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Feuilleton

Das Unmögliche

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 56 Jahren schrieb James Baldwin seine immer noch aktuellen Essays "The Fire Next Time". Rassismus und die Gegenkraft der Liebe thematisiert auch die Romanverfilmung "Beale Street".

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 56 Jahren schrieb James Baldwin seine immer noch aktuellen Essays "The Fire Next Time". Rassismus und die Gegenkraft der Liebe thematisiert auch die Romanverfilmung "Beale Street".

"Du bist in eine Gesellschaft hineingeboren, die Dir mit brutaler Offenheit und auf vielfältigste Weise zu verstehen gibt, dass Du ein wertloser Mensch bist." Das schreibt ein Schriftsteller in einem Brief an seinen 15-jährigen Neffen im Jahr 1963. Schwarze lernen von Anfang an, sich selbst zu verachten. "Alles, was Dein Leben ausmacht und verkörpert, ist bewusst so angelegt, dass Du glauben sollst, was Weiße über Dich sagen." Hundert Jahre sind seit der Emanzipationsproklamation vergangen, aber seine Landsleute, die "hunderttausendfach Leben zerstört haben", so James Baldwin in diesem Brief, zerstören es immer noch und wollen davon nichts wissen. In dieser "Unschuld" aber "liegt das Verbrechen".

Furcht um Verlust der Identität

Seit dieser berühmte Brief in "The Fire Next Time" erschienen ist, sind weitere 56 Jahre vergangen. Etwas, das damals fast unmöglich schien, ist inzwischen wahr geworden: Ein Schwarzer wurde zum US-Präsidenten gewählt. Doch immer noch sind Diskriminierungen von Schwarzen, ist Gewalt an ihnen an der Tagesordnung, ist der Prozentsatz der Inhaftierungen von Schwarzen unverhältnismäßig hoch. Und der gegenwärtige US-Präsident ist wahrlich kein Gegner des Rassismus.

Seit 2018 gibt dtv Baldwins Werke neu auf Deutsch heraus. Soeben ist "Nach der Flut das Feuer. The Fire Next Time" erschienen, das Baldwins "Brief" und seinen Essay "Vor dem Kreuz" enthält. In poetischer Sprache erzählt und analysiert James Baldwin, wie Rassismus funktioniert und welche Funktion er hat. Nicht nur der Bürgerrechtsbewegung dienten seine Texte als Grundlage, sondern auch den Rassismus-Studien, die später folgten.

Baldwin wusste: Es geht für die weißen Amerikaner um nichts Geringeres als den Verlust ihrer Identität. "Der Schwarze hat in der Welt der Weißen als Fixstern gedient, als felsenfeste Säule: Jetzt, da er sich rührt, werden Himmel und Erde in ihren Grundfesten erschüttert." Amerika und die westlichen Nationen aber seien nun gezwungen, "sich selbst zu überprüfen und sich von so vielen Dingen zu befreien, die noch immer als heilig gelten, und praktisch alle Annahmen über Bord zu werfen, die dazu dienten, über so lange Zeit ihr Leben, ihre Qual und ihre Verbrechen zu rechtfertigen". In seiner Kritik entlässt der ehemalige Prediger auch die christlichen Kirchen nicht aus der Verantwortung: "Ich würde gerne glauben, dass die Grundsätze Glaube, Hoffnung und Barmherzigkeit lauteten, aber ganz offensichtlich trifft das auf die meisten Christen oder auf das, was wir die christliche Welt nennen, nicht zu." Dieser Einschätzung liegen seine Erfahrungen als Schwarzer zugrunde. Die Erlösung, so Baldwin, endet offensichtlich beim Hinausgehen an der Kirchentüre.

