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Feuilleton

ALTE MEISTER NEU GERAHMT

1945 1960 1980 2000 2020

KANN MAN THOMAS BERNHARDS ROMAN "ALTE MEISTER" ZEICHNEN? NICOLAS MAHLER KANN.

1945 1960 1980 2000 2020

KANN MAN THOMAS BERNHARDS ROMAN "ALTE MEISTER" ZEICHNEN? NICOLAS MAHLER KANN.

Nicolas Mahlers Graphic Novel zu Thomas Bernhards "Alte Meister" eröffnet eine Reihe, in der zum 40. Geburtstag des Verlags Cartoonisten Suhrkamp-Bücher ihrer Wahl neu erzählen, und dieser Start ist durchaus ein Glücksgriff.

In einem Interview hat Mahler behauptet, an einem distanzierten Verhältnis zur Malerei und einer Museums-Phobie zu leiden; glauben darf man ihm freilich so wenig wie Bernhards Endlosredner Reger. Der sitzt regelmäßig im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums und verlautbart dem Erzähler seine finale Abrechnung mit dem Kulturerbe.

Nicht dass Bernhards Buch aus dem Jahr 1985 einer Aktualisierung bedürfte, es ist ungetrübt frisch, aber Mahlers Bild-Version macht Lust, es wieder zu lesen. Für die Österreich-Schelten muss man das auch, die lässt Mahler weg; überhaupt spitzt er die Vorlage nach Maßgabe seiner Notwendigkeiten und mit zeichnerischer Präzision zu. So macht erst seine Bildübertragung sichtbar, wie sehr es auch der gerahmte Blick ist, der Bernhards Sitzphilosophen Halt verleiht: Die Gemälde, die Kassettenbänder an Türen und Wänden, die Bodenmosaike, die Ordnungszeilen der von Stange zu Stange laufenden Absperrseile - all das verankert Regers kugelig unter einem Riesenhut kauernde Figur im Bildraum wie im Leben.

Entzückende Bildideen

Aus Schwarz, Weiß und Bilderrahmen-Gold baut Mahler subtile Psychogramme auf und verblüfft immer wieder mit seinen Bildideen. Wenn sich Reger als talentierten Umblätterer bezeichnet, zeigt Mahler das mit einer Abfolge schmaler Bildausschnitte des Saales. Wenn Reger über den Bernini- Altar im Petersdom lästert, schrauben sich die barocken Säulen gefährlich und zugleich fragil züngelnd in den Raum. Wie die Museumsbesucher schwer an ihrer Bewunderung schleppen, ist ebenso entzückend wie das Augenkino zum "Schlafhaubenphilosophen" Heidegger. Die beiden von Bernhard besonders gezausten Oberösterreicher Adalbert Stifter und Anton Bruckner montiert Mahler in ein Doppelporträt aus neun präzisen Rechtecken. Wenn Reger aber das Lob des Fragments und der missglückten Details in den Gemälden der Alten Meister singt, dann ist Mahler so richtig in seinem Element, und fast immer erkennt man dabei das gemeinte Bild: Tizians "Kirschenmadonna", Johannes mit dem Jesusknaben aus Rafaels "Madonna im Grünen", Coreggios "Entführung des Ganymed", "Das Pelzchen" von Rubens, und immer wieder Tintorettos "Susanna im Bade", "wie ein viel zu großer Klumpen aus Fleisch im Magen". "Wenn wir es zur Karikatur gemacht haben", so Reger, wird alles erträglicher.

In den Rahmen von Tintorettos "Weißbärtigen Mann" aber, vor dem Reger postiert ist, kann alles mögliche schlüpfen, was Gewicht hat in seiner Rede oder seinem Leben, etwa die Uhr. Das Bild selbst unterliegt graduellen Veränderungen: Handstellung, Gesichtsausdruck, Nase variieren, so wie sie von Reger jeweils gesehen werden. Wenn er klagt, dass die Kunst in Lebenskrisen immer tödlich enttäusche, dann entäußert sich das Porträt zu einem weißen Fleck.

Sichtbar absentes Gespenst

Nach dem Tod seiner Frau war Reger von allen guten Geistern verlassen, was Mahler mit einem sichtbar absenten Gespenst zeigt, das an Anna Cromys Skulptur am Salzburger Domplatz erinnert; noch im Rückblick werden Bilder und Wände im Bordone-Saal brüchig, ein sechsfacher Gedankenstrich-Kordon sperrt Reger ein oder aus, und Mahler zieht ihm fast die Bank unter dem Gesäß weg. Im folgenden Still bringt der "Saaldiener" Irrsigler gleichsam die Bank zurück und hängt bedächtig eine wie Regers Lebensfaden heruntergefallene Absperrkordel wieder ein; dann marschiert Irrsiglers lichte Rundgestalt unerschrocken durch ein Labyrinth, und sein zweimaliger Gang zur Toilette rahmt und erdet Regers Monolog.

Am Ende des Romans verlässt der Erzähler, bildhaft ein Selbstporträt des Zeichners, gemeinsam mit Reger das Museum - bei Mahler benutzen sie unterschiedliche Rampen der Zwillingstreppe -, und Reger unterbreitet endlich seine Einladung ins Burgtheater zu Kleists "Der zerbrochene Krug". Die Vorstellung ist dann "naturgemäß" entsetzlich, aber immerhin: Gerahmt ist auch der Bühnenblick, und die Zierrate entstammen demselben Ornamentekanon klassizistischer Repräsentationskultur.

