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Die kapitalistische Gesellschaft

Religionen und Kapitalismus

Es ist höchste Zeit, wieder über den Kapitalismus zu reden. Lange war ja selbst der Begriff verpönt, Sieger finden schnell eigene, schönere Worte für sich: Marktwirtschaft, zum Beispiel, oder gar soziale Marktwirtschaft. Jetzt, da die Deregulierung der Finanzmärkte und die Überschuldung der Staaten ziemlich vieles in den Abgrund zu ziehen droht, wagt man die herrschende Realität wenigstens wieder als das zu benennen, was sie ist: die ziemlich unverhohlene Herrschaft des Kapitals und seines verdinglichten Denkens.

Offensichtlich ist etwas passiert. Claus Leggewie hat es in Anschluss an Karl Polanyi die "Entbettung der Ökonomie aus der Gesellschaft“ genannt: "Wir haben keine kapitalistische Wirtschaft -dagegen hätte ich übrigens nichts. Sondern wir haben eine kapitalistische Gesellschaft - dagegen habe ich sehr wohl etwas. Der Kapitalismus strukturiert unser komplettes Leben - bis in die Liebesbeziehungen hinein.“ Und bis in die Universitäten, die alles, was sie tun, verbissen drauf los quantifizieren und gar nicht zu merken scheinen, wie sie ihre Würde und ihre Autorität verraten.

Wie dem Totalitarismus des Kapitalismus entgehen? Wie sich seiner unheimlichen, alles infiltrierenden kulturellen Macht entrinnen - ohne sich nach archaischen, stets zudem patriarchalen, statischen und ineffizienten Gesellschaftsformen zurückzusehnen, so die Versuchung des Konservativismus, oder gar, so die "fortschrittlichen“ Bewegungen des späten 19. Jahrhunderts, in (massen)mordende (Gemeinschafts-)Utopien zu flüchten? Anders gesagt: Wo ist die Alternative zum "alternativlos siegreichen“ Kapitalismus?

Und was haben die großen Religion dazu zu sagen? Was haben sie zu bieten außer letztlich hilflosem Totalwiderstand oder sanfter, wohlfeiler Kritik bei beflissenem Mitmachen?

Der Autor ist kath. Pastoraltheologe an der Universität Graz

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