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„Generationenkonflikt ist mediale Panikmache“

Alois Guger ist Wissenschafter des Wirtschaftsforschungsinstituts mit dem Schwerpunkt „Soziale Netze“. Er verteidigt die Pensionsten und fordert eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit.

Die Furche: Die Pensionisten werden in jüngster Zeit gerne als Blutsauger dargestellt. Gibt es darüber auch unter Wirtschaftsforschern Einigkeit?

Alois Guger: Nein. Wenn Sie mich fragen, wird hier bewusst von einer Umverteilungsdebatte abgelenkt, die eigentlich an anderer Stelle zu führen wäre.

Die Furche: An welcher?

Guger: Die Debatte um die Generationen lenkt von der Debatte um die Umverteilung zwischen Arm und Reich ab. Die Kluft zwischen den Extremen ist in den vergangenen Jahren größer geworden. Bei einer Durchschnittspension von 930 Euro pro Monat braucht man nicht von Umverteilung zu reden. Abgesehen davon, dass auch die Senioren zur Nachfragesicherung in der Wirtschaft beitragen, zumal in der aktuellen Nachfragekrise. Man darf ihre volkswirtschaftliche Bedeutung nicht unterschätzen.

Die Furche: Laut Statistik Austria fließen etwa zwei Milliarden Euro monatlich in die Volkswirtschaft durch Konsum und Steuern der Pensionisten. Zahlen müssen die Pensionen aber trotzdem die Produzierenden, deren Zahl immer kleiner wird.

Guger: Genau das sollte man sich einmal differenziert ansehen. Es gibt dazu viel beachtete Erkenntnisse von Ökonomen über die steigende Produktivität unserer Gesellschaft. Demnach reichen 0,25 Prozent an Produktivitätssteigerung aus, um den finanziellen Mehrbedarf durch die steigenden Seniorenzahlen zu decken.

Die Furche: Der Generationenkonflikt findet Ihrer Meinung nach also gar nicht statt?

Guger: Er findet medial als Panikmache statt, aber in der Bevölkerung gibt es diesen Gegensatz kaum. Die Jüngeren sehen sehr wohl auch die Probleme der Alten und die Senioren jene der Jungen. In Deutschland gibt es Statistiken, wonach 25 Prozent der Senioren Direktzahlungen an ihre Nachkommen leisten. Umgekehrt sind es nur drei Prozent der Jungen, die die Älteren unterstützen müssen. Denken Sie auch an die Kinderbetreuung, die die Alten leisten und damit indirekt Familie und Staat entlasten.

Die Furche: Sie sehen trotzdem Reformbedarf beim Pensionssystem. Welchen?

Guger: Dabei geht es vorrangig um die Lebensarbeitszeit. In Österreich gehen die Menschen zu früh in Pension. Teuer sind vor allem die Frühpensionierungen und die Hacklerregelung. Man sollte die Betriebe hier mehr fordern. Für sie sollte es teuerer werden, ältere Arbeitnehmer in Pension zu schicken.

Die Furche: Ältere Arbeitnehmer sind allerdings wesentlich teurer als jüngere.

Guger: Das stimmt zwar, aber nirgendwo sonst in Europa ist die Altersdiskriminierung so groß, wie in Österreich. Laut einer Umfrage unter älteren Arbeitnehmern fühlen sich 14 Prozent gemobbt. (tan)

930 Euro

So viel erhält ein Pensionist im Schnitt in Österreich. Alois Guger glaubt, das Pensionssystem sei durch einen geringen Produktivitätszuwachs langfristig leistbar.

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