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Feuilleton

Mit Blues und Sprache gegen HaSS

1945 1960 1980 2000 2020

James Baldwin, in den UsA eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, wird nun hier dank neuübersetzungen wiederentdeckt. Das war längst fällig.

1945 1960 1980 2000 2020

James Baldwin, in den UsA eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung, wird nun hier dank neuübersetzungen wiederentdeckt. Das war längst fällig.

Auch dieses Buch hat den Blues. Wer ihn beim Lesen noch nicht hört, dem hilft es vielleicht, sich nach der Lektüre eine oder mehrere der vielen Versionen des "Beale Street Blues" anzuhören. Die Töne lassen die Atmosphäre des Textes erkennen und diese so eigene und schöne Traurigkeit der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandenen afroamerikanischen Musik. Den Blues singt meist ein Ich-Erzähler oder eine Ich-Erzählerin, er oder sie erzählt Ereignisse, die ihr zugestoßen sind. Sie bekommen dabei allgemeine Bedeutung, weisen weit über das subjektive Erlebnis hinaus. Und hier wird zudem die Beale Street, jene so berühmte Straße in Memphis, zur Metapher für die Welt der Schwarzen.

Keine Gerechtigkeit zu erwarten

Dieser von der weißen Welt so skandalös ausgeschlossenen Welt widmet sich James Baldwin. Sein 1974 erschienener Roman "Beale Street Blues" verdankt den Originaltitel einer Zeile aus dem gleichnamigen Song. "If Beale Street Could Talk": Wenn die schwarze Welt sprechen könnte, was würde sie dann erzählen? Der Roman verleiht jenen Stimme, deren Stimmen nicht zu dieser weißen Welt gehören. Hier wird die alltägliche Diskriminierung der Schwarzen besungen, ihr Versuch, mit Würde und Stärke in einer Welt zurechtzukommen, in der sie keine Gerechtigkeit erwarten dürfen.

Die Ich-Erzählerin Tish erwartet ein Kind von Fonny, der aber sitzt nun im Gefängnis, wird beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Die tragische Beziehungsgeschichte erzählt aus persönlicher Perspektive (die Ich-Erzählerin kann aber auch über Geschehen anderswo erzählen) vor allem die Mechanismen des Rassismus. Was dieser in den Menschen und ihren Gesellschaften anrichtet, wird ausgeleuchtet. Nicht nur Hautfarbe, sondern auch Klasse und Geschlecht prägen Verhaltensformen. Die jeweiligen Aufgaben der Männer und der Frauen scheinen ebenso festgelegt wie die Hierarchien innerhalb der einzelnen Grup pen. Ganz normal ist, dass ein Mann seine Frau schlägt, ebenso normal, dass Schwarze unschuldig eingesperrt werden und dass es vor Gericht nicht um Gerechtigkeit geht. Billige Lösungen bietet James Baldwin am Ende nicht. Die traurige Grundmelodie des Blues bleibt, wenngleich man trotzdem hoffen kann, ja muss.

In seinem Essayband "No Name In The Street" ("Eine Straße und keine Name") hatte Baldwin 1972 den Fall seines Freundes Tony Maynard dokumentiert, der diesem Roman zugrunde liegt. Dieser musste unter Mordverdacht mehrere Jahre unschuldig im Gefängnis verbringen. Was das bedeutet, davon erzählt Baldwin auch. "Er würde nie, nie, nie wieder der Daniel sein, der er mal war", heißt es über Fonnys Freund Daniel, der unschuldig eingesperrt durch die Hölle gegangen ist. Tish und Fonny trösten ihn, an jenem Abend, als Fonny dann festgenommen wird. "Fonny hielt ihn fest, hielt ihn aufrecht, damit er nicht fiel. Ich machte Kaffee. / Dann klopften sie an die Tür."

