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Der Körper als Ausweis

Führen biometrische Daten zu mehr Sicherheit - oder sind sie selbst ein Sicherheitsrisiko? Die Meinungen sind geteilt.

In Amerika grassiert die Angst. So viel Angst, dass sogar Ted Kennedy verdächtigt wurde: Der demokratische Senator aus Massachusetts hatte einen Namensvetter, der sich auf der "No-Fly"-Liste befand. Bis Mitte August, als der namhafte Politiker seine Erlebnisse dem US-Justizausschuss schilderte, war er als mutmaßlicher Terrorist mehrere Male am Einchecken gehindert worden. Zur Sicherheit.

Reise-Schikane

Reine Vorsichtsmaßnahmen sind es auch, die zahlreiche österreichische USA-Reisende seit 23. August in die amerikanische Botschaft in Wien zwingen. Wer als Student, Journalist oder Künstler einreisen will bzw. noch über einen grünen, nicht maschinenlesbaren Pass verfügt - und deshalb ein Visum braucht -, muss dort einen Fingerabdruck-Scan hinterlassen. Wien sei weltweit eine der letzten Botschaften, die dieses neue Verfahren einführt, heißt es.

Touristen oder Geschäftsreisende, die sich kürzer als 90 Tage in den Vereinigten Staaten aufhalten, können sich zwar gemäß Visabefreiungsprogramm ("Visa Waiver Programm") diesem Canossagang entziehen. Ab Ende September werden jedoch auch sie bei ihrer Ankunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zum elektronischen Fingerprint-Scan gebeten und abfotografiert. Wie alle anderen auch.

Wozu diese Daten gesammelt werden? "Damit man endlich Listen zusammenstellen kann und den Terrorismus in den Griff bekommt", lautet die klare Auskunft des (kostenpflichtigen) Visa-Informationsdienstes der amerikanischen Botschaft in Wien.

Im Namen der Sicherheit ist man hierzulande zu vielem bereit: Im Namen der Sicherheit lassen USA-Reisende am Flughafen Wien vor ihrem Abflug zahllose Kontrollen über sich ergehen. "Es wundert mich immer, mit welcher Geduld unsere Passagiere diesen Hürdenlauf ertragen", meinte Peter Malanik, Generalsekretär der Austrian Airlines AG, im Rahmen eines Biometrie-Arbeitskreises bei den Alpbacher Technologiegesprächen.

Und die Duldungsbereitschaft geht noch weiter: Laut einer aktuellen Studie des Meinungforschers Rudolf Bretschneider (Fessel-GfK) wären immerhin 73 Prozent von 1.000 Befragten bereit, einen Fingerabdruck in ihrem Reisepass zu akzeptieren - im Namen der Sicherheit. Stolze 59 Prozent würden dort sogar einen digitalisierten Abdruck ihrer Regenbogenhaut (Iris-Scan) billigen. Insgesamt betrachtet eine satte Mehrheit - 56 Prozent - die Verwendung biometrischer Merkmale zur Personenerkennung als "eher positiv". Studienautor Bretschneider zeigt sich anhand dieser Ergebnisse überrascht: "Es herrscht offenbar in Österreich keine Angst, ein gläserner Mensch zu werden", wunderte er sich bei der Studienpräsentation in Alpbach.

Doch was ist überhaupt unter "Biometrie" zu verstehen? Grundsätzlich befasst sie sich mit der Vermessung und statistischen Erfassung von Lebewesen. Dazu können unveränderliche Merkmale herangezogen werden - etwa Fingerabdrücke, Hand- und Gesichtsgeometrie, die Netzhaut (Retina) oder die Iris, die mehr als 260 individuelle Eigenheiten aufweist. Diese Körpermerkmale werden nicht bloß optisch - wie etwa auf Passfotos - festgehalten, sondern in 20 bis 500 einzelne Punkte zerlegt, die wiederum als digitaler Code gespeichert werden.

Die Exaktheit biometrischer Daten ist freilich auch kontraproduktiv, weiß Hans G. Zeger, Obmann der ARGE Daten: "Die Biometrie ist oft übereindeutig: Ein und dieselbe Person produziert ja nie haargenau den gleichen Fingerabdruck". Schon kleinste Verunreinigungen würden genügen, um gesuchte Personen fehlerhaft zurückzuweisen. Folglich behilft man sich mit Vergröberungen - und nimmt andererseits in Kauf, dass nicht gesuchte Personen fehlerhaft akzeptiert werden. Erst im Vorjahr hat eine Studie des deutschen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) die schwache Identifikationsleistung von Biometriesystemen offenbart: Bei einem Gesichtserkennungs-Test mit 50.000 Bildern lagen die Fehlerraten zwischen 64 und 99 Prozent!

Zegers Fazit: "Biometrische Untersuchungen funktionieren nur dort, wo die Gruppe überschaubar ist und wo die Betroffenen selbst - wie etwa in Hochsicherheitsanlagen - identifiziert werden wollen und kooperieren." Zur Bekämpfung des Terrorismus seien sie jedoch "völlig ungeeignet". Letztlich würde unter diesem Vorwand in der Bevölkerung nur Angst verbreitet - "und das Gefühl: Wir können dich jederzeit überwachen."

Unbehelligte Terroristen

Auch Peter Schaar, Datenschutzbeauftragter des deutschen Bundes, glaubt nicht an einen Sicherheitsgewinn durch Biometrie - selbst wenn die Fehleranfälligkeit behoben werden könnte: "Der Schurkenstaat, der Terroristen unterstützt, wird seine Agenten auch mit biometriegestützten Ausweisdokumenten ausstatten können", meinte er. Darüber hinaus wisse man nie, ob der Betreffende Böses im Schilde führe - selbst wenn seine Identität geklärt sei.

Die Fluglinien erhoffen sich von der Biometrie dennoch ein Mehr an Sicherheit - neben einer Kostenersparnis und einem Service-Plus für die vom Schlangestehen frustrierten Passagiere. Erst im Februar dieses Jahres wurde am Frankfurter Flughafen ein Pilotprojekt gestartet, in dem Vielflieger einen Iris-Scan abgeben - und in der Folge beim Einchecken mit einem raschen Blick in die Kamera die Passkontrollen umgehen können.

Peter Malanik von den Austrian Airlines hat freilich noch größere Visionen: Er träumt von einem "One-Stop-Shop"-Prinzip für alle Passagiere - inklusive Iris-Scan und elektronischem Pass. Dazu bräuchte es freilich eine weltweite Iris-Datenbank, mit deren Hilfe Personen ohne Pass überhaupt identifiziert werden können.

Gefälschte Iris

Spätestens hier würde das Missbrauchsrisiko wieder steigen, glaubt Walter Grosinger, Leiter der Abteilung Sicherheitsverwaltung im Innenministerium: "Bei einem Iris-Scan könnte ich ja mit Hilfe von Kontaktlinsen die Iris eines anderen nachmachen".

Auch Wolfgang Rosenkranz von der Österreichischen Staatsdruckerei, die jährlich 500.000 Reisepässe produziert, sieht den Einsatz eines flächendeckenden Iris-Scan kritisch: Mangels großer Datenbanken gebe es noch keinen Beweis, ob das Iris-Muster wirklich eindeutig sei. Darüber hinaus besitze die US-Firma Iridian das Patent auf diese Scan-Methode.

Mehr Vertrauen hat Rosenkranz in die neuen, mit Chips ausgestatteten Pässe, die ab Oktober 2005 erhältlich sind. Sie sollen durch eine digitale Signatur noch fälschungssicherer sein. Nach aktuellem Diskussionsstand werden in den österreichischen Pässen nur ein digitales Foto und eine digitale Unterschrift sowie die üblichen Personendaten gespeichert sein. "Der Chip hätte aber auch genug Speicherkapazität für Fingerprint- oder Iris-Scan", so Rosenkranz.

Die Zeit für die Entwicklung dieser Wunderwerke ist jedenfalls knapp: Schließlich brauchen österreichische USA-Reisende ohne diesen Pass ab 26. Oktober 2005 ein Visum. Bei sich selbst ist die US-Regierung aber nicht so streng, weiß der Experte: "Die Amerikaner haben nie gesagt, dass sie diese Pässe auch lesen können. Sie wollen nur, dass ein Chip drinnen ist."

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