Digital In Arbeit

Nichts zu hoffen

Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Wiener Volkstheater.

Ende schlecht, alles schlecht. Erschöpft haucht die junge Katharina Vötter als Marianne am Schluss der unbarmherzigen "Geschichten aus dem Wiener Wald": "Jetzt kann ich nicht mehr", worauf Oskar - Robert Palfrader macht aus dem Fleischhauer keinen brutalen Sauabstecher, seine Gefühlsroheit ist Teil seiner Einfalt - schlicht sagt: "Dann komm - -" Die doppelten Gedankenstriche, die Horváth hier setzt, markieren, was auch der Zuschauer ahnt: das wird noch nicht alles gewesen sein. Das aber wäre eine andere Geschichte.

Hier hat sich nur erfüllt, was der Blutwurstfabrikant seiner ehemaligen Ex-Verlobten prophezeit hatte, als sie sich gegen die vom Vater (Michael Schottenberg) verordnete Versorgungsheirat stemmt und ihn bei einem Picknick an der Donau, aus Liebe - oder was sie dafür hielt - zum unsteten Pferderennbahnspezialisten Alfred (Marcello de Nardo) hat sitzen lassen: "Mariann, du wirst meiner Liebe nicht entgehen." Nach mehr als zweieinhalb Stunden ist sie wie die Spielzeugzinnsoldaten, die sie einmal einer Kundin verkauft hatte, "Schwerverwundete" und "Fallende", eine verdinglichte Kreatur, verkuppelt mit dem Meistbietenden.

Horváths 1931 uraufgeführtes Stück ist die Reflexion eines bestimmten Gesellschaftszustandes, eine Reaktion auf die ökonomischen Erschütterungen der 20er Jahre. Es zeigt Menschen, die als Folge ihres wirtschaftlichen Ruins auch ihrer Persönlichkeit und Menschlichkeit beraubt wurden. In solchen Zeiten wird Liebe zu einer finanziellen Transaktion - und koste es das Leben. Horváths Figuren sind deklassierte, einsame, beschädigte Seelen, lauter Sprachinvalide, deren Artikulationsform für die eigenen Bedürfnisse erloschen, deren mitfühlende Wahrnehmung des anderen erkaltet ist.

Nicht zuletzt darin ist das Stück auch heute erstaunlich aktuell. Das mag der Grund dafür sein, dass Regisseur Georg Schmiedleitner darauf verzichtet, die Figuren zusätzlich als heutige Menschen erkennbar zu machen. Offenbar war ihm gerade wichtig, das Überzeitliche in Horváths Stück zu unterstreichen.

Die Inszenierung wirkt aber eigenartig blutleer und stimmungsarm, ein erstarrter Totentanz. Darüber hinaus ist sie recht unentschieden. Während die Kostüme von Elke Gattinger (teilweise) den 20er und 30er Jahren nachempfunden sind, scheint die von Stefan Brandtmayr gestaltete Einheitsbühne direkt einem Katalog über ökologisches Bauen in Vorarlberg entnommen zu sein: Eine hölzerne Riesenwelle geht im Hintergrund in eine Art fensterlosen Bungalow mit Schiebetür über.

Damit umschiffte Schmiedleitner zwar die Gefahr, ein Genre-Bild Wiener Gemütlichkeit und Heurigen-Seligkeit zu zeigen, zu erzählen vermag das aber auch nichts. Allein das Ensemble zeigt sich an diesem Abend in Form. Aus ihm ragen Erni Mangold als Großmutter, die personifizierte Bosheit, sowie Maria Bill als Trafikantin Valerie heraus, eine im Dasein balancierende Wasserstoffblondine mit einem Zug ins Ordinäre, die - illusionslos gegenüber dem dreckigen Lauf der Dinge - nimmt, was sie (an handfester männlicher Zuwendung) abkriegt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau