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Feuilleton

Fast nichts - mit Sprengkraft

1945 1960 1980 2000 2020

Ein verlorenes Adressbuch und Versuche der Erinnerung: In seinem jüngsten Roman "Damit du dich im Viertel nicht verirrst" variiert der Nobelpreisträger Patrick Modiano seine Lebens-und Literaturthemen.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein verlorenes Adressbuch und Versuche der Erinnerung: In seinem jüngsten Roman "Damit du dich im Viertel nicht verirrst" variiert der Nobelpreisträger Patrick Modiano seine Lebens-und Literaturthemen.

Tatsächlich, diesen Autor erkennt man an seiner Erzählweise, seinem Ton, seinen Figuren, seinen Themen. Auch der jüngste Roman des Literaturnobelpreisträgers, "Damit du dich im Viertel nicht verirrst", ist ein echter Modiano. Er variiert die Lebens- und Literaturthemen des Autors, der am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt geboren wurde, "als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten".

Es beginnt mit "fast nichts": mit einem Telefonanruf beim Schriftsteller Jean Daragane, der im selben Alter wie Modiano sein könnte. Das Adressbuch hat er verloren, es wurde von einem gefunden, der darin gelesen und einen Namen gefunden hat. Die Frage nach dieser Person löst bei Daragane einen Gang in seine Vergangenheit aus.

Wieder einmal führt die Spur ins Frankreich der frühen 1950er-Jahre. Irgendetwas ist damals passiert, Colette Laurent wurde ermordet. Daragane kannte sie als Kind, womöglich war er als Komplize oder als Zeuge dabei. Aus dem Kind von damals ist freilich ein Fremder geworden. Er müsste sich an damals erinnern können, tut es aber nicht. Denn mit dem Gedächtnis - und mit dem Vergessen - ist es eben so eine Sache.

Literatur wie ein Traum

Die junge Annie Astrand, bei der das Kind warum auch immer lebte - Mutter und Vater waren seltsam abwesend -, scheint dann verhaftet worden zu sein. Mysteriöse Figuren, die ihren Namen geändert haben und die an Personen von früher erinnern, tauchen nun bei Daragane auf, samt Dingen von damals, etwa einem Kleid. Literatur erscheint hier wie ein Traum, in dem man auf einmal "gewissen Einzelheiten seines Lebens" gegenübersteht, "abgebildet freilich in einem Zerrspiegel, unzusammenhängende Einzelheiten, wie sie einen in Fiebernächten verfolgen." Und wie in einem Traum weiß man nicht recht, woran man ist, selbst wenn man wie Daragane versucht, lose Teile eines Puzzles zu einem Ganzen zusammenzulegen. So wie Modiano, dessen gesamtes Werk man als einen großen Versuch verstehen kann, der letztlich unmöglichen, aber dennoch notwendigen Erinnerung mit Literatur beizukommen.

Dass das alles auch politische Dimensionen hat, wird nicht nur deutlich durch Akten, die auftauchen, wiederkehrende Verweise auf Polizeiverhöre, geänderte Namen, gefälschte Pässe. Alles Motive, die sich auch in anderen Werken Modianos finden.

Obwohl vieles bekannt vorkommt, packt auch und gerade dieses Buch. Das liegt daran, dass Modiano sein Handwerk so gut versteht. Faszinierend, wie er den Gang zwischen den Zeiten bewältigt. Wie er die Erzählposition gestaltet, so dass wir Daragane alles glauben müssen, was er erinnert oder nicht erinnert, ohne je wissen zu können, ob da noch mehr ist. Wie Modiano Details und Orte beschreibt. Wie er dezent Reflexionen über Erinnerung und Gedächtnis einflicht, ohne seine Geschichte damit zu zerstören. Fast nebenbei schreibt Modiano auch über die Beziehung von Autorleben und literarischer Fiktion, darüber dass man in Werke "Blink-oder Morsezeichen" setzen kann, die dann vielleicht genau eine Person zu entziffern versteht. Faszinierend, dass Literatur vorspielen kann, wie Erinnerung funktioniert oder eben nicht funktioniert. Ja, womöglich kann nur die Literatur mit ihren Möglichkeiten eine derartige mehrbödige, verzweigte, vielschichtige Art und Weise der Erinnerungsarbeit betreiben.

Die poetische Klammer seines schmalen Romans setzt Modiano mit "fast nichts", ausgelöst durch einen Telefonanruf am Anfang (der eigentlich das Ende ist) und durch das Geräusch von Reifen am Ende (das eigentlich der Anfang ist)."Fast nichts", die beiden ersten Worte des Romans verweisen auf das "Presque rien" des jüdischen Philosophen Vladimir Jankélévitch, der im Vichy-Regime seine Professur in Lille verlor, sich der Résistance anschloss und im Nachkriegsfrankreich die Notwendigkeit des Erinnerns einmahnte. Das "Beinahe-Nichts" eines mysteriösen Wende-und Kipppunkts ist "nur beinahe, weil es nicht dauert, und indem es einsetzt, beinahe nicht existiert". Es wird im Bruchteil eines Augenblicks erfahren, als Aufblitzen. "Die Augenblicke sind wie die innere Lüftung, welche die Dauer porös macht und ihr zu atmen erlaubt", heißt es bei Jankélévitch.

Das"Fast nichts" des Modiano fühlt sich an wie ein Insektenstich, der "einen immer heftigeren Schmerz" verursacht, und bald schon "wie bei einer Risswunde. Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen ineinander, und das scheint ganz normal, denn getrennt waren sie bloß durch eine Cellophanwand. Ein Insektenstich genügte, um das Cellophan zu sprengen."

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

Roman von Patrick Modiano. Aus dem Franz. von Elisabeth Edl. Hanser 2015. 160 S., geb., € 19,50

Tatsächlich, diesen Autor erkennt man an seiner Erzählweise, seinem Ton, seinen Figuren, seinen Themen. Auch der jüngste Roman des Literaturnobelpreisträgers, "Damit du dich im Viertel nicht verirrst", ist ein echter Modiano. Er variiert die Lebens- und Literaturthemen des Autors, der am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt geboren wurde, "als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennengelernt hatten".

Es beginnt mit "fast nichts": mit einem Telefonanruf beim Schriftsteller Jean Daragane, der im selben Alter wie Modiano sein könnte. Das Adressbuch hat er verloren, es wurde von einem gefunden, der darin gelesen und einen Namen gefunden hat. Die Frage nach dieser Person löst bei Daragane einen Gang in seine Vergangenheit aus.

Wieder einmal führt die Spur ins Frankreich der frühen 1950er-Jahre. Irgendetwas ist damals passiert, Colette Laurent wurde ermordet. Daragane kannte sie als Kind, womöglich war er als Komplize oder als Zeuge dabei. Aus dem Kind von damals ist freilich ein Fremder geworden. Er müsste sich an damals erinnern können, tut es aber nicht. Denn mit dem Gedächtnis - und mit dem Vergessen - ist es eben so eine Sache.

Literatur wie ein Traum

Die junge Annie Astrand, bei der das Kind warum auch immer lebte - Mutter und Vater waren seltsam abwesend -, scheint dann verhaftet worden zu sein. Mysteriöse Figuren, die ihren Namen geändert haben und die an Personen von früher erinnern, tauchen nun bei Daragane auf, samt Dingen von damals, etwa einem Kleid. Literatur erscheint hier wie ein Traum, in dem man auf einmal "gewissen Einzelheiten seines Lebens" gegenübersteht, "abgebildet freilich in einem Zerrspiegel, unzusammenhängende Einzelheiten, wie sie einen in Fiebernächten verfolgen." Und wie in einem Traum weiß man nicht recht, woran man ist, selbst wenn man wie Daragane versucht, lose Teile eines Puzzles zu einem Ganzen zusammenzulegen. So wie Modiano, dessen gesamtes Werk man als einen großen Versuch verstehen kann, der letztlich unmöglichen, aber dennoch notwendigen Erinnerung mit Literatur beizukommen.

Dass das alles auch politische Dimensionen hat, wird nicht nur deutlich durch Akten, die auftauchen, wiederkehrende Verweise auf Polizeiverhöre, geänderte Namen, gefälschte Pässe. Alles Motive, die sich auch in anderen Werken Modianos finden.

Obwohl vieles bekannt vorkommt, packt auch und gerade dieses Buch. Das liegt daran, dass Modiano sein Handwerk so gut versteht. Faszinierend, wie er den Gang zwischen den Zeiten bewältigt. Wie er die Erzählposition gestaltet, so dass wir Daragane alles glauben müssen, was er erinnert oder nicht erinnert, ohne je wissen zu können, ob da noch mehr ist. Wie Modiano Details und Orte beschreibt. Wie er dezent Reflexionen über Erinnerung und Gedächtnis einflicht, ohne seine Geschichte damit zu zerstören. Fast nebenbei schreibt Modiano auch über die Beziehung von Autorleben und literarischer Fiktion, darüber dass man in Werke "Blink-oder Morsezeichen" setzen kann, die dann vielleicht genau eine Person zu entziffern versteht. Faszinierend, dass Literatur vorspielen kann, wie Erinnerung funktioniert oder eben nicht funktioniert. Ja, womöglich kann nur die Literatur mit ihren Möglichkeiten eine derartige mehrbödige, verzweigte, vielschichtige Art und Weise der Erinnerungsarbeit betreiben.

Die poetische Klammer seines schmalen Romans setzt Modiano mit "fast nichts", ausgelöst durch einen Telefonanruf am Anfang (der eigentlich das Ende ist) und durch das Geräusch von Reifen am Ende (das eigentlich der Anfang ist)."Fast nichts", die beiden ersten Worte des Romans verweisen auf das "Presque rien" des jüdischen Philosophen Vladimir Jankélévitch, der im Vichy-Regime seine Professur in Lille verlor, sich der Résistance anschloss und im Nachkriegsfrankreich die Notwendigkeit des Erinnerns einmahnte. Das "Beinahe-Nichts" eines mysteriösen Wende-und Kipppunkts ist "nur beinahe, weil es nicht dauert, und indem es einsetzt, beinahe nicht existiert". Es wird im Bruchteil eines Augenblicks erfahren, als Aufblitzen. "Die Augenblicke sind wie die innere Lüftung, welche die Dauer porös macht und ihr zu atmen erlaubt", heißt es bei Jankélévitch.

Das"Fast nichts" des Modiano fühlt sich an wie ein Insektenstich, der "einen immer heftigeren Schmerz" verursacht, und bald schon "wie bei einer Risswunde. Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen ineinander, und das scheint ganz normal, denn getrennt waren sie bloß durch eine Cellophanwand. Ein Insektenstich genügte, um das Cellophan zu sprengen."

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

Roman von Patrick Modiano. Aus dem Franz. von Elisabeth Edl. Hanser 2015. 160 S., geb., € 19,50