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Doppelmoral zerstört Vertrauen

Vor allem männliche Homosexualität irritiert viele Menschen. In biblischer Zeit wurde gleichgeschlechtliche Liebe sowohl von der jüdischen Religion wie dann auch von der christlichen Kirche als "widernatürlich“ scharf verurteilt. Römische Kaiser schrieben sie ins Strafgesetz. Vorbehalte sind seit Jahrhunderten tief verankert. Wer das nicht einsieht, lebt an der Wirklichkeit vorbei. Aber: Die Wissenschaft hat mittlerweile Vorurteile entwurzelt. Auch Erfahrung zeigt immer deutlicher: Homosexuelle sind nicht schlechter oder besser als andere auch, oft sogar besonders feinfühlig, und wer sich für eine eingetragene Partnerschaft entscheidet, bekennt sich öffentlich zu wechselseitiger Verantwortung, worauf Heterosexuelle nicht selten vergessen.

Die katholische Kirche versucht, sich solchen Erkenntnissen nicht zu verschließen, aber der Bibel wörtlich treu zu bleiben. Sie verkündet im Weltkatechismus (2358): "Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind homosexuell veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt.“ Dennoch müssten sie durch lebenslange Enthaltsamkeit "den Willen Gottes erfüllen“ (2359). So etwas bringt heutzutage niemand mehr in helle Köpfe hinein: Gott hat also mehrfach gepfuscht, aber an den unmenschlichen Folgen solcher Patzer sollen die Opfer ihr Leben lang schuldlos leiden! Das kann es wohl nicht gewesen sein. Außerdem löst das die Frage nicht, wie das Verhalten schwuler Priester zu bewerten ist, deren Existenz ja nicht bestritten werden kann. Oder disqualifiziert praktizierte Homosexualität nur für einen Pfarrgemeinderat, nicht für das Amtspriestertum?

Das ist die Crux des heutigen kirchlichen Lehramtes: Mit logikwidrigen Halbheiten und hilfloser Doppelmoral verspielt man immer mehr Vertrauen. Der Vertrauensverlust aber schadet schwer auch der res publica, die in allen Bereichen der Gesellschaft auf lebensnahe Ethik angewiesen ist.

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