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Feuilleton

Das Molekül der Männlichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Die gehäuften Frauenmorde in Österreich werden oft durch einen giftigen Mix patriarchaler Prägungen erklärt. Doch wenn Männer gewalttätig werden, gibt es stets einen weiteren Verdächtigen: Testosteron.

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Die gehäuften Frauenmorde in Österreich werden oft durch einen giftigen Mix patriarchaler Prägungen erklärt. Doch wenn Männer gewalttätig werden, gibt es stets einen weiteren Verdächtigen: Testosteron.

Dass man beim Lauf der Weltgeschichte auch an die biologischen Abläufe im menschlichen Körper denkt, ist bislang eher ungewöhnlich. Yuval Noah Harari gehört zu jenen Geisteswissenschaftlern, die da gar keine Berührungsängste zeigen. Aus biochemischer Sicht sei Glück nur ein Aufflackern bestimmter Botenstoffe im Gehirn, schreibt der Historiker in seinem Bestseller "Kurze Geschichte der Menschheit"(2013). Insofern sei zu bezweifeln, ob die Menschheit über die Jahrhunderte -angesichts aller Fortschritte - tatsächlich auch glücklicher geworden ist. Denn die Biologie des Gehirns sei genetisch weitgehend vorbestimmt und darauf programmiert, trotz aller Schwankungen ein Gleichgewicht zu bewahren. So habe die Französische Revolution zwar gravierende Umwälzungen gebracht, das Glücksempfinden der Franzosen aber kaum verändert, meint Harari: "Wem die genetische Lotterie ein sonniges Gemüt zugelost hatte, der war nach der Revolution genauso zufrieden wie vorher. Und wer eine depressive Biochemie mitbekommen hatte, der meckerte mit derselben Verbitterung über Robespierre und Napoleon wie zuvor über Ludwig XVI. und Marie Antoinette."

Revolutionäre Umtriebe

Auch Karin Kneissl hat Revolutionen beleuchtet. Und auch sie interessiert sich für die Wechselwirkung von Weltgeschichte und Körperlichkeit, genauer gesagt Männlichkeit: In ihrem Buch "Testosteron macht Politik" (2012) ging die heutige Außenministerin der Beobachtung nach, dass es vor allem junge Männer waren, die an vorderster Front gewaltsamer Aufstände gestanden sind -von der Französischen Revolution über die bürgerlichen Revolutionen von 1848 bis zum Arabischen Frühling 2011, bei dem die übermütigen Männer in Kairo eine bemerkenswerte Parole skandierten: "Wir haben unsere Freiheit wieder, wir können jetzt heiraten!"

Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Motive für solche Volksaufstände seien hier stets in Verbindung mit einem biologischen Faktor zu sehen, so Kneissl: der "männlichen Energie" des Testosteron. Das wichtigste männliche Geschlechtshormon gilt als Treibstoff für den Sexualtrieb, aber auch für dominante, riskante und aggressive Verhaltensweisen. Männer könnten aufgrund ihres Hormonhaushalts eher dazu neigen, gesellschaftliche Umbrüche zu initiieren, lautet die These von Kneissl. Das ist natürlich provokant, doch "jenseits von populistischem Biologismus und Determinismus muss die Frage erlaubt sein, welche Auswirkungen der Mikrokosmos der menschlichen Biochemie auf den Makrokosmos gesellschaftlicher Strukturen hat". Und tatsächlich: Das ist nicht nur legitim, sondern ganz generell spannend. Genauso spannend wie etwa den Einfluss des Alkohols auf die Kultur zu erforschen oder die Auswirkungen von Krankheiten auf Künstler und deren Kreativität. Aber ist das beim Testosteron überhaupt möglich? Wie valide sind solche Verdachtsmomente beim Molekül der Männlichkeit, das traditionell einen eher schlechten Ruf hat?

Testosteron ist mittlerweile sowohl Material als auch Metapher: Mythen und Fakten liegen hier eng nebeneinander. In den Medien wird der Begriff jedes Mal gerne aufgegriffen, wenn Qualitäten berstender Männlichkeit evoziert werden sollen, egal ob es um die "mit Testosteron geschwängerte Geldwelt" geht, um "Politik auf höchster Testosteron-Ebene" oder um die Finanzkrise, die als "Testosteron-Krise" erklärt wird. Die Rückkehr "Testosteron-dampfender Machos" wird heute beschworen, ebenso wie die "Testosteron-Tugenden" Körperkraft, Tapferkeit, Siegeswille und Schmerztoleranz. Im Generalvorwurf an die Hormon-getriebene Männlichkeit muss Testosteron umgekehrt oft als Sündenbock herhalten - für Bankenpleiten ebenso wie für unflätiges oder gewalttätiges Verhalten.

