Premiere von „Quai West“ am Wiener Burgtheater: Andrea Breth inszeniert Bernard-Marie Koltès’ enigmatisches Nachtstück deutungsfrei in einer Film-noir-Atmosphäre. Dabei vertraut die Regisseurin ganz Koltès’ Sprachartistik, wobei sie sich aber kaum zwischen dessen Pathos und seiner Komik zu entscheiden vermag.

Zunächst wähnt man sich wie bei der Bebilderung eines aus der Wirklichkeit stammenden Falles, denn die Parallelen zum Finanzskandal bei den Salzburger Osterfestspielen könnten deutlicher nicht sein. Der hauptverdächtige Geschäftsführer sowie dessen mutmaßlicher Komplize sind fristlos entlassen worden, worauf der langjährige technische Direktor mit einem Selbstmordversuch reagierte.

Auch in dem 1986 uraufgeführten Stück Quai West des 1989 verstorbenen französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès, das Andrea Breth nun auf die große Bühne des Burgtheaters gebracht hat, sucht Maurice Koch (Sven-Eric Bechtolf) den erlösenden Tod. Denn der Banker hat für einen karitativen Zweck bestimmtes Geld veruntreut. Er lässt sich von Monique (Andrea Clausen), seiner Sekretärin, Geliebten oder auch Frau, so genau weiß man das nicht, in seinem Jaguar zu verrotteten Docks fahren. Dort im Labyrinth der Hafenanlagen, wo kein Licht der Zivilisation mehr hinkommt, stürzt er sich in das kot- und ölverschmutzte Wasser. Aber selbst wenn man will, so leicht stirbt man nicht. Charles (Philippe Hauß), einer der Bewohner dieser Höllengegend, rettet ihn. „Helfen sie mir, jetzt wo ich nichts mehr habe“, bittet ihn Maurice, dem noch das goldene Feuerzeug, die goldenen Manschettenknöpfe, die Rolex sowie die Schlüssel zu seinem Wagen geblieben sind. Auch in dieser öden Unterwelt wird einem nichts geschenkt, auch der Tod nicht. Selbst hier in der schmutzigsten Kanalgosse herrscht das eine, weltumspannende Gesetz: das des Tausches. Charles glaubt durch den reichen Mann in die andere Welt, die jenseits des milchigen Bretterverschlags zu entkommen, wo er lieber das „Unten vom Oben, als hier das Oben vom Unten“ sein möchte. So werden die Schlüssel zu Kochs Luxuskarosse zum zentralen Motiv des Stückes. Aus den Löchern der Kanalisation tauchen die Bewohner dieser Höllengegend auf, allesamt Illegale, Kleinkriminelle, Junkies, Eingewanderte und Wilde, die unterschiedliche Interessen an dem reichen Fremden haben, deren gemeinsames Merkmal der Deal ist, das Geben und Nehmen, das Koltès als Grundmuster aller menschlichen Beziehungen erkannt hat.

Feindschaft als Naturzustand

In fast lyrisch anmutenden Dialogen, die eigentlich lange Monologe sind, machen die Bewohner ihre Wünsche nach Glück, Reichtum, Verlangen sexueller Art oder den Wunsch zu töten oder den zu sterben kund:

Koch will sterben, Monique will an das Geld Kochs, Fach (Nicholas Ofczarek) will die Schlüssel von Monique dafür, dass er sie zu Koch führt, dann verspricht er Charles die Schlüssel, wenn dieser ihm erlaubt, seine vierzehnjährige Schwester Claire (Merle Wasmuth) zu entjungfern, und schließlich wollen auch Cécile (Elisabeth Orth) und Rodolphe (Hans-Michael Rehberg), die Eltern von Charles und Claire, dem Fremden an die Brieftasche. Jedes Zusammentreffen hier ist geschäftlicher Natur und von gegenseitigem Misstrauen bestimmt, denn Feindschaft ist der menschliche Naturzustand. Am Ende findet Koch doch den Tod und Charles wird von einem schweigenden, geheimnisvollen Schwarzen Abad (Maynard Eziashi) erschossen.

Andrea Breth deutet das Stück nicht. Sie vertraut ganz Koltès Sprachartistik, wobei sie sich aber kaum zwischen dessen Pathos und seiner Komik zu entscheiden vermag. Sie spielt das rätselhafte und nicht zu unrecht wenig gespielte Drama in fast völliger Dunkelheit, als eine Art Schattentheater.

Dunkelheit öffnet keine Bilder

Und weil es in der von Erich Wonder gebauten Kanalisationslandschaft in Grau, Braun und Schwarz während dreier Stunden nur wenig zu sehen gibt, gerät das sprachartistisches Nachtstück eigentlich zur Sprechoper, deren Stimmen sich als eine Art innerer Monolog der Figuren lesen lassen. Aber die Dunkelheit evoziert kaum innere Bilder in uns, öffnet kaum Phantasiebilder, zu sehr ins Mythische überhöht wirken heute Koltès Texte. Man mag Breths Unnachgiebigkeit bewundern, wenn es darum geht, einem Text so zu vertrauen, ganz jenseits der Moden auf seine Klassizität zu bauen. Einen spannenden Theaterabend garantiert das aber auch nicht.

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