Was Baldwin aber von jenen Bürgerrechtlern unterschied, die sich für den Kampf entschieden, war das Festhalten an der Liebe, verstanden nicht nur im persönlichen Sinn, sondern "im universellen herben Sinn des Suchens, Wagens und Wachsens". Baldwin zeigt sich nicht bereit, die Weißen generell als Teufel zu sehen, ihm geht es darum, gerade diesen kategorisierenden und abwertenden Blick zu durchbrechen. Umso erstaunlicher ist die Figurenzeichnung, die Barry Jenkins in seiner neuen Verfilmung von Baldwins 1973 erschienenen Roman "If Beale Street Could Talk" vornimmt. Da lässt er Officer Bell geradezu als eine Karikatur des Hasses auftreten. Dabei ging es Baldwin gerade nicht darum, den Weißen als bösen Archetypen zu zeigen. Eher könnte man seinen Roman auch als Versuch verstehen zu zeigen, wie allen ihre Rollen vorgegeben sind und wie schwierig es ist, daraus zu entkommen: Frauen, Männer, Schwarze, Weiße, Polizisten. Davon ist in dem für drei Oscars nominierten Film eher wenig zu spüren, der auch das im Roman angedeutete Faktum weglässt, dass sogar der nette Fonny seine Freundin schlägt.

Statt dessen setzt der Regisseur auf große Gefühle, was freilich auch seine Berechtigung hat, ist "Beale Street Blues" (so der deutsche Romantitel) doch vor allem ein Roman über die Liebe, allerdings eine in Zeiten des Krieges der Weißen gegen die Schwarzen. Jenkins betont die Liebesgeschichte, zeigt wie in einem Kammerspiel, das sich Zeit nimmt für Szenen und Großaufnahmen, Begegnungen zwischen den Liebenden, in der Familie und mit Freunden und verlässt diese Räume nur in Ausnahmefällen, in denen die politische Realität - auch durch historische Aufnahmen - scharf hineinblitzt. Das was diese nur in kleinen Räumen geschützte Liebe stört und das gemeinsame Glück verhindert, der allgegenwärtige Rassismus, wird nicht durch gewalttätige Szenen gezeigt, sondern vor allem durch das Ergebnis dieser Unterdrückung: Fonny sitzt unschuldig im Gefängnis, wird der Vergewaltigung bezichtigt und es scheint ziemlich aussichtslos, dass es Tish, seiner Freundin, gelingt, ihn heraus zu holen. Von dieser Gegenwart aus wird in Rückblenden die Liebesgeschichte der beiden erzählt, die unter anderem versuchen, eine Wohnung zu finden.

Stark ist der Film in manchen Details. Etwa bei dem Blick durch die Glasscheibe, die die schwangere Tish (KiKi Layne) und ihren Freund Fonny (Stephan James) im Gefängnis voneinander trennt. Durch Spiegelung wird der Zuschauer auf einmal von beiden angesehen. Oder wenn Tish, herausgeputzt für die Kunden, Parfüm verkauft und sie die lüsternen Blicke schwarzer Männer treffen, der weiße Mann aber gleich ihre Hand ergreift, um an ihr zu riechen. Eine kleine Szene über den alltäglichen Übergriff. Anderes hingegen ist unnötig aufgeblasen, etwa die böse "Schwiegermutter", oder aber auch kitschig wie der Liebesakt.

Regina King aber hat den Oscar verdient, mit dem sie für ihre Darstellung der Mutter von Tish ausgezeichnet wurde. Ihr Gesicht spiegelt all das, worüber es gar nicht viele Worte gibt: das Wissen um die Schwangerschaft der Tochter, das Wissen, dass vor Gericht die Wahrheit nicht zählt, das Wissen, wie schwierig das Leben ihrer Tochter werden wird mit einem Kind, wenn der Vater im Gefängnis bleibt, das Wissen über diese durch und durch ungerechte rassistische Welt, aber eben auch die Kraft und Entschiedenheit einer Mutter, ihrer Tochter zu helfen, und die Hoffnung und Zuversicht, dass ihre Tochter es schaffen wird, wie all die starken Frauen vor ihr. Sie ist die Mutter, die ihre Tochter liebt und sich auf das Enkelkind freut trotz der ausweglosen Lage: "Das ist ein Sakrament. Wir trinken auf das Leben."

Hundert Jahre zu früh?

