Astrid Lindgren und der Fall Luca

Nach dem tragischen Tod des kleinen Luca bleiben viele Fragen und Schuldzuweisungen. Das ist verständlich und berechtigt. Doch eines kann mit Gewissheit gesagt werden: Der Tod des 17 Monate alten Kindes nach eindeutiger Misshandlung ist nur der Gipfel eines Eisberges. Denn die "g'sunde Watschn", das "Sei still und artig", das "Anders kapiert er es nicht!" hat immer noch Hochkonjunktur. Daher sind die reflexartigen Prügel für die Behörden zum Teil unverständlich (zum Teil wahrscheinlich berechtigt; aber auf die Grundsatzfrage, was die Jugendwohlfahrt sein will und kann, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden). Zunächst hat jedes Elternpaar, das nächste soziale Umfeld, die Eigenverantwortung für ihre Kinder. Das unmittelbare Umfeld trägt also die Schuld am Tod des Kindes. Genau hier muss angesetzt werden, umfassend präventiv.

Die Erziehung der Kleinen wird von vielen Eltern als sehr mühsam empfunden. Die Ratgeberliteratur ist umfangreich, ebenso die Anzahl der Erziehungsmethoden. Das "brave Kind" als Ideal ist aber immer noch vorherrschend. Das beginnt mit der Geburt: Schläft das Kind nicht bald durch, und das ja im eigenen Bett, dann "stört" das Kind, dann wird es zum "Problem". Der grundlegende Respekt vor den Bedürfnissen der Kinder ist nicht sehr weit verbreitet, wenn sich auch in dieser Hinsicht einiges zum Positiven entwickelt hat; nicht zuletzt durch die Bücher von Astrid Lindgren mit ihrem Gegenbild zum "braven Kind". Die schwedische Kinderbuchautorin - in diesen Tagen wäre sie 100 Jahre alt geworden - ist mit ihren Ideen so aktuell wie damals. Solange Eltern Kinder nicht als gleichberechtigte Partner begreifen, deren Heranwachsen ein gegenseitiger Reifungsprozess ist, ein Von-Einander-Lernen, werden Fälle wie der Tod von Luca weiterhin die Spitze einer großen Dunkelziffer von Kindesmisshandlungen bleiben.

regine.bogensberger@furche.at

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