Die vergessenen Lastenträger

Träger, die das schwere Gepäck von Bergtouristen auf die höchsten Gipfel der Welt schleppen, werden oft ausgebeutet. Touristen sollten besser auf die Arbeitsbedingungen der „Sherpa“ und Bergführer achten. Träger und Führer sind meist auf Trinkgelder der Bergsteiger angewiesen – vielfach undurchsichtige Strukturen für ausländische Touristen.

Ab 4200 m fällt das Atmen schwer. Die Luft wird zunehmend dünn. Die Bergsteigtouristen gehen zehn Schritte und bleiben wieder stehen, verschnaufen. Minutenlang. Roman Ngowi wartet geduldig und reicht eine Wasserflasche. Doch die irische Touristin Aisling Reidy verspürt keinen Durst, auch keinen Appetit. Sie zwingt sich zum Trinken. Denn viel zu trinken ist wichtig, um nicht höhenkrank zu werden. Für die 4-Tages-Tour auf den Mount Meru, mit 4566 Metern der zweithöchste Berg Tansanias, hat sie 800 US-Dollar an eine Trekking-Agentur in Arusha bezahlt. Das ist zu teuer, um vorzeitig aufzugeben. Herrlich soll der Sonnenaufgang auf dem Gipfel sein, mit Blick auf den Kilimandscharo. Es sind noch knapp 300 Höhenmeter. „Der Mount Meru ist nicht so schwierig für mich. Der Kilimandscharo ist schwerer“, sagt Roman Ngowi, der sich am Gipfel erst mal eine Zigarette anzündet. Er stammt aus einer kinderreichen Familie aus dem Dorf Marangu, am Fuße des mit 5895 Metern höchsten Berges Afrikas. Er konnte mit finanzieller Unterstützung eines europäischen Freundes eine Bergführer-Ausbildung absolvieren. „Als Führer verlange ich 1300 US-Dollar für die Kilimandscharo-Tour. Wenn die Gruppe größer als zwei Personen ist, fällt der Preis ein bisschen.“ Das gilt allerdings nur, wenn man Ngowi direkt bucht. Läuft die Bergtour über eine Agentur wie etwa „Equatorial Tours“ in Arusha, erhält er oft nur sechs Dollar pro Tag, am Kilimandscharo zehn. Die Führer und vor allem die Träger sind deshalb sehr abhängig vom Trinkgeld, das ihnen die Touristen nach der Tour spendieren. „Als Führer sollte ich 15 Dollar Trinkgeld pro Tag bekommen, die Träger erhalten zehn Dollar.“ Am Mount Meru bekommen sie gerade mal fünf Dollar pro Tag Gehalt. „Der Big Boss verdient viel mit den Touristen und hat ein schönes Haus. Wir bekommen nur ein geringes Gehalt“, sagt Ngowi bitter. Aber: „Hakuna matata“, kein Problem.

Abhängig vom Trinkgeld

Nun hat man als Tourist der Agentur schon hunderte US-Dollars hingeblättert und muss bei einem Führer und zwei Trägern für eine Sechs-Tages-Tour auf den Kilimandscharo noch mal mit mindestens 200 US-Dollar Trinkgeld rechnen. Einerseits unterstützt man damit das geringe Lohnniveau, andererseits will man den Leuten, die harte Arbeit leisten, auch nicht das Trinkgeld vorenthalten. Ein Dilemma.

Die Träger schleppen Lasten, oft auch unnötige. Sie sollten nicht mehr als 25 Kilo tragen. Das wird mittlerweile von Nationalpark-Rangers auf einer Waage kontrolliert. Dennoch: Als Bergsteiger, der es gewöhnt ist, Gepäck möglichst zu minimieren, wundert man sich, was sie alles schleppen. Marmelade im Glas, Tee und Kaffee, auch wenn man betont, dass man nur Tee trinkt. Auch Kochtöpfe, Klappsessel, Tische. Europäer sollen offenbar auch in höchsten Höhen standesgemäß speisen können. Viele werden wohl Wert darauf legen – genügsame Bergsteiger, die normalerweise einfach auf einem Stein jausnen, eher nicht. Doch die Träger tragen auch bei Widerspruch alles, aus Angst, ihren Job zu verlieren.

Legt man Wert auf angemessene Entlohnung der Träger und Führer, ist es laut Ngowi nicht ratsam, Agenturen auszuwählen, die von Einheimischen geführt werden. „Die Südafrikaner und die Weißen bezahlen uns besser als die eigenen Leute.“ Das verblüfft, wenn man meint, das Geld bei den Einheimischen lassen zu wollen.

„Das sind mafiose Strukturen“, meint Edi Koblmüller, Chef der Bergsteigerschule „Bergspechte“ auf die Frage, wie er die enormen Preisunterschiede und die geringe Entlohnung einschätzt. In seinem Alpin-Programm bietet er auch Touren in Tansania an – 16 Tage um rund 4000 Euro. Der Kunde erfährt allerdings nicht, mit welcher lokalen Agentur man es zu tun hat. Die Bergspechte arbeiten seit 20 Jahren mit den „Equatorial Tours“ von Roman Chuwa zusammen. „Hier, kennen Sie das? Das ist das Logo der österreichischen Agentur, mit der ich seit Jahren zusammenarbeite. Sie sehen also, Sie können mir vertrauen“, zeigt Chuwa stolz auf einen Kleber der Bergspechte in seinem Büro in Arusha. Auch die Tatsache, dass sein Büro in Nachbarschaft des Tagungszentrums liegt, wo das Kriegsverbrechertribunal für Ruanda verhandelt wurde, erwähnt er, wohl um Seriosität zu erwecken.