James Baldwin (1924-1987) gab seinem Roman nicht zufällig den Titel nach einer Zeile aus einem Blues. In seinem Essay "Vor dem Kreuz" schrieb Baldwin auch über die Freiheit, die man im Gospel, im Jazz und vor allem im Blues hören kann. Über das Missverständnis, fröhliche Lieder seien fröhlich und traurige traurig, das die ironische Beharrlichkeit verkennt. "Sinnlich zu sein bedeutet für mich, die Kraft des Lebens, das Leben selbst zu respektieren und zu feiern und in allem, was man tut, präsent zu sein, von den Mühen des Liebens bis zum Brechen des Brots." Eine solche Sinnlichkeit spielt Regina King, dem Film im Gesamten geht diese ironische Beharrlichkeit trotz der Musik von Nicholas Britell aber ab. Der Regisseur beschneidet leider auch die Offenheit, mit der der Roman endet: mit dem Schrei des Neugeborenen.

"All das passiert im reichsten, freiesten Land der Welt in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts", schrieb Baldwin 1963 und konstatierte: "Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh." Baldwins lesenswerte Analysen in "The Fire Next Time" gelten jedenfalls noch heute und weit über den Rassismus in den USA hinaus. Denn eine Zivilisation wird nicht von Bösewichtern zerstört; "der Mensch braucht nicht böse zu sein, nur rückgratlos." Baldwins Texte sind eine stets aktuelle Warnung. "Deshalb ist das Gefährlichste, was eine Gesellschaft hervorbringen kann, ein Mensch, der nichts mehr zu verlieren hat. Man braucht nicht zehn davon -einer reicht."

Unüberlesbar aber bleibt auch Baldwins Hoffnung: "Ich glaube, dass Menschen besser sein können als angenommen, und ich glaube, dass Menschen besser sein können, als sie sind." Und: "Ich weiß, ich verlange Unmögliches. Doch in unserer Zeit, wie in jeder Zeit, ist das Unmögliche das Mindeste, was man verlangen kann".

Beale Street (If Beale Street Could Talk) USA 2018. Regie: Barry Jenkins. Mit Stephan James, KiKi Layne, Regina King. Filmladen. 119 Min.

Nach der Flut das Feuer The Fire Next Time Von James Baldwin Aus dem amerik. Englisch von Miriam Mandelkow dtv 2019 121 Seiten, geb., € 18,50

"Du bist in eine Gesellschaft hineingeboren, die Dir mit brutaler Offenheit und auf vielfältigste Weise zu verstehen gibt, dass Du ein wertloser Mensch bist." Das schreibt ein Schriftsteller in einem Brief an seinen 15-jährigen Neffen im Jahr 1963. Schwarze lernen von Anfang an, sich selbst zu verachten. "Alles, was Dein Leben ausmacht und verkörpert, ist bewusst so angelegt, dass Du glauben sollst, was Weiße über Dich sagen." Hundert Jahre sind seit der Emanzipationsproklamation vergangen, aber seine Landsleute, die "hunderttausendfach Leben zerstört haben", so James Baldwin in diesem Brief, zerstören es immer noch und wollen davon nichts wissen. In dieser "Unschuld" aber "liegt das Verbrechen".

Furcht um Verlust der Identität

Seit dieser berühmte Brief in "The Fire Next Time" erschienen ist, sind weitere 56 Jahre vergangen. Etwas, das damals fast unmöglich schien, ist inzwischen wahr geworden: Ein Schwarzer wurde zum US-Präsidenten gewählt. Doch immer noch sind Diskriminierungen von Schwarzen, ist Gewalt an ihnen an der Tagesordnung, ist der Prozentsatz der Inhaftierungen von Schwarzen unverhältnismäßig hoch. Und der gegenwärtige US-Präsident ist wahrlich kein Gegner des Rassismus.

Seit 2018 gibt dtv Baldwins Werke neu auf Deutsch heraus. Soeben ist "Nach der Flut das Feuer. The Fire Next Time" erschienen, das Baldwins "Brief" und seinen Essay "Vor dem Kreuz" enthält. In poetischer Sprache erzählt und analysiert James Baldwin, wie Rassismus funktioniert und welche Funktion er hat. Nicht nur der Bürgerrechtsbewegung dienten seine Texte als Grundlage, sondern auch den Rassismus-Studien, die später folgten.

