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Feuilleton

Offener Fall

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Albert Drach: Noch lange kein abgeschlossener Fall. Die Biographie von Eva Schobel.

Vor 100 Jahren wurde Albert Drach geboren. Dessen wird an anderer Stelle gedacht. Von seinen Büchern wird anlässlich der neuen Werkausgabe die Rede sein. Hier bleibt die Leistung der Biografin Eva Schobel zu würdigen, die sich an eine besonders schwierige, aber auch besonders dankbare Aufgabe herangewagt und diese souverän bewältigt hat.

Sie arbeitet nicht zuletzt Drachs Aktualität in einer Phase heraus, in der sich mehr Menschen als je zuvor der zeitgeschichtlichen Verdrängungen Österreichs bewusst werden, während auch die unverdrängte Inhumanität unverblümter als je zuvor Laut gibt. Drach war einer der großen Selbstdarsteller der österreichischen Literatur seit 1945, ein Stilisierer seiner selbst und damit einer Persönlichkeit von unauflösbarer Komplexität. Freilich völlig anders als Thomas Bernhard, ein in mancher Hinsicht diametraler Fall. Stilisierung und autobiografische Realität sind so verschmolzen, dass Dichtung, Stilisierung und Selbsttäuschung kaum mehr zu unterscheiden sind. Damit sind in Werk und Vita dieses Dichters die Spuren der Verfolgung und des biografischen Bruchs durch die Emigration ablesbar wie in kaum einem anderen.

Eva Schobel gelang ein Kabinettstück lesbarer, mit Zitaten angereicherter biografischer Literatur. Sie brachte auch das Kunststück einer Annäherung zuwege, die Drachs Aussparungen und Verdrängungen nicht verschweigt, aber die vom Respekt gebotene Distanz nie unterschreitet. Die starke innere Spannung beruht auf dem erzählerischen Temperament der Autorin und einer behutsamen Navigation zwischen den vielfältigen Brechungen gesicherter Fakten in Drachs Werk. Zu einer abschließenden Würdigung kann sie nicht gelangen und gelangt sie zum Glück auch nicht. Nach spätem Ruhm, baldiger Vergessenheit und später Wiederentdeckung ist Drach noch lang kein geschlossener Akt der österreichischen Literatur.

ALBERT DRACH - Ein wütender Weiser Von Eva Schobel

Residenz Verlag, Salzburg 2002

560 Seiten, Fotos, geb., e 28,90

Albert Drach: Noch lange kein abgeschlossener Fall. Die Biographie von Eva Schobel.

Vor 100 Jahren wurde Albert Drach geboren. Dessen wird an anderer Stelle gedacht. Von seinen Büchern wird anlässlich der neuen Werkausgabe die Rede sein. Hier bleibt die Leistung der Biografin Eva Schobel zu würdigen, die sich an eine besonders schwierige, aber auch besonders dankbare Aufgabe herangewagt und diese souverän bewältigt hat.

Sie arbeitet nicht zuletzt Drachs Aktualität in einer Phase heraus, in der sich mehr Menschen als je zuvor der zeitgeschichtlichen Verdrängungen Österreichs bewusst werden, während auch die unverdrängte Inhumanität unverblümter als je zuvor Laut gibt. Drach war einer der großen Selbstdarsteller der österreichischen Literatur seit 1945, ein Stilisierer seiner selbst und damit einer Persönlichkeit von unauflösbarer Komplexität. Freilich völlig anders als Thomas Bernhard, ein in mancher Hinsicht diametraler Fall. Stilisierung und autobiografische Realität sind so verschmolzen, dass Dichtung, Stilisierung und Selbsttäuschung kaum mehr zu unterscheiden sind. Damit sind in Werk und Vita dieses Dichters die Spuren der Verfolgung und des biografischen Bruchs durch die Emigration ablesbar wie in kaum einem anderen.

Eva Schobel gelang ein Kabinettstück lesbarer, mit Zitaten angereicherter biografischer Literatur. Sie brachte auch das Kunststück einer Annäherung zuwege, die Drachs Aussparungen und Verdrängungen nicht verschweigt, aber die vom Respekt gebotene Distanz nie unterschreitet. Die starke innere Spannung beruht auf dem erzählerischen Temperament der Autorin und einer behutsamen Navigation zwischen den vielfältigen Brechungen gesicherter Fakten in Drachs Werk. Zu einer abschließenden Würdigung kann sie nicht gelangen und gelangt sie zum Glück auch nicht. Nach spätem Ruhm, baldiger Vergessenheit und später Wiederentdeckung ist Drach noch lang kein geschlossener Akt der österreichischen Literatur.

ALBERT DRACH - Ein wütender Weiser Von Eva Schobel

Residenz Verlag, Salzburg 2002

560 Seiten, Fotos, geb., e 28,90