"Toxische Männlichkeit"

Dass Testosteron bei Menschen ursächlich zu Aggressionen führt, ist nicht belegt. Experimentelle Studien deuten sogar darauf hin, dass das Hormon auch kooperatives Verhalten fördern kann. "Welche Rolle Testosteron bei historischen Gewaltereignissen spielt, darüber lässt sich nur spekulieren", sagt der Wiener Hormonexperte Eugen Plas im Gespräch mit der FUR-CHE. Zur Zeit drängt sich die Frage auf, ob die gehäufte Gewalt gegen Frauen unter anderem auch auf die "Testosteron-Vergiftung" männlicher Gehirne -ein umgangssprachlicher Begriff, der seit den 1970er-Jahren in Umlauf ist -zurückzuführen ist. Aktuelle Begriffe wie "toxische Männlichkeit" oder "toxische Ehre", die sich auf patriarchale Prägungen beziehen, wären dann auch biochemisch grundiert. Doch Plas winkt ab:"Wenn hohe Testosteronspiegel mit Gewalttaten assoziiert wären, dann müssten diese unter 'dopenden' Bodybuildern, die das männliche Hormon zum Muskelaufbau nehmen, besonders häufig auftreten. Doch dafür gibt es keine Anhaltspunkte." Bei Bodybuildern, die solche Dopingmittel nehmen, ließe sich oft sogar ein gegenteiliger Effekt hoher Testosteronspiegel beobachten: Sie leiden gehäuft an Erektionsstörungen und an mangelndem sexuellen Interesse (Libidoverlust). Zudem gebe es unter Forensikern die Ansicht, dass die Neigung zu sexuellen Gewalttaten bereits vor der Pubertät angelegt wird -also noch bevor das Testosteron den männlichen Körper zu durchfluten beginnt.

In der Pubertät ist es ein regelrechter "Testosteron-Sturm", der dafür sorgt, dass aus dem Kind ein gestandenes Mannsbild wird. Die Stimme wird tiefer, Bart und Körperbehaarung beginnen zu sprießen. Imponiergehabe und Risikofreude nehmen sprunghaft zu, dementsprechend ist bei jungen Männern auch eine steigende Zahl von Unfällen zu beobachten. Ab dem 40. Lebensjahr nimmt die Testosteron-Produktion dann langsam ab. Die von Pharmafirmen propagierte "Andropause"(analog zur weiblichen Menopause) gibt es bei Männern nicht, doch bei manchen Männern kann es mit fortschreitendem Alter zu Symptomen eines Testosteron-Mangels kommen: Dazu zählen etwa Abgeschlagenheit, Libidoverlust, Schlafstörungen und Schweißausbrüche. "Für eine Hormonersatz-Therapie müssen Beschwerden und Testosteronmangel nachgewiesen sein, eines allein ist zu wenig", erklärt Plas.

Hormoneller Autopilot?

Offensichtlich neigen ältere Männer weniger dazu, Revolutionen anzuzetteln. Vielleicht aber liegt das schlicht daran, dass sie beim Blick auf das Leben bereits mehr Vergangenheit als Zukunft sehen. "Gewalttaten oder gar historische Ereignisse auf ein einzelnes Hormon herunterzubrechen, wäre viel zu simpel", sagt der Urologe, der heute Primarius am Wiener Hanusch-Krankenhaus ist. "Neben den vielen familiären und sozialen Einflüssen sind auch epigenetische Faktoren an den Schnittstellen von Erbgut und Umfeld zu beachten."

Auch Robin Haring, Autor des Buches "Die Männerlüge"(2015), kommt zu einem ähnlichen Schluss: Testosteron und das menschliche Verhalten beeinflussen sich wechselseitig, so der Gesundheitsforscher. Er will das "viel gescholtene Testosteron und seinen männlichen Wirt aus dem hormonellen Autopiloten" befreien: "So wenig wie die Gene den Lauf des Lebens diktieren, zwingt auch Testosteron niemandem ein bestimmtes Verhalten auf."

LEXIKON: TESTOSTERON

Botenstoff der Virilität

Das männliche Sexualhormon Testosteron wird im Hoden und in geringen Mengen auch in der Nebennierenrinde gebildet. Bereits ab der 8. Schwangerschaftswoche startet bei männlichen Embryonen die Testosteronproduktion und sorgt für die Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane. Ein weiterer Testosteronschub während der Pubertät ist u. a. für die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale (Körperbehaarung) und die Spermienproduktion verantwortlich. Beim Mann reguliert Testosteron die Libido und das Aggressionsverhalten. Aufgrund seiner anabolen Wirkung kann es das Muskelwachstum fördern, so dass es als Dopingmittel verwendet bzw. missbraucht wird. Frauen bilden zwar nur geringe Testosteronmengen, doch auch bei ihnen ist das Hormon für Wachstum und Entwicklung wichtig. Eine zu hohe Testosteronproduktion bei Frauen führt zu Symptomen der Vermännlichung (Virilisierung) wie etwa Bartwuchs und vermehrte Behaarung. (mt)

Männliche Energie

Testosteron sorgt für (An-)Trieb und Muskelkraft. Das Hormon steht im Wechselspiel mit sämtlichen Facetten des männlichen Lebens. Gibt es auch einen Zusammenhang mit körperlicher und sexueller Gewalt?