Baldwin wusste: Es geht für die weißen Amerikaner um nichts Geringeres als den Verlust ihrer Identität. "Der Schwarze hat in der Welt der Weißen als Fixstern gedient, als felsenfeste Säule: Jetzt, da er sich rührt, werden Himmel und Erde in ihren Grundfesten erschüttert." Amerika und die westlichen Nationen aber seien nun gezwungen, "sich selbst zu überprüfen und sich von so vielen Dingen zu befreien, die noch immer als heilig gelten, und praktisch alle Annahmen über Bord zu werfen, die dazu dienten, über so lange Zeit ihr Leben, ihre Qual und ihre Verbrechen zu rechtfertigen". In seiner Kritik entlässt der ehemalige Prediger auch die christlichen Kirchen nicht aus der Verantwortung: "Ich würde gerne glauben, dass die Grundsätze Glaube, Hoffnung und Barmherzigkeit lauteten, aber ganz offensichtlich trifft das auf die meisten Christen oder auf das, was wir die christliche Welt nennen, nicht zu." Dieser Einschätzung liegen seine Erfahrungen als Schwarzer zugrunde. Die Erlösung, so Baldwin, endet offensichtlich beim Hinausgehen an der Kirchentüre.

Was Baldwin aber von jenen Bürgerrechtlern unterschied, die sich für den Kampf entschieden, war das Festhalten an der Liebe, verstanden nicht nur im persönlichen Sinn, sondern "im universellen herben Sinn des Suchens, Wagens und Wachsens". Baldwin zeigt sich nicht bereit, die Weißen generell als Teufel zu sehen, ihm geht es darum, gerade diesen kategorisierenden und abwertenden Blick zu durchbrechen. Umso erstaunlicher ist die Figurenzeichnung, die Barry Jenkins in seiner neuen Verfilmung von Baldwins 1973 erschienenen Roman "If Beale Street Could Talk" vornimmt. Da lässt er Officer Bell geradezu als eine Karikatur des Hasses auftreten. Dabei ging es Baldwin gerade nicht darum, den Weißen als bösen Archetypen zu zeigen. Eher könnte man seinen Roman auch als Versuch verstehen zu zeigen, wie allen ihre Rollen vorgegeben sind und wie schwierig es ist, daraus zu entkommen: Frauen, Männer, Schwarze, Weiße, Polizisten. Davon ist in dem für drei Oscars nominierten Film eher wenig zu spüren, der auch das im Roman angedeutete Faktum weglässt, dass sogar der nette Fonny seine Freundin schlägt.

Statt dessen setzt der Regisseur auf große Gefühle, was freilich auch seine Berechtigung hat, ist "Beale Street Blues" (so der deutsche Romantitel) doch vor allem ein Roman über die Liebe, allerdings eine in Zeiten des Krieges der Weißen gegen die Schwarzen. Jenkins betont die Liebesgeschichte, zeigt wie in einem Kammerspiel, das sich Zeit nimmt für Szenen und Großaufnahmen, Begegnungen zwischen den Liebenden, in der Familie und mit Freunden und verlässt diese Räume nur in Ausnahmefällen, in denen die politische Realität - auch durch historische Aufnahmen - scharf hineinblitzt. Das was diese nur in kleinen Räumen geschützte Liebe stört und das gemeinsame Glück verhindert, der allgegenwärtige Rassismus, wird nicht durch gewalttätige Szenen gezeigt, sondern vor allem durch das Ergebnis dieser Unterdrückung: Fonny sitzt unschuldig im Gefängnis, wird der Vergewaltigung bezichtigt und es scheint ziemlich aussichtslos, dass es Tish, seiner Freundin, gelingt, ihn heraus zu holen. Von dieser Gegenwart aus wird in Rückblenden die Liebesgeschichte der beiden erzählt, die unter anderem versuchen, eine Wohnung zu finden.