Mit "Beale Street Blues" legt dtv nun bereits die zweite Neuübersetzung vor -und der am 2. August 1924 in Harlem, New York, geborene James Baldwin kann damit hierzulande wiederentdeckt werden. Zu hoffen ist, dass es bald auch die beindruckenden Essays des Bürgerrechtlers wieder auf Deutsch zu lesen gibt. Ohne Hass und Gewalt widmete sich Baldwin dem Thema Rassismus. Dabei musste er erleben, wie 1963 Medgar Evers, 1965 Malcolm X und 1968 Martin Luther King ermordet wurden. Baldwins Reden und Texte sind noch heute frappierend aktuell und in der Analyse ihrer Zeit voraus. Baldwin benannte Weißsein als Metapher für Macht, Rassismus als eine Erfindung, die einem Teil der Menschheit das Menschsein abspricht. Warum wird diese Erfindung gebraucht? Diese wichtige Frage richtete Baldwin an die weiße Welt, dies gelte es dringend herauszufinden. Denn der Rassismus macht etwas aus den Menschen, nicht nur aus den Opfern.

Kreislauf durchbrechen

Der 1953 erschienene Debütroman "Go Tell It on the Mountain" zitiert einen Gospel, der im Titel der deutschen Neuübersetzung, die heuer im Frühjahr viele Kritiker entzückte -"Von dieser Welt" -, nicht mehr zu erkennen ist. Leider, denn der Titel bezeichnet nicht nur ein wichtiges Thema -die Religion und ihre positive wie negative Kraft -, sondern auch einen wichtigen Grundton des Romans, in dem Baldwin mit biblischer Sprache und Wucht fiktionalisiert sein eigenes Leben erzählt. Mit dem ersten Satz beginnt die Frage nach Schicksal oder Aufbegehren. Auch dieser Roman ist als denkerischer Versuch zu lesen, den unheilvollen Kreislauf von Hass und Gegenhass zu durchbrechen.

Baldwin wetterte aber gegen den politischen Protestroman, der im Sinn des sozialen Realismus scharfe Anklagen verfasste. Solche Literatur diene der Gewissensberuhigung, bewahre aber weiter die Strukturen, bestätige sogar die Vorurteile der Weißen. Baldwin hingegen nahm Mechanismen und Strukturen in den Blick.

1962 veröffentlichte er mit seinem verstörenden Essay "The Fire Next Time" (auch hier wieder der Titel als Teil eines Spirituals, ein Zitat aus "God gave Noah the rainbow sign /No more water, the fire next time") eines der wichtigsten Dokumente der Bürgerrechtsbewegung der USA. Darin erklärte Baldwin seinem Neffen den Rassismus in den USA. Fünf Jahrzehnte später knüpfte Ta-Nehisi Coates mit seinem Buch "Zwischen mir und der Welt" daran an, in dem er sich an seinen Sohn richtet und über den alltäglichen Rassismus in den USA des 21. Jahrhunderts berichtet. Baldwins Bestandsaufnahme ist erschütternd aktuell geblieben.

Selbstzerstörerisch

Baldwin lernte das Ausgeschlossensein auch als Homosexueller kennen. Er folgte seinem Geliebten in die Schweiz, er lebte meist in Frankreich -und in Südfrankreich starb er 63-jährig an seiner Krebserkrankung. Niemand habe dermaßen die Sprache besessen oder bewohnt wie er, schrieb 1987 Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem berührenden Nachruf in der New York Times. Er habe ein verbotenes Gelände betreten und es dekolonisiert, betretbar gemacht für Schwarze -die bisher definiert wurden von einer Sprache, die gar nicht imstande war, Schwarze überhaupt zu erkennen.

Wie sehr Baldwins Literatur und Essays Gegenwart erzählen, zeigte der oscarnominierte großartige Film "I Am Not Your Negro" von Raoul Peck, der vergangenes Jahr in den Kinos lief. Peck montierte darin gegenwärtige Bilder von rassistischen Übergriffen der Polizei auf wehrlose Bürger zu den engagierten Reden James Baldwins, in denen jedes Wort saß und deren Weitblick über die USA und die dortige Rassenfrage hinaus von Belang ist: "solange wir Amerikaner [ ] nicht akzeptieren können [ ], dass wir auf diesem Kontinent eine neue Identität anstreben müssen, für die wir uns gegenseitig brauchen [ ], solange besteht kaum Hoffnung auf den amerikanischen Traum. Denn die Menschen, denen die Teilhabe daran verweigert wird, werden ihn durch ihre schiere Anwesenheit zerstören." Eine Nation, die einen Teil ihrer Bevölkerung als minderwertig ansieht, nimmt sich selbst die Zukunft.

Auch dieses Buch hat den Blues. Wer ihn beim Lesen noch nicht hört, dem hilft es vielleicht, sich nach der Lektüre eine oder mehrere der vielen Versionen des "Beale Street Blues" anzuhören. Die Töne lassen die Atmosphäre des Textes erkennen und diese so eigene und schöne Traurigkeit der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandenen afroamerikanischen Musik. Den Blues singt meist ein Ich-Erzähler oder eine Ich-Erzählerin, er oder sie erzählt Ereignisse, die ihr zugestoßen sind. Sie bekommen dabei allgemeine Bedeutung, weisen weit über das subjektive Erlebnis hinaus. Und hier wird zudem die Beale Street, jene so berühmte Straße in Memphis, zur Metapher für die Welt der Schwarzen.

Keine Gerechtigkeit zu erwarten

Dieser von der weißen Welt so skandalös ausgeschlossenen Welt widmet sich James Baldwin. Sein 1974 erschienener Roman "Beale Street Blues" verdankt den Originaltitel einer Zeile aus dem gleichnamigen Song. "If Beale Street Could Talk": Wenn die schwarze Welt sprechen könnte, was würde sie dann erzählen? Der Roman verleiht jenen Stimme, deren Stimmen nicht zu dieser weißen Welt gehören. Hier wird die alltägliche Diskriminierung der Schwarzen besungen, ihr Versuch, mit Würde und Stärke in einer Welt zurechtzukommen, in der sie keine Gerechtigkeit erwarten dürfen.

Die Ich-Erzählerin Tish erwartet ein Kind von Fonny, der aber sitzt nun im Gefängnis, wird beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Die tragische Beziehungsgeschichte erzählt aus persönlicher Perspektive (die Ich-Erzählerin kann aber auch über Geschehen anderswo erzählen) vor allem die Mechanismen des Rassismus. Was dieser in den Menschen und ihren Gesellschaften anrichtet, wird ausgeleuchtet. Nicht nur Hautfarbe, sondern auch Klasse und Geschlecht prägen Verhaltensformen. Die jeweiligen Aufgaben der Männer und der Frauen scheinen ebenso festgelegt wie die Hierarchien innerhalb der einzelnen Grup pen. Ganz normal ist, dass ein Mann seine Frau schlägt, ebenso normal, dass Schwarze unschuldig eingesperrt werden und dass es vor Gericht nicht um Gerechtigkeit geht. Billige Lösungen bietet James Baldwin am Ende nicht. Die traurige Grundmelodie des Blues bleibt, wenngleich man trotzdem hoffen kann, ja muss.

In seinem Essayband "No Name In The Street" ("Eine Straße und keine Name") hatte Baldwin 1972 den Fall seines Freundes Tony Maynard dokumentiert, der diesem Roman zugrunde liegt. Dieser musste unter Mordverdacht mehrere Jahre unschuldig im Gefängnis verbringen. Was das bedeutet, davon erzählt Baldwin auch. "Er würde nie, nie, nie wieder der Daniel sein, der er mal war", heißt es über Fonnys Freund Daniel, der unschuldig eingesperrt durch die Hölle gegangen ist. Tish und Fonny trösten ihn, an jenem Abend, als Fonny dann festgenommen wird. "Fonny hielt ihn fest, hielt ihn aufrecht, damit er nicht fiel. Ich machte Kaffee. / Dann klopften sie an die Tür."

Mit "Beale Street Blues" legt dtv nun bereits die zweite Neuübersetzung vor -und der am 2. August 1924 in Harlem, New York, geborene James Baldwin kann damit hierzulande wiederentdeckt werden. Zu hoffen ist, dass es bald auch die beindruckenden Essays des Bürgerrechtlers wieder auf Deutsch zu lesen gibt. Ohne Hass und Gewalt widmete sich Baldwin dem Thema Rassismus. Dabei musste er erleben, wie 1963 Medgar Evers, 1965 Malcolm X und 1968 Martin Luther King ermordet wurden. Baldwins Reden und Texte sind noch heute frappierend aktuell und in der Analyse ihrer Zeit voraus. Baldwin benannte Weißsein als Metapher für Macht, Rassismus als eine Erfindung, die einem Teil der Menschheit das Menschsein abspricht. Warum wird diese Erfindung gebraucht? Diese wichtige Frage richtete Baldwin an die weiße Welt, dies gelte es dringend herauszufinden. Denn der Rassismus macht etwas aus den Menschen, nicht nur aus den Opfern.

Kreislauf durchbrechen

Der 1953 erschienene Debütroman "Go Tell It on the Mountain" zitiert einen Gospel, der im Titel der deutschen Neuübersetzung, die heuer im Frühjahr viele Kritiker entzückte -"Von dieser Welt" -, nicht mehr zu erkennen ist. Leider, denn der Titel bezeichnet nicht nur ein wichtiges Thema -die Religion und ihre positive wie negative Kraft -, sondern auch einen wichtigen Grundton des Romans, in dem Baldwin mit biblischer Sprache und Wucht fiktionalisiert sein eigenes Leben erzählt. Mit dem ersten Satz beginnt die Frage nach Schicksal oder Aufbegehren. Auch dieser Roman ist als denkerischer Versuch zu lesen, den unheilvollen Kreislauf von Hass und Gegenhass zu durchbrechen.

Baldwin wetterte aber gegen den politischen Protestroman, der im Sinn des sozialen Realismus scharfe Anklagen verfasste. Solche Literatur diene der Gewissensberuhigung, bewahre aber weiter die Strukturen, bestätige sogar die Vorurteile der Weißen. Baldwin hingegen nahm Mechanismen und Strukturen in den Blick.

1962 veröffentlichte er mit seinem verstörenden Essay "The Fire Next Time" (auch hier wieder der Titel als Teil eines Spirituals, ein Zitat aus "God gave Noah the rainbow sign /No more water, the fire next time") eines der wichtigsten Dokumente der Bürgerrechtsbewegung der USA. Darin erklärte Baldwin seinem Neffen den Rassismus in den USA. Fünf Jahrzehnte später knüpfte Ta-Nehisi Coates mit seinem Buch "Zwischen mir und der Welt" daran an, in dem er sich an seinen Sohn richtet und über den alltäglichen Rassismus in den USA des 21. Jahrhunderts berichtet. Baldwins Bestandsaufnahme ist erschütternd aktuell geblieben.

Selbstzerstörerisch

Baldwin lernte das Ausgeschlossensein auch als Homosexueller kennen. Er folgte seinem Geliebten in die Schweiz, er lebte meist in Frankreich -und in Südfrankreich starb er 63-jährig an seiner Krebserkrankung. Niemand habe dermaßen die Sprache besessen oder bewohnt wie er, schrieb 1987 Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem berührenden Nachruf in der New York Times. Er habe ein verbotenes Gelände betreten und es dekolonisiert, betretbar gemacht für Schwarze -die bisher definiert wurden von einer Sprache, die gar nicht imstande war, Schwarze überhaupt zu erkennen.

Wie sehr Baldwins Literatur und Essays Gegenwart erzählen, zeigte der oscarnominierte großartige Film "I Am Not Your Negro" von Raoul Peck, der vergangenes Jahr in den Kinos lief. Peck montierte darin gegenwärtige Bilder von rassistischen Übergriffen der Polizei auf wehrlose Bürger zu den engagierten Reden James Baldwins, in denen jedes Wort saß und deren Weitblick über die USA und die dortige Rassenfrage hinaus von Belang ist: "solange wir Amerikaner [ ] nicht akzeptieren können [ ], dass wir auf diesem Kontinent eine neue Identität anstreben müssen, für die wir uns gegenseitig brauchen [ ], solange besteht kaum Hoffnung auf den amerikanischen Traum. Denn die Menschen, denen die Teilhabe daran verweigert wird, werden ihn durch ihre schiere Anwesenheit zerstören." Eine Nation, die einen Teil ihrer Bevölkerung als minderwertig ansieht, nimmt sich selbst die Zukunft.