienter machen und gleichzeitig die Reichweite erhöhen könnte. Damals waren Mobiltelefone ein sehr schnell wachsender Markt in Ostafrika. Mit der Möglichkeit, über die Mobiltelefonrechnung Zahlungen abzuwickeln, bekamen auch arme Menschen die Möglichkeit, Geld zu überweisen. Das war das Konzept, das wir weiterentwickelten, um damit die komplizierten Bargeldtransfers zu vermeiden.

Die Furche: Bei Oikocredit sind Sie nun Investmentdirektor und Leiter der Entwicklungsabteilung. Es gab in der Bilanz 2017 ein Minus von 30 Prozent im Nettogewinn gegenüber 2016. Wie ist das zu erklären?
Van Eyk: Hauptsächlich ausschlaggebend war, dass 2016 ein langfristiges Investment ausgeschüttet wurde. Wir hatten dadurch ein außergewöhnlich gutes Jahr. Die Abnahme 2017 war zu erwarten. Das Ergebnis entspricht aber unserem Budgetpfad.

Ein Einsatzfeld von Blockchain wäre die Rückverfolgung von Waren. Es wäre etwa möglich, den Kaffee, den Sie trinken, bis zu seiner Quelle in Peru zu verfolgen.

Die Furche: Sie haben von der Integration technischer Neuerungen gesprochen. Wäre Blockchain etwas, das man bei Mikrokrediten nutzbringend verwenden könnte?
Van Eyk: Blockchain kann genutzt werden, um die Geldströme rückverfolgbar zu machen. Das wäre ein mögliches Einsatzfeld, das wir derzeit prüfen. Es wäre dann so, wie wenn Sie hier ihren Kaffee zurückverfolgen könnten, bis zu einer Kaffeekooperative in Peru, aus der die Bohnen kommen.

Die Furche: Es gab in den vergangenen Jahren viele Diskussionen über die globale Milliarden-Dollar-„Hilfsindustrie“, die auf lange Frist gesehen nichts an der Not der Welt ändern würde. Wie ist da Ihre Erfahrung?
Van Eyk: Wir haben die gegenteilige Erfahrung, dass der Markt für Mikrofinanzen und die Unterstützung lokaler kleiner Projekte tatsächlich immer weiter wächst. Derzeit haben über unsere Investitionen 14 Millionen Menschen Zugang zu Finanzierung. Wir kümmern uns um besonders verwundbare Teile der Gesellschaft, Frauen und Kinder. Und wir investieren auch in die Weiterbildung unserer Partner: Wir haben Qualitätskriterien und unterstützen die Leute, damit sie sich ökonomisch zurechtfinden, etwa beim Risikomanagement. Da investieren wir jährlich 900.000 Euro.

Die Furche: Zuletzt war die Hilfsbranche auch sehr negativ in den Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass Mitarbeiter von Oxfam bei Hilfseinsätzen Orgien gefeiert haben und sexuelle Übergriffe auf der Tagesordnung standen. Wie kann man damit umgehen?
Van Eyck: Ich glaube, solche Dinge passieren überall auf der Welt und es ist für Oxfam noch viel schmerzhafter, weil sie an sich selbst hohe Standards legen.

Die Furche: Aber kann man etwas tun, um solche Vorfälle zu verhindern?
Van Eyk: Ich denke, es ist eine Sache, über Richtlinien zu reden, sie geben natürlich den Geist vor, in dem gehandelt werden soll. Aber beinahe noch wichtiger ist die soziale Kontrolle innerhalb solcher Einheiten – die Unternehmenskultur. Dass man also einander korrigieren kann und sich verantwortlich für das Ganze fühlt. Dazu braucht es nicht einmal eine Hierarchie.

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Das Gespräch führte Oliver Tanzer