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Lesen gegen die Gemütlichkeit

„Die Literatur und das Geld – das ist ein schwieriges Verhältnis“, stellt die Literaturwissenschafterin Evelyne Polt-Heinzl in ihrem neuen Buch „Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft & Literatur“ fest. Die Problematik der gegenseitigen Durchdringung der Welt der Kunst und des Geldes wird bei Veranstaltungen wie Buchmessen deutlich sichtbar. Jene Literatur, die Kunst und damit auch Querkopf, Störenfried, Provokateurin, Denkanstoß sein will, möchte und braucht Autonomie. Geld braucht sie aber auch. Geld brauchen aber auch die Leser.

70 Millionen Euro, sagte Josef Winkler in seiner aufsehenerregenden Klagenfurter Rede bei den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur, habe das Stadion gekostet, das für drei Europameisterschaftsspiele gebaut wurde. „Aber für eine Stadtbibliothek in der Landeshauptstadt, wie es sie in jeder Stadt Mitteleuropas gibt“, gebe es kein Geld, sagte Winkler in Anwesenheit der Honoratioren und Sponsoren. „Sie haben kein Geld für eine Bibliothek für Kinder und Jugendliche. Sie haben kein Geld für Bücher.“ Reden wie diese sind dringend nötig, sie stören jene Verantwortlichen, die sich gemütlich zurücklehnen und, zufrieden mit dem Bildungs- und Kulturstand ihres Landes, sich selbst oder gegenseitig auf die Schultern klopfen.

Lies auch dies

Auf Bücher aufmerksam macht man heutzutage mit Events – auch ein unübersehbares Zeichen für die gegenseitige Durchdringung der Welt der Kunst und des Geldes. (Und: Events muss man sich leisten können.) Lesungen und Gespräche locken bei großen österreichweiten Initiativen wie „Österreich liest. Treffpunkt Bibliothek“ im Oktober in die Bibliotheken; Veranstaltungen begleiten die diversen Buchwochen in den Ländern, wie etwa in Salzburg und Niederösterreich; und die Lesefestwoche assistiert der Internationalen Buchmesse in Wien (12.–15.11.): von 9.–15. November finden nicht weniger als 270 Veranstaltungen für Erwachsene, 90 für Kinder statt.

In den Programmen scheint auf den ersten Blick oft das Massentaugliche im Vordergrund zu stehen. Alles andere wäre verwunderlich. Der Dezember naht und damit auch das Weihnachtsgeschäft, und wer möchte da dem Buchhandel verübeln, wenn dieser auf dem Marktplatz ruft: Kauf! Eine seriöse mediale Literaturvermittlung hingegen ruft dazwischen: Lies auch dies! Sie versucht, auf die nicht massentauglichen Bücher aufmerksam zu machen, und fragt provokant, ob Lesen denn nett und gemütlich sein muss, oder ob sich nicht auch – und gerade! – jene Bücher bestens als Geschenk eignen, die daherkommen wie die berühmte Kafka’sche Axt.

Das nächste BOOKLET erscheint am 3. Dezember 2009 als Beilage in der FURCHE Nr. 49/09

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