Eine Frau ohne Schmerz und ohne Verzweiflung

Alexandra Liedtke inszeniert mut- und ideenlos Henrik Ibsens "Hedda Gabler“ im Theater in der Josefstadt. Die Handlung verflüchtigt sich in der Zeitlosigkeit und bleibt äußerlich.

Aus Hedda Gabler wird man nur selten klug. Die Titelheldin aus Henrik Ibsens 1891 uraufgeführtem Stück ist eine der unergründlichsten Figuren der dramatischen Weltliteratur. Kaum ist zu begreifen, warum sie reihenweise Leben zerstört, ihr eigenes mit eingeschlossen. Entspringt ihre kalte Herzlosigkeit einer diabolischen Bösartigkeit, ist es Angst, Langeweile oder Neid, eine bloß momentane schlechte Laune? Sie ist ein einziger, schillernder Widerspruch, eine Frau in ihrer extremsten Entfaltung, in ihrem radikalen Freiheitsdrang ebenso einzigartig wie in ihrer hysterischen Überspanntheit. Nicht wenige Inszenierungen zeigen sie als in ihrer Skrupellosigkeit den männlichen (Bühnen-)Monstern wie Shakespeares Richard III. oder Schillers Franz Moor durchaus ebenbürtig.

Aber die stolze Generalstochter, die aus einer Laune heraus an den rührigen, weltfremden, von Tanten verzärtelten Kulturanthropologen geraten ist, ist nicht grundlos so, wie sie ist. Wie in fast allen Stücken von Ibsen ist auch "Hedda Gabler“ Kritik an den moralischen Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft Norwegens um die Jahrhundertwende immanent. Und die Ratlosigkeit, die einen zuweilen bei der Lektüre dieses komplizierten Stückes befällt, ist nicht zuletzt diese für uns heute ferne Wirklichkeit, die - versteckter, vielleicht widersprüchlicher als in anderen Werken Ibsens - in das Stück eingelassen ist.

Eine rote Teppichmauer als Bühne

Die Regisseurin Alexandra Liedtke hat sich bei ihrer Inszenierung im Theater in der Josefstadt für gesellschaftliche Machtstrukturen interessiert, die sich, wie sie in einem Interview meint, seit damals nicht fundamental verändert hätten. Sie hat "Hedda Gabler“ gleichsam zeitlos inszeniert, das heißt, weder in historischen Kostümen, noch in einem bürgerlichen Ambiente. Für sie ist Hedda Gabler gewalttätig, weil sie eine freiheitsliebende Frau ohne Macht ist, und weil sie sich weigert, einem bestimmten Frauenbild zu entsprechen. Bei Ibsen liegen die Handlungsmotive entweder in der Vergangenheit der Figuren (das machte gerade seine unerhörte Modernität aus) oder aber in der Gegenwart der gesellschaftlichen Realität. Ohne Hinweise aber auf die Konventionen, die Beschränkungen, aus denen Hedda sich befreien möchte, wird ihr Handeln nicht nachvollziehbar.

Auch Raimund Orfeo Voigts Bühne hilft kaum weiter. Er hat eine die ganze Breite einnehmende gestufte, dunkelrote Teppichmauer gebaut, die sich für die Auftritte wie ein "Sesam öffne dich!“ in der Mitte auseinanderschieben lässt. Das ist die Villa, in die das ungleiche Paar, die Pistolennärrin Hedda Gabler (Maria Köstlinger) und der biedere Pantoffelheld Jörgen Tesman, ein kreuzbraver Privatdozent für Kulturgeschichte mit vager Aussicht auf eine Professur (Michael Dangl), gerade eingezogen sind. Da taucht aber plötzlich der genialische Eilert Løvborg (Raphael von Bargen) in der Stadt auf, der ewige Rivale Tesmans und einstige Geliebte Heddas, und der schöne Lebensplan gerät aus den Fugen. Denn die Professur ist durch das für Furore sorgende neue Buch Løvborgs auf einmal gefährdet und damit auch das Reitpferd, das Heddas Langeweile vertreiben und sie für die schon sehr früh in den Herbst gekommene Ehe entschädigen soll. Das genau ist auch der Moment, wo Hedda aus ihrer Passivität ausbricht und versucht Macht über das Schicksal Løvborgs zu bekommen. Maria Köstlinger spielt Hedda als gefühlskalten, berechnenden Machtmenschen, nicht fähig zur Empathie. Obwohl der weiße Hosenanzug möglicherweise ein Zeichen ihrer Unschuld ist, ist diese Hedda eine emotional leere, aggressive Täterin. Der Schmerz und die Verzweiflung, die doch auch in der Figur wären, werden kaum angedeutet. Warum sie schließlich am Ende, nachdem sie den labilen Løvborg erst um die existenzielle Grundlage gebracht und in einen schändlichen Selbstmord, der vielleicht gar nur ein Unfall war, getrieben hat, selbst den Freitod wählt, bleibt ziemlich unklar.

Keine Tiefe, keine Psychologie

Vielleicht ist es die Freiheit, die dieses Opfer verlangt, nachdem sie zu anderen Taten nicht fähig war. Sie ist an ihrem individuellen Lebensentwurf gescheitert. Und als destruktiver Charakter, als den sie diese Inszenierung - wer weiß - zeichnet, bringt sie sich lieber um, als dass sie sich vom schleimigen Amtsgerichtsrat Brack (Peter Scholz) erpressen und in ein Dreiecksverhältnis zwingen lässt oder die Scheidung anstrebt.

Liedtke entledigt durch die Zeitlosigkeit die Figur der Situation, in der sie Ibsen gedacht hat, ohne ihr eine neue Handlungsgrundlage zu schaffen. So bleibt diese uninspirierte, ideenlose Inszenierung letztendlich eine papierene, rein äußerliche Handlung. Hedda ist hier eine bloße Handlungsträgerin, eine Figur ohne Leben, ohne Tiefe, ohne Psychologie. Sie handelt, weil sie handelt und nichts weiter.

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16., 25., 26., 27., 29., 30. Dez., 4., 5., 6. Jänner

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