Bei den meisten Touristen wird das auch ziehen. Dann wird der genannte Preis zumeist gezahlt, auch wenn er völlig überzogen ist. Oder man muss sich in harte Verhandlungen begeben. „Es ist unmöglich für uns immer zu überprüfen, ob die Träger und Führer gerecht bezahlt werden. Herr Chuwa ist ein Schlitzohr, aber man kann auch nicht immer wissen, ob die Träger die Wahrheit über ihre Entlohnung sagen“, so Koblmüller. Grundsätzlich habe er weitgehend gute Erfahrungen mit „Equatorial Tours“ gemacht. Er will die Agentur auch nicht wechseln, obwohl sie von Trägerorganisationen wie www.kiliporters.org nicht empfohlen wird.

Faire Behandlung vor Ort

Ein Reiseteilnehmer auf den Kilimandscharo und Mount Meru vom Reiseveranstalter „Weltweitwandern“ berichtet darüber, dass jeder Teilnehmer 300 Euro Trinkgeld für die Tour direkt an Träger und Köche spenden sollte, obwohl in der Ausschreibung nur von 90 Euro Trinkgeld die Rede war. „Über den entsprechenden Gruppendruck wurde die Summe dann vor Ort drastisch erhöht“, sagt er. Darauf angesprochen, gibt sich Geschäftsführer Christian Hlade zerknirscht: „Davon habe ich auch gehört und so etwas ärgert mich sehr. Wir gehen dem nach.“ „Weltweitwandern“ gehe es um „langsames Reisen“, um die faire Behandlung der Menschen vor Ort.

Die Organisation „Kilimandscharo Porters Assistance Project“ ( www.kiliporters.org) in Arusha versucht, in Tansania die Situation für die Träger zu verbessern. Auf der US-Website www.mountainexplorers.org kann man eine Liste mit Trekking-Unternehmen einsehen, die Mitarbeiter fair behandeln. „Es wäre gut, wenn die Leute eine von diesen Firmen für ihre Touren auswählen. Und wenn nicht, sollten sie die Firmen fragen, warum sie sich nicht darum kümmern, in diese Liste aufgenommen zu werden“, meint Karen Valenti von „kiliporters“. Wichtig sei zudem, dass man das Trinkgeld jedem Träger persönlich gibt, damit nicht einer alles behalten kann. Und: Touristen sollten wiederholt einmahnen, dass die Agenturen den Trägern bessere Löhne zahlen sollen, anstatt sie vom Trinkgeld der Touristen abhängig zu machen.

Kleine Menschen, große Lasten

In Ostafrika sind die Träger zumeist Chagga-Bauern aus den Dörfern am Fuße des Kilimandscharos. Viele stammen aber auch aus den Slums der Großstädte. Da sie an die großen Höhenunterschiede nicht angepasst sind, leiden auch sie an der Höhenkrankheit. Sie seien aber oft viel schlechter ausgerüstet und verpflegt, berichtet der Alpinist und Autor Robert Lessmann. Er ist häufig in Nepal unterwegs und hat ein Buch über Lastenträger geschrieben: „Die kleinen Menschen, die große Lasten tragen“.

Im Himalaya ist das Volk der Sherpa zum Inbegriff der Lastenträger geworden. Inzwischen haben es aber viele zu erfolgreichen Bergführern und Tourismusunternehmern gebracht und die Lasten wurden auf andere Volksgruppen wie die Rai oder Tamang übertragen. Die Menschen sollten sich vor allem gewerkschaftlich besser organisieren, meint Lessmann. Das Kernproblem sei, dass Träger keine homogene Gruppe darstellen und oft nur Saison- und Wanderarbeiter seien. „Die Träger in Nepal verdienen oft nur fünf Dollar am Tag, sind nicht krankenversichert und sie fangen bei 30 Kilo Gepäck erst an.“

Auch er empfiehlt, vor einer Reise zu recherchieren, welche Firmen von Trägerorganisationen empfohlen werden. Touristen sollten auch darauf achten, dass Ausrüstung und Verpflegung für die Träger gut und die Lasten nicht zu schwer sind, rät der erfahrene Alpinist. Sudama Karki, Bergführer in Nepal und früher selbst Lastenträger, bittet die Touristen auch genau zu schauen, wo die Träger schlafen und ob sie wenigstens einmal am Tag warmes Essen bekommen. Er erzählt auch, dass manche nur vier Dollar pro Tag bekommen würden. Aber sie seien einfach froh, Arbeit zu haben: „Viele sind Analphabeten. Sie bieten ihre Arbeit billig an und werden ausgenutzt. Vom Staat wird hier leider gar nichts kontrolliert.“

Als Tourist ist man stolz auf seine „Gipfelsiege“ – doch ohne Träger und Führer wären diese Siege nicht denkbar.

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