Nicolas Mahlers Graphic Novel zu Thomas Bernhards "Alte Meister" eröffnet eine Reihe, in der zum 40. Geburtstag des Verlags Cartoonisten Suhrkamp-Bücher ihrer Wahl neu erzählen, und dieser Start ist durchaus ein Glücksgriff.

In einem Interview hat Mahler behauptet, an einem distanzierten Verhältnis zur Malerei und einer Museums-Phobie zu leiden; glauben darf man ihm freilich so wenig wie Bernhards Endlosredner Reger. Der sitzt regelmäßig im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums und verlautbart dem Erzähler seine finale Abrechnung mit dem Kulturerbe.

Nicht dass Bernhards Buch aus dem Jahr 1985 einer Aktualisierung bedürfte, es ist ungetrübt frisch, aber Mahlers Bild-Version macht Lust, es wieder zu lesen. Für die Österreich-Schelten muss man das auch, die lässt Mahler weg; überhaupt spitzt er die Vorlage nach Maßgabe seiner Notwendigkeiten und mit zeichnerischer Präzision zu. So macht erst seine Bildübertragung sichtbar, wie sehr es auch der gerahmte Blick ist, der Bernhards Sitzphilosophen Halt verleiht: Die Gemälde, die Kassettenbänder an Türen und Wänden, die Bodenmosaike, die Ordnungszeilen der von Stange zu Stange laufenden Absperrseile - all das verankert Regers kugelig unter einem Riesenhut kauernde Figur im Bildraum wie im Leben.

Entzückende Bildideen

Aus Schwarz, Weiß und Bilderrahmen-Gold baut Mahler subtile Psychogramme auf und verblüfft immer wieder mit seinen Bildideen. Wenn sich Reger als talentierten Umblätterer bezeichnet, zeigt Mahler das mit einer Abfolge schmaler Bildausschnitte des Saales. Wenn Reger über den Bernini- Altar im Petersdom lästert, schrauben sich die barocken Säulen gefährlich und zugleich fragil züngelnd in den Raum. Wie die Museumsbesucher schwer an ihrer Bewunderung schleppen, ist ebenso entzückend wie das Augenkino zum "Schlafhaubenphilosophen" Heidegger. Die beiden von Bernhard besonders gezausten Oberösterreicher Adalbert Stifter und Anton Bruckner montiert Mahler in ein Doppelporträt aus neun präzisen Rechtecken. Wenn Reger aber das Lob des Fragments und der missglückten Details in den Gemälden der Alten Meister singt, dann ist Mahler so richtig in seinem Element, und fast immer erkennt man dabei das gemeinte Bild: Tizians "Kirschenmadonna", Johannes mit dem Jesusknaben aus Rafaels "Madonna im Grünen", Coreggios "Entführung des Ganymed", "Das Pelzchen" von Rubens, und immer wieder Tintorettos "Susanna im Bade", "wie ein viel zu großer Klumpen aus Fleisch im Magen". "Wenn wir es zur Karikatur gemacht haben", so Reger, wird alles erträglicher.

In den Rahmen von Tintorettos "Weißbärtigen Mann" aber, vor dem Reger postiert ist, kann alles mögliche schlüpfen, was Gewicht hat in seiner Rede oder seinem Leben, etwa die Uhr. Das Bild selbst unterliegt graduellen Veränderungen: Handstellung, Gesichtsausdruck, Nase variieren, so wie sie von Reger jeweils gesehen werden. Wenn er klagt, dass die Kunst in Lebenskrisen immer tödlich enttäusche, dann entäußert sich das Porträt zu einem weißen Fleck.

Sichtbar absentes Gespenst

Nach dem Tod seiner Frau war Reger von allen guten Geistern verlassen, was Mahler mit einem sichtbar absenten Gespenst zeigt, das an Anna Cromys Skulptur am Salzburger Domplatz erinnert; noch im Rückblick werden Bilder und Wände im Bordone-Saal brüchig, ein sechsfacher Gedankenstrich-Kordon sperrt Reger ein oder aus, und Mahler zieht ihm fast die Bank unter dem Gesäß weg. Im folgenden Still bringt der "Saaldiener" Irrsigler gleichsam die Bank zurück und hängt bedächtig eine wie Regers Lebensfaden heruntergefallene Absperrkordel wieder ein; dann marschiert Irrsiglers lichte Rundgestalt unerschrocken durch ein Labyrinth, und sein zweimaliger Gang zur Toilette rahmt und erdet Regers Monolog.

Am Ende des Romans verlässt der Erzähler, bildhaft ein Selbstporträt des Zeichners, gemeinsam mit Reger das Museum - bei Mahler benutzen sie unterschiedliche Rampen der Zwillingstreppe -, und Reger unterbreitet endlich seine Einladung ins Burgtheater zu Kleists "Der zerbrochene Krug". Die Vorstellung ist dann "naturgemäß" entsetzlich, aber immerhin: Gerahmt ist auch der Bühnenblick, und die Zierrate entstammen demselben Ornamentekanon klassizistischer Repräsentationskultur.