Stark ist der Film in manchen Details. Etwa bei dem Blick durch die Glasscheibe, die die schwangere Tish (KiKi Layne) und ihren Freund Fonny (Stephan James) im Gefängnis voneinander trennt. Durch Spiegelung wird der Zuschauer auf einmal von beiden angesehen. Oder wenn Tish, herausgeputzt für die Kunden, Parfüm verkauft und sie die lüsternen Blicke schwarzer Männer treffen, der weiße Mann aber gleich ihre Hand ergreift, um an ihr zu riechen. Eine kleine Szene über den alltäglichen Übergriff. Anderes hingegen ist unnötig aufgeblasen, etwa die böse "Schwiegermutter", oder aber auch kitschig wie der Liebesakt.

Regina King aber hat den Oscar verdient, mit dem sie für ihre Darstellung der Mutter von Tish ausgezeichnet wurde. Ihr Gesicht spiegelt all das, worüber es gar nicht viele Worte gibt: das Wissen um die Schwangerschaft der Tochter, das Wissen, dass vor Gericht die Wahrheit nicht zählt, das Wissen, wie schwierig das Leben ihrer Tochter werden wird mit einem Kind, wenn der Vater im Gefängnis bleibt, das Wissen über diese durch und durch ungerechte rassistische Welt, aber eben auch die Kraft und Entschiedenheit einer Mutter, ihrer Tochter zu helfen, und die Hoffnung und Zuversicht, dass ihre Tochter es schaffen wird, wie all die starken Frauen vor ihr. Sie ist die Mutter, die ihre Tochter liebt und sich auf das Enkelkind freut trotz der ausweglosen Lage: "Das ist ein Sakrament. Wir trinken auf das Leben."

Hundert Jahre zu früh?

James Baldwin (1924-1987) gab seinem Roman nicht zufällig den Titel nach einer Zeile aus einem Blues. In seinem Essay "Vor dem Kreuz" schrieb Baldwin auch über die Freiheit, die man im Gospel, im Jazz und vor allem im Blues hören kann. Über das Missverständnis, fröhliche Lieder seien fröhlich und traurige traurig, das die ironische Beharrlichkeit verkennt. "Sinnlich zu sein bedeutet für mich, die Kraft des Lebens, das Leben selbst zu respektieren und zu feiern und in allem, was man tut, präsent zu sein, von den Mühen des Liebens bis zum Brechen des Brots." Eine solche Sinnlichkeit spielt Regina King, dem Film im Gesamten geht diese ironische Beharrlichkeit trotz der Musik von Nicholas Britell aber ab. Der Regisseur beschneidet leider auch die Offenheit, mit der der Roman endet: mit dem Schrei des Neugeborenen.

"All das passiert im reichsten, freiesten Land der Welt in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts", schrieb Baldwin 1963 und konstatierte: "Dieses Land feiert hundert Jahre Freiheit hundert Jahre zu früh." Baldwins lesenswerte Analysen in "The Fire Next Time" gelten jedenfalls noch heute und weit über den Rassismus in den USA hinaus. Denn eine Zivilisation wird nicht von Bösewichtern zerstört; "der Mensch braucht nicht böse zu sein, nur rückgratlos." Baldwins Texte sind eine stets aktuelle Warnung. "Deshalb ist das Gefährlichste, was eine Gesellschaft hervorbringen kann, ein Mensch, der nichts mehr zu verlieren hat. Man braucht nicht zehn davon -einer reicht."

Unüberlesbar aber bleibt auch Baldwins Hoffnung: "Ich glaube, dass Menschen besser sein können als angenommen, und ich glaube, dass Menschen besser sein können, als sie sind." Und: "Ich weiß, ich verlange Unmögliches. Doch in unserer Zeit, wie in jeder Zeit, ist das Unmögliche das Mindeste, was man verlangen kann".

Beale Street (If Beale Street Could Talk) USA 2018. Regie: Barry Jenkins. Mit Stephan James, KiKi Layne, Regina King. Filmladen. 119 Min.

Nach der Flut das Feuer The Fire Next Time Von James Baldwin Aus dem amerik. Englisch von Miriam Mandelkow dtv 2019 121 Seiten, geb